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Editorial |
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Wer sich zur Vorbereitung auf die Saison durch eine Kiste Spielzeitprospekte blättert, findet viele wahre, warme Intendantenvorworte voller schönster Versprechungen. Nichts dagegen, aber es geht auch anders. Im Heft des Maxim Gorki Theaters findet sich ein kleiner Originalbeitrag von Wolfgang Engler, dem Soziologen, Autor und Rektor der Ernst-Busch-Schule. Eine Denkpause:
Sekunde durch Hirn
Einer sehr pessimistischen Philosophie zufolge ist die Entfremdung in Gesellschaften der bei uns vertrauten Art so weit vorangeschritten, dass kein Rest bleibt, keine Regung, kein Wunsch und kein Begehren, die nicht die Imperative der vermarkteten und verwalteten Welt vollstrecken. Das Bestechende an dieser düsteren Interpretation ist ihre Unwiderlegbarkeit. Wer widerspricht und dabei auf seine Freiheit pocht, verrät nur seine Naivität. Er (oder sie) hat einfach noch nicht gemerkt, dass das «System» längst die innersten Bezirke des Selbst erobert und seinen Sinn genormt, geformt hat. Was immer sich die Individuen vorstellen, was sie denken, wollen, wählen – es fügt sich, wie von höherer Hand geleitet, in die bestehende Ordnung ein. Die «Multioptionsgesellschaft» ist ein grandioses Ablenkungsmanöver, Teil des Plans einer Vorsehung, die ihr Werk – fundamentale Alternativen aus den Köpfen und dem Streben der Menschen zu verbannen – mit rein irdischen Mitteln vollbringt. Dem Anschein nach kontrastreich, vielfältig, individualistisch wird das Leben in Wahrheit von Monotonie und Konformismus beherrscht und verströmt im festen Griff des falschen Insgesamt. Ich halte diese schwarze Utopie für übertrieben, werde mich aus den angedeuteten Gründen aber nicht aufs Glatteis einer Beweisführung begeben. Ich werde hier folglich weder von meiner Freiheit sprechen noch von der Freiheit im Allgemeinen. Auch nicht vom Denken und vom Zweifeln, den rationalen Schirmherren des untrüglichen, unverfälschten Daseins, Adieu (für dieses Mal) René Descartes. Ich rede, der Hoffnung zuliebe, von der Verletzbarkeit und vom Leiden, vom sozial bedingten Leiden, so alltäglich wie verstörend. Wenn irgendetwas imstande ist, den «glücklichen Positivismus» der Jetztzeit in die Schranken zu weisen, dann sie. In ihnen findet der große Betrug seine Meister, weil dessen Komplize, der Selbstbetrug, aus dem Gleichschritt gerät, urplötzlich. Wie aus heiterem Himmel wird das noch eben funktionsgewisse, dienstbereite Individuum von einer tief sitzenden Müdigkeit erfasst, von unbestimmter Trauer überfallen, in «Seinsverlegenheit» gestürzt. Etwas stimmt nicht, «draußen» nicht und nicht in mir, ahnt das dämmernde Gemüt und findet nicht die Zeit, dem, was in ihm aufsteigt, nachzusinnen. Schon schlägt der nächste Blitz ein und reißt eine niemals wieder zu schließende Lücke in den Bewusstseinsstrom. Infinitesimale Unterbrechungen der Kontinuität, Momente unbewusster Helligkeit: Die Zuckungen der menschlichen Natur bieten jeglicher Exploration des gegenwärtigen Weltzustandes, sei sie philosophischer, künstlerischer oder wissenschaftlicher Natur, einen Ariadnefaden dar. «Sekunde durch Hirn», so hieß eine Sammlung expressionistischer Prosa, die noch zu DDR-Zeiten erschien. Sie ist mir ebenso abhanden gekommen wie die Erinnerung an die einzelnen Stücke; geblieben ist der Titel, und der passt heute, mitten im Crash einer Frivolitätsepoche, ganz vorzüglich. Ein großer Gelehrter des zwanzigsten Jahrhunderts, Norbert Elias, hat einmal etwa Folgendes gesagt: Die soziale Welt, wie Menschen sie zumeist erleben, entspricht nur selten ihren Wünschen. Aber es liegt im Bereich dermenschlichen Kraft, sie diesen Wünschen entsprechender zu machen. Dazu muss man die Wünsche aufspüren (bei sich, bei anderen), ehe sie sich ängstlich verpuppen – oder hernach, während ihres Ausbruchs aus dem Kokon. Ein jähes Augenzucken, ein sprachlicher Aussetzer, der ringsum Peinlichkeit erzeugt, eine Handbewegung, die sich in der Welt verliert, ein Augenaufschlag, freigiebig, verschwenderisch, fern jeder Berechnung ... lauter Sekundenwachzustände des Individuums, derweil es sich abwesend dünkt; unschätzbares Material für eine Phänomenologie der Gegenwart, die sich den Nerv nicht ziehen lässt.
VON WOLFGANG ENGLER
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Inhalt |
FOYERWolfgang Engler Sekunde durch HirnEine Denkpause zum Spielzeitbeginn DAS STÜCK In Teheran ist nach den Wahlprotesten der Opposition wieder Ruhe eingekehrt, könnte man meinen. Da meint man aber falsch, wie nicht nur Claudius Lünstedt weiß: «Teheran 1386», der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei. Ein Gespräch und weitere Beiträge zur Bewusstseinslage in Iran auf den Seiten 48–55 | PETER ZADEK 1926-2009 «Mich interessiert nur die Antwort durch dein Spiel»Gert Voss erzählt von der Arbeit mit Peter Zadek Henning Rischbieter Das Äußerste im NormalenPeter Zadeks Weg von London über Ulm, Bremen und Bochum ins Herz des deutschen Theaters Bilder und Texte zu Inszenierungen von Peter Zadek 1976 bis 1999Franz Wille Prosperos InselDie Methode Zadek – ein Regieleitfaden FESTIVALWolfgang Kralicek Reden ist SilberIn Salzburg hat nicht nur Daniel Kehlmann geredet. Es gab auch Inszenierungen: von Sebastian Nübling, Jossi Wieler und Jette Steckel AKTEUREHermann Beil Lebenslängliche TheaterkerkerhaftZum Tod von Traugott Buhre Matthias Pees Hamlet auf SeeVon der Volksbühne nach Brasilien: der zielstrebige Wirrweg durch ein Dramaturgenleben DAS STÜCKInnen und außenEin Gespräch mit Claudius Lünstedt über seine Erfahrungen in Iran und sein Stück «Teheran 1386» Zoha Aghamehdi Wir bleiben wachEin Brief aus Teheran Cameron Abadi Der Schnappschuss als WaffeJuni 2009 im Iran – ein Erfahrungsbericht CHRONIKFrankfurt Zaimoglu/Senkel «Schwarze Jungfrauen», Hebbel «Gyges und sein Ring» Düsseldorf Tina Müller «Verlassen» Graz Peter Handke «Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten» Heidelberg Kleist «Amphitryon» Kassel Euripides «Bakchen» DATENPremieren im Oktober · · Hinweise · · Suchlauf – Programmhinweise MAGAZINDas Festival von Avignon zeigt eine Werkschau von Wajdi Mouawad · · Freilufttheater: Volker Schlöndorff inszeniert Tolstoi in Neuhardenberg · · Das Theaterspektakel Zürich wird überschattet vom Tod Markus Luchsingers · · Neue Räume für die Kunst in Hamburgs Gaußstraße · · «Ich merke mich nur im Chaos»: Gespräche mit Thomas Brasch · · Johanna Wokalek und Jens Harzer lesen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, ein Briefwechsel VORSCHAU | IMPRESSUM
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Das Stück |
Innen und außen2005 reiste der Dramatiker Claudius Lünstedt aus Neugier in den Iran. Er verliebte sich dort nicht nur, sondern recherchierte zwei Jahre später auch für einen Theatertext, der sich heute wie eine Vorahnung der Proteste im Juni liest: «Teheran 1386», der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei TH Claudius Lünstedt, wie kommt man als deutscher Theaterautor nach Teheran? CLAUDIUS LÜNSTEDT Meine erste Reise dorthin habe ich 2005, vor ziemlich genau vier Jahren, aus reiner Neugier unternommen. Mich hat interessiert, ob das einseitige und schreckliche Bild, das die meisten Medien vom Iran zeichneten, der Realität entsprach. Ich hatte damals gerade im Rahmen eines kleinen Jobs bei einem Münchener Tanzfest die iranische Truppe von Helena Waldmanns Inszenierung «Letters from Tentland» (vgl. TH 3/05) am Flughafen abgeholt und mit verschleierten Frauen gerechnet. Dann stand ich Iranerinnen gegenüber, die mir und unserer Gesellschaft in ihren Bewegungen, Gesten, Ausdrucksweisen alles andere als fremd waren. Außerdem hat mich ein enger Freund, der für die Berlinale arbeitet, mit seiner Vorliebe für iranische Filme angesteckt. Und nachdem wir schon einmal zusammen in Nordkorea waren, sind wir gemeinsam nach Iran gereist. TH Und was haben Sie auf diesem Abschnitt der damaligen «Achse des Bösen» entdeckt? LÜNSTEDT Wir waren überwältigt. Man bleibt in diesem Land von Anfang an auf angenehme Weise nicht alleine, wird angesprochen, aber nicht penetrant. Die Leute sind unglaublich wissbegierig und extrem gastfreundlich. Dieser Mischung kann man ziemlich schnell verfallen. Wenn man die iranische Gesellschaft besser kennenlernt, fasziniert sie wegen des Gegensatzes zwischen nach außen gezeigter Fassade und nach innen gelebter Realität, eine Gesellschaft, die zumindest in dem Teil, in dem ich mich bewegt habe, sehr offen und gebildet ist. Die Leute wissen viel mehr über uns und unsere Kultur als umgekehrt. TH Sie haben im Iran auch Ihre Ehefrau kennengelernt. Wie ist das, sich in einem Land zu verlieben, in dem Männer und Frauen sich nicht unverheiratet zusammen in der Öffentlichkeit zeigen dürfen? LÜNSTEDT Es ist natürlich alles ganz anders als hier. Und auch wenn eine Familie sehr offen ist, bleibt es eine andere Kultur. Man nähert sich viel langsamer an. Das gehört dazu, und ich habe versucht, diese Langsamkeit zu respektieren. Nach außen hin muss man aber schon ziemlich viele Regeln beachten, sonst bekommt man große Schwierigkeiten. TH Kein Hand in Hand durch die Straßen gehen? LÜNSTEDT Nicht, solange man nicht verheiratet ist. TH Was wäre passiert, wenn Sie es trotzdem getan hätten? LÜNSTEDT Man hätte uns ganz sicher angesprochen, schon weil ich nicht wie ein Iraner aussehe. Dass man als Ausländer gleich verheiratet ist, ist ja auch eher unwahrscheinlich. Aber so martialisch und brutal, wie die iranischen Behörden hier immer dargestellt werden, sind sie im Alltag oft gar nicht. Die lassen schon auch mit sich reden. Umgekehrt ist nicht nur die Polizei neugierig. Man wird ständig angequatscht. Ich hatte aber auch nie den Ehrgeiz, gegen die iranischen Vorschriften zu rebellieren und denen jetzt mal zu zeigen, wie Freiheit funktioniert. TH Wie entstand die Idee, «Teheran 1386» zu schreiben? LÜNSTEDT Der grobe Anlass war der Blick auf die per se dramatische iranische Gesellschaft mit ihrer Spaltung von innen und außen. Dann aber auch das Wissen, dass die Teheraner Bevölkerung – das Stück bezieht sich ja ausdrücklich nur auf die Stadt, nicht auf das ganze Land – in sich wieder völlig heterogen ist. Dass die einzelnen Figuren auch der jüngeren Generation zwischen 20 und 30 sich in ihren Lebensstilen, Vorstellungen und Werten extrem voneinander unterscheiden. Es hat mich gereizt, mit dieser Vielfalt, wenn auch nur bruchstückhaft, in einem Theatertext umzugehen. TH Also sind Sie wie ein Reporter losgezogen und haben Interviews geführt … LÜNSTEDT Ich hatte eine Übersetzerin, die mir eine Liste von Gesprächspartnern aus unterschiedlichen Milieus vorgeschlagen hat, Personen, mit denen sie selbst oft nur über Dritte bekannt war. Wir haben dann versucht, möglichst verschiedenartige Personen rauszufiltern und alle Himmelsrichtungen abzudecken. Die Lage der Stadtteile erzählt in Teheran schon viel über ihre Bewohner. Mich hat interessiert, was die jungen Teheraner über Freiheit, Religion, Gesellschaft, Familie und unseren westlichen Lebensstil denken. Wenn ich das direkt abgefragt hätte, wäre das aber vorbelastet und ein eher unsinnlicher Zugang gewesen. Irgendwann hatte ich die Idee: Ich muss einfach über Liebe und Beziehungen reden. Dann kommt man automatisch auf alles, weil Beziehung im Iran immer mit Religion und Freiheit und Familie usw. zu tun hat. Gleichzeitig ist es ein Thema, das Spaß macht und Geschichten hervorlockt. TH Im Stück heißt es einmal: «Iraner sind nicht gewohnt, von sich zu erzählen.» Reden sie trotzdem gern über Liebesdinge? LÜNSTEDT Es musste schon öfters Überzeugungsarbeit geleisten werden. Aber abgesprungen ist keiner. TH Wie lange haben Sie jeweils geredet? LÜNSTEDT So um die drei Stunden. Das eigentlich Anstrengende war die Übersetzung. Alles in allem habe ich für die Gespräche mit Wort-für-Wort-Transkriptionen im Frühjahr 2007 volle drei Monate gebraucht. Es war überhaupt ein Langzeitprojekt: Der Text ist letztlich erst im Dezember 2008 fertig geworden. TH Sie haben in ihren bisherigen Theatertexten sowohl auf der Basis von dokumentarischem Material gearbeitet, wie in «Musst boxen» und «Freiburg», als auch rein fiktional. In «Teheran 1386» mischen Sie journalistische und dramatische Formen. Warum? LÜNSTEDT Es gab zwei Schwierigkeiten beim Schreiben. Das eine war der Umgang mit der Sprache, die zweimal übersetzt war, nämlich aus dem Persischen ins Französische und aus dem Französischen ins Deutsche, weil meine iranische Übersetzerin gut französisch, aber kein deutsch sprach. Dadurch gab es erstmal einen ziemlichen Reibungsverlust. Das andere Problem war die Form dieses Stücks. Die erste Fassung war ein Stimmenteppich aus diesen sieben relativ disparaten Gesprächen, die konzentriert, geformt und in irgendeiner Weise miteinander in Bewegung kommen mussten. Vor allem fehlte mir das Bekenntnis zu demsubjektiven Blick von außen auf dieses Land. Also habe ich mich entschieden, meine europäische Perspektive mit den dazwischengeschobenen, kurzen Szenen und Ortsbeschreibungen hineinzuholen. TH Die Sprache dieser beiden Textstränge unterscheidet sich ziemlich: Während der «europäische Blick» im Reportagestil geschrieben ist, sprechen die Figuren eine artifizielle Sprache, in der oft die Hilfsverben fehlen. Sie prägt auch Ihre anderen Theaterstücke. Wie hat sich das entwickelt? LÜNSTEDT Seit ich angefangen habe zu schreiben, wollte ich immer möglichst konzentriert schreiben, die Essenz übriglassen. Ich überarbeite sehr viel und versuche, alleswegzulassen,was nicht unbedingt da sein muss. Also schmeiße ich alle Füllwörter und manchmal eben auch die Hilfsverben raus und versuche, eine Sprache zu formen. Wobei ich dieses Prinzip gerade etwas aufweiche – auch, weil meine letzten Stücke mehr mit Prosaelementen arbeiten und nicht nur mit Dialogen. TH Wenn man den Text jetzt im Spätsommer liest, erscheint er geradezu prophetisch, zumindest durchzogen von einem dünnen roten Faden des Widerstands: Für Narges, die Grafikerin, ist Widerstand das Thema ihrer Abschlussarbeit. Und Hamid sagt «Wir werden immer trotziger». Hätten Sie sich zwischen 2007 und 2008, als das Stück entstanden ist, ausmalen können, dass es zu einer so starken Oppositionsbewegung kommt wie im Juni auf den Straßen Teherans? LÜNSTEDT In der massiven Form habe ich nicht damit gerechnet. Aber auch nicht mit demWahlbetrug. Iran ist ja immerhin eine Theokratie mit demokratischen Elementen. Diese geringen demokratischen Anteile wurden im Prinzip ernst genommen, zumindest von denen, die sie aufgebaut haben in der Verfassung – während die Bevölkerung in den letzten Wahlen eigentlich schon keinen Sinn mehr sah. Einfach weil die Regierung wenig ändern kann im Land. Aber diesmal war es anders. Aus Frust über die letzten vier Jahre Ahmadinedschad sind die Iraner wieder wählen gegangen. Dass man ihnen aber gerade dann diesen kleinen Ausschnitt Demokratie noch mal beschnitten hat, damit haben die Iraner selbst auch nicht gerechnet, und das hat sie dann auch auf die Straße getrieben. TH Sechs von den sieben Figuren in Ihrem Stück stehen dem Regime sehr kritisch gegenüber. Dennoch scheinen die meisten Iraner nicht gleich das gesamte System auswechseln zu wollen … LÜNSTEDT Das stimmt. Es war keine Revolution, wie viele im Ausland es sich gewünscht hätten, sondern die Protestbewegung hat sich für Reformen eingesetzt. Da spielen ja schon kleinste Zeichen eine Rolle, etwa, dass Moussawi gemeinsam mit seiner Frau aufgetreten ist. Dass man keinen Systemwechsel will, ist einfach zu erklären aus den Erfahrungen der Elterngeneration mit deren Revolution. Die haben ja, wenn man nach 30 Jahren zurückschaut, damit nicht viel gewonnen: Die persönlichen Freiheiten sind unter umgekehrtem Vorzeichen ähnlich beschnitten wie unter dem Schah. Diese negative Erfahrung löst auch bei vielen jungen Iranern große Skepsis aus. Der zweite Grund ist, dass die Iraner das dumpfe Gefühl haben, dass ein Systemwechsel eine Idee des Westens wäre. Sie wollen sich lieber selber reformieren. TH Klingt nach einem schwer auflösbaren Dilemma. LÜNSTEDT Ja und nein. Die Geistlichkeit zum Beispiel ist sehr heterogen, unter den Mullahs gibt es viele Reformvordenker, die sich zum Teil sogar für die Trennung von Staat und Religion e insetzen. Und in diesem sogenannten Expertenrat sitzen wiederum keineswegs nur radikale Islamisten. Das beunruhigende Merkmal der iranischen Gesellschaft war in den Jahren zuvor, dass viele aus Frust unpolitisch wurden. Sie haben einfach versucht, möglichst viel Geld zu verdienen, sich ein paar Privilegien zu erkaufen und auf ihr Privatleben zu konzentrieren. Diese wachsende Individualisierung hat natürlich dem Wunsch, gemeinsam etwas zu erreichen, sehr geschadet. Umso erstaunlicher war es für viele Iraner, dass die letzten Wahlen diese Gesellschaft wieder so mobilisieren konnten. An den Protesten haben sich schließlich nicht nur die Wohlhabenden beteiligt – die vielleicht sogar am wenigsten –, sondern vor allem die Mittelschichten, Frauen mit und ohne Tschador, Religiöse und Nichtreligiöse. Jetzt waren alle plötzlich vereint – und das ist ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft.
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Das Stück (Teil 2) |
Wir bleiben wach - Brief aus Teheran
VON ZOHA AGHAMEHDI och nicht geboren, neu geboren oder ganz klein waren wir, als unsere Eltern die Teheraner Straßen eroberten und Hand in Hand schrieen: Unabhängigkeit, Freiheit, Islamische Republik – die haben sie bekommen. Acht Jahre heiliger Krieg mit Irak ist eng an unsere Kindheit geknüpft: Mama, was ist Krieg? – Es gibt Feinde, die uns unser Land nehmenwollen. Wir müssen aufpassen. Die Väter gehen in denKrieg, dieMamas helfen denVätern.Wirmüssen im Krieg stark miteinander sein. Wir müssen kämpfen, um unser Land zu retten. Leben in der Doppelmoral Der Krieg war zu Ende, sein Schatten immer noch da: In unseren Schulen, in unseren Familien, in unseren Kinderspielen. Bewusst oder unbewusst haben wir gelernt, dass Freiheit, Unabhängigkeit, Islamische Republik Worte sind, für die viel Blut geflossen ist. Worte, von denen unsere Eltern träumten, wurden der Albtraum unseres Lebens. EinAlbtraum, in demwir alle gleich aussehen, gleich denken, gleich sprechen und gleich glauben mussten. Ein Albtraum, der keinerlei Pluralität tolerierte. Irgendwann haben wir von unseren Eltern gelernt, uns in der Doppelmoral einzurichten:Wir in unserer Privatsphäre, wir imöffentlichenRaum... ist Teil unserer Erziehung geworden. Wir dachten schon politisch, alsKhatamimit seinem feinen Lächeln und gepflegten Mullah- Outfit auftauchte. Er sprach anders vonUnabhängigkeit, Freiheit und Islamischer Republik: Unabhängigkeit in FormeinesDialogs derKulturen, Freiheit in Form von Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und persönlicher Freiheit und Islamische Republik als ein System mit einer starken Zivilgesellschaft. Khatami war da, um die Revolution unserer Eltern zu reformieren.Wir haben ihn unterstützt, vor allemStudenten und junge Frauen, die sich etwas mehr Freiraum wünschten. Wir haben ihn gewählt. Wir haben ein kleines Fenster zu mehr Demokratie gewählt. Langsam ist unser Schwarzweißleben bunt geworden.Eine bunteGesellschaftmit einer gewissen Pluralität. Dass man anders denken darf, haben wir in dieser Zeit gelernt. Dass man anders leben darf, haben wir gespürt. Frauen profitierten ammeisten von den kleinen Freiheiten – die Kopftücher rutschten ein paar Zentimeter nach hinten, die Mäntelchen wurden ein paar Zentimeter kürzer, dasSelbstbewusstseinwurde etwas größerund der Kampf umdie Rechte etwas stärker. Vor allem in den großen Städten haben Frauen sich neu definiert. Sehnsucht nach Gleichheit und Freiheit hatmehr von ihnen an dieUniversitäten gebracht. FürFrauenausunsererGenerationwar dieUniversität nicht nur ein Platz zum Studieren, sie war auch ein Ort, an dem man zum ersten Mal Männer außerhalb seiner Familie und dem Bekanntenkreis kennenlernenkonnte.EinOrt, andemdie FrauendenGrundsteinihrerEmanzipationlegten. Die beschränkte Freiheit aus Khatamis Zeit genügte, dasswir uns, Frauen undMänner, in der Öffentlichkeit zueinander bekannten. Eswar nicht mehr tabu, zu zweit oder in einer Gruppe Ausflüge in die Berge zu machen oder sich in einem Café zu zeigen. Es war nicht mehr tabu, sich zu lieben, ohne verheiratet zu sein.Diese beschränkte Freiheit führte uns dahin, dass jeder von uns sich seinen eigenen Kreis aufbaute, in dem man sichwohl fühlte und Spaß hatte. Einen Freundeskreis aus Leuten, die wie du denken und wie du leben. Umunsere beschränkte Freiheit zu schützen, haben wir Distanz zur Politik gewahrt: Augen, Ohren und Mund zu – es geht uns gut, wie es den anderen geht, ist erst mal Wurst. Hauptsache Spaß haben, Hauptsache überleben. Acht Jahre, die eine junge Gesellschaft mit viel Tempo modernisierten – das Internet und Satelliten- Fernsehen beschleunigte diesen Prozess. Der ganzen Welt war Iran fremd, während die Iraner denwestlichenLebensstil einigermaßengut kannten. Eine Nation, in der 60 Prozent der Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist, kamwie selbstverständlichmit der Globalisierung in Berührung. Freiheit wollten wir alle Mit geschlossenen Augen haben wir ihn vor vier Jahren gewählt. Einen Mann, der aus dem Volk kommt. Einen Mann, der schön spricht – von Gerechtigkeit, Freundlichkeit und der Hoffnung auf die Zukunft. Es waren nicht nur Leute aus den kleinen Städten. In unserer Entpolitisierung sind wir von uns selbst abgefallen – nur unsere Studenten und einige unserer Intellektuellen haben die Gefahr gewittert. Unsere wohlhabende Schicht nahm damals erst gar nicht an der Wahl teil. Der Rest glaubte, dass der Mann wirklich gerecht ist, dass er an uns denkt … Der «heilige Schein» des kleinenMannesmit demgroßenMund leuchtete jede Sphäre unseres Lebens aus. Seine subtile Gewalt hat sich schleichend ausgebreitet: Unterdrückung von Studenten und Akademikern, Unterdrückung von Frauen- und Menschenrechtlern, Unterdrückung von liberalen Künstlern bis zur polizeilichen Verfolgung auf der Straße wegen «falscher» Kleidung. Die intolerierbare Intoleranz des Staats hat uns deprimiert. Der einzige Platz, wo wir uns wohlfühlten, war hinter verschlossenen Türen in unserem privaten Kreis. Alles, was draußen verbotenwar, war in unserenKreisen erlaubt. Irgendwann haben wir uns eine große Subkultur erfunden: Submusik, Subkino, Subautoren, Subpartys, Subbeziehungen. Und irgendwann sind wir dann zum Schatten unserer selbst geworden.Viele einzelne Schatten, die sich gegenseitig fremd waren. Schatten, die nur mit ähnlichen Schatten wie sie selbst zu tun haben konnten. Schatten, die die Existenz anderer Schatten vergaßen – eineArt vonGleichgültigkeit unserem gemeinsamen Schicksal gegenüber. Von dieserGleichgültigkeit hat der Staat gerne profitiert, aber vernachlässigt, dass sich die Sehnsucht nach Demokratie und Freiheit gleichzeitig vergrößerte. Die schwierige wirtschaftliche Lage, Inflation, Sanktionen, hoheArbeitslosigkeit und kaumPerspektiven für dieZukunft haben die Unzufriedenheit in uns verstärkt. Vier Jahre gingen vorüber. Das Bedürfnis, etwas zu verändern, fühlte jeder von uns. Eine Woche vor der Wahl gingen wir auf die Straße. Wir feierten, dass er bald weg ist. Nicht, dass es derWunsch von uns allen gewesenwäre, aber der Wunsch vieler von uns. Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit, aber Freiheit wollten wir alle.Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen für unsere Zukunft, aber eine bessere Zukunft wollten wir alle. Wir sind die Kinder der Generation, die vor 30 Jahren ein Unrechtsregime zu Fall brachte. Liebe für unser Vaterland haben wir während der Kriegszeit gelernt. Dass die Freiheit etwas kostet und der Demokratie eine Übergangsphase vorausgeht, wusstenwir.Dass das Systemhalbdemokratisch ist, wussten wir auch. Die Wahrheit ist, dass wir diesen langenWeg Schritt für Schritt gehen wollten: Revolution nein, Reformen schon. Wie unser Morgen aussieht, wissen wir selbst nicht. Wir wissen nur, dass wir morgen nichtmehr nur der Schatten von uns selbst sind, der jedeUnterdrückung undUngerechtigkeitmit geschlossenen Augen hinunter schluckt. Der Winter kommt, und wir bleiben wach. ZOHA AGHAMEHDI, geboren 1985, hat ihr Jura-Studium an der Teheran Universität abgeschlossen. Zur Zeit ist sie Masterstudentin an der Juristischen Fakultät der Humboldt Universität Berlin
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