Überstehen ist alles
Hamburger Sehnsüchte nach Heldentum, Ruhm, Gemeinschaft: Am Thalia Theater wüten der «Schimmelreiter» und «Das letzte Feuer», am Schauspielhaus «Die Helden auf Helgeland»
VON BARBARA BURCKHARDT
Für potenzielle Helden ist das Leben ja ziemlich langweilig in unseren Breiten. Kriegszüge kommen seit 60 Jahren nicht mehr in Frage, die Katastrophe trägt den Vornamen Klima und lässt sich noch gut verdrängen, der Sonnenkollektor auf dem Dach ersetzt den Feldzug. Die Sehnsucht nach dem Heldentum, dem Abenteuer in Gefahren, die letzte Kräfte in Anspruch nehmen, darf sich im Dschungelcamp austoben. Im Spiel ein zweites Leben führen, das gar nicht weh tut, dafür gibt es die Identifikationsmaschine Kino und viel länger schon das Theater. Seit neuerem aber auch das Internet, zum Beispiel, schwer gehyped, die virtuelle Welt des «Second Life», in dem sich das brave Alltags-Ich als Superman und Sexbombe betätigen kann. Was passiert wohl, wenn man die beiden Spiel-Welten zusammenbringt (und ganz nebenbei vom Hype noch profitiert)?
Das zweite Leben in Helgeland Viel weniger, als gedacht. Und viel mehr. Roger Vontobel setzt das vollmundig als «Mixed World Production» angekündigte Experiment im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses mit einem frühen Ibsen ins Werk. Eine Riesenleinwand schließt die Bühne von Claudia Rohner ab: der Super-Bildschirm, bigger than life. Davor stellt nüchternes Büromobiliar die Bühne voll, darüber baumelt ein Kronleuchter. An den Schreibtischen sitzen Büromenschen von heute und hacken in ihre Tastaturen, ein klarer Fall von privater Internetnutzung am Arbeitsplatz. Denn was die zwei Frauen und vier Männer im legeren Business- Look da in ihre Computer eingeben, zeigt die Leinwand: sich selbst, nur ganz anders. Der ältere Bürovorsteher in der grauen Flanellhose segelt dort oben mit weißer Wallemähne und würdigem Bart zu Brustharnisch und kurzem Rock mit ausgebreiteten Armen über Land und Meere und ist – Ibsenheld Örnulf im Anflug auf Helgeland. Wir haben es mit Avataren zu tun, den selbstgebastelten Stellvertretern realer Menschen auf der Internet-Platform «Second Life».
Während der virtuelle Örnulf fliegt, rekapituliert der reale Örnulf (Jürgen Uter) am Tisch die uralte nordische Mär, die der junge Henrik Ibsen 1857 als «Nordische Heerfahrt», hier «Die Helden auf Helgeland» genannt, zu Papier brachte und die starke Parallelen zur deutschen Nibelungensage aufweist. Einst errang Gunnar (Hans-Caspar Gattiker) Hjördis (Jana Schulz), die superstarke Pflegetochter des Örnulf, indem er einen Eisbären in ihrem Schlafgemach besiegte. Angeblich. Tatsächlich war es Sigurd (Janning Kahnert), der im Dunkeln Freund Gunnar zuliebe den Eisbären tötete und Hjördis dem Freund überließ, um selbst Dagny (Julia Nachtmann), Örnulfs echte Tochter, zu rauben. Vier Jahre später geht es auf Helgeland ans große Aufrämen: Alle Versöhnungsversuche scheitern, alle Lügen werden aufgedeckt, unschuldige Leichen pflastern die Strände. Es geht um Liebe und Rache, Riesengefühle und noch riesigere, längst verschollen geglaubte Werte: Ehre! Ansehen!
Ein großer Schinken, eine gewaltige Schmonzette. Und in der ersten halben Stunde in Hamburg nicht viel mehr als ein unbeholfen illustriertes Hörspiel, zu dem mehr kuriose als beflügelnde Avatare abgehackt asynchron auf der Leinwand zappeln. Das ist – ziemlich langweilig. Wahrscheinlich lösen Avatare Adrenalinschübe doch nur aus, wenns der eigene ist, von der eigenen Maus gesteuert.
Dark Lady Jana SchulzDoch dann finden Hier und Dort, Bühne und Internet, zueinander: Die Animation zeigt plötzlich eben jene Computertische, die vor uns stehen. Und wo im Theater die Leinwand mit dem Blick ins Internet die Bühne begrenzt, eröffnet im Second Life ein Panoramafenster den Sehnsuchtsblick ins Weite, aufs Meer. Hjördis springt auf den Tisch, eine Konfettikanone knallt den Startschuss, und es beginnt: ein Spiel ohne Mausklick, ganz gespannt im Hier und Jetzt. Es ist Hjördis’ Spiel: Jana Schulz, die da so enorm strange im falschen Leben hockt wie auf ihrem falschen Ehemann, den sie zum Übertrumpfungstanz antreibt gegen Sigurd, den verhassten Begehrten mit Schwester Dagny auf den Schultern. «Die größte Tat» fordert Hjördis vom harmlosen Gunnar und hält ihm das Metrohr vor die Hose. Keine Frage, hier geht es auch um sexuelle Frustration.
Doch jeder Versuch, den netten Gunnar zum Helden herzurichten, geht ins Leere. Und Jana Schulz wird zu einer verstörten Lady Macbeth, die verspricht und schmeichelt, um ihre Rache ins Werk zu setzen, und dann wird sie zum nackten, verkrümmten Hass. Das ist die wildeste Bühnennummer seit längerem im Zwischenreich von Fantasie und Realität. Das Theater kann, hatte man fast vergessen, sehr viel bigger sein, als der Bildschirm es je werden könnte. 1:0 für den echten Körper.
Schade bloß, dass keiner in diesem wilden, maßlosen Wahn der Lebensgier mithalten kann. Aus Pappmaché ist das Sixpack, das sich Sigurd umgeschnallt hat, und als er es ablegt, kommt darunter die bleiche Hänflingsbrust der Realität zum Vorschein. Einsam gerüstet behauptet die wilde Wikingerbraut die Tischplatte, allein. Eine Verrückte, der im traumlosen Hier und Jetzt nicht zu helfen war. Vontobel hat ihre Geschichte mit Ironie und Sympathie erzählt, Jana Schulz sie tollkühn gespielt.
Schimmelreiters HeldendämmerungHelden sind in der zivilen Moderne eine kuriose Unmöglichkeit. Das wusste auch schon der bürgerliche Realist Theodor Storm. Sein nordischer Held, Deichgraf Hauke Haien, wirft sich den Naturgewalten im Alleingang entgegen und baut einen Deich gegen alle Widerstände des gemeinen Mittelmaßes: ein moderner Held, also ein Freak, sozial inkompetentes Ingenieursgenie und Besessener, der an seiner Hybris zugrunde geht. Und schon Storm rückt seinen Helden ins quasi Virtuelle, indem er seine Novelle vom «Schimmelreiter» in gleich zweifacher erzählerischer Rahmung ins mythologische Ungefähr der Legende verlegt.
Das Raunen ist der Grundsound solcher Überlieferung; das Raunen beschwört gespenstische Schimmel, das schäumende Meer, die dräuende Katastrophe. Als optische Entsprechung kommt das Dunkel dem epischen Raunen wohl am nächsten, und also hat Jorinde Dröse ein Nachtund Rede-Stück auf Susanne Schuboths leere, schwarze Bühne gestellt, auf der eine Empore den Deich markiert, der Boden ein Pfützenmeer, mit Stegen überbaut. Wasser ist die Metapher des Abends: aus Eimern geschüttet, vom Bühnenhimmel herabfallend. Vor Naturgewalten kapituliert die Bühne, naturgemäß.
Nach «Effi Briest» und den «Buddenbrooks» stellt das Thalia zum dritten Mal einen norddeutschen Alltime-Bestsellerroman auf die Bühne, John von Düffel hat ihn dramatisiert. Angepeilt war die Fortsetzung einer Erfolgsserie. Doch anders als bei Fontane und Mann lässt sich mit Storms fast dialogfreier Schullektüre kaum mehr anstellen als ein braves Schippern im epischen Fluss mit theatralischen Inselchen. Jeder aus der mobbenden Dorfgemeinschaft tritt mal kurz aus der Rolle, um die über Jahre gehende Geschichte an der Rampe ein bisschen weiter zu befördern: ein Chor vortrefflicher Dumpfbacken (darunter Peter Jordan und Harald Baumgartner) mit erotischen und pekuniären Partikularinteressen, die Fluppe demonstrativ im Mundwinkel.
Ole Lagerpusch spielt den jungen Hauke als fast autistischen Hochbegabten mit Babyface, dem älteren Haien verleiht er die Kontur des störrisch anmaßenden Einzelgängers. In Verein mit Paula Dombrowskis höchst herber Elke ist die seltsame Liebesgeschichte zweier in die Ratio verliebter Sonderlinge noch der spannendste Teil einer Inszenierung, die sich trotz plakativer Effekte (der alte Deichgraf im Papierbötchen, Glanz und Glitter für den neuen Knecht, Schlamm und Matsch fürs Bullying) zweieinhalb Stunden erstaunlich zäh hinschleppt, bis der Deich endlich bricht. Eine Heldendämmerung, höchstens.
Rabenschwarzes «Letztes Feuer» Helden? In der dritten Hamburger Premiere zum neuen Jahr ist nur noch Dämmerung. Rabe ist zwar Soldat, aber aus einem ungenannten Krieg nicht als Held, sondern als Traumatisierter zurückgekehrt. Andreas Kriegenburg inszeniert Dea Lohers neues Stück «Das letzte Feuer», einen Text mit einer fast unabsehbaren Anhäufung von Unglück, Leid, Mord und Tod, und kein Erlöser weit und breit. Der eben im «Glasscherbenviertel» der großen Stadt eingetroffene Rabe wird Zeuge, als der achtjährige Edgar überfahren wird, von Edna, die in einer wilden Verfolgungsfahrt hinter Olaf her ist, den sie für einen Terroristen hält. Er ist aber nur ein zugekokster Arbeitsloser, der sich den Wagen «ausgeliehen» hatte – von Karoline, krebskrank und brustamputiert, die die Geliebte von Ludwig, Edgars Vater, ist, dann des Fremden Rabe. Ludwig hat aber auch eine Frau, Susanne, und eine Mutter, Rosmarie, alzheimerkrank, die er in der Badewanne ertränkt. Susanne verliebt sich in Rabe, ein kurzes Glück, dann ein großes Unglück.
Dieses verwickelte Schmerzensszenario wäre nur abstrus, käme es als realistisches Drama daher. Was die vertraut klingenden Alltagsnamen, die präzisen Berufsbezeichnungen (Polizistin, Angestellter, militärische Einsatzkraft, Musiklehrerin, arbeitsloser Ex-Portier) nahelegen und was Lohers Sprache sofort konterkariert. Über weite Strecken stürzt sie sich tollkühn in ein durchaus nicht pathosfreies, rhythmisch gebundenes Sprechen, ein vielstimmiges poetisches Erinnern, das die Geschichte aus vielen Geschichten zusammenstückelt und nur gelegentlich in kleine Szenen alltäglicher Dialoge mündet. Susanne, Ludwig und Rosmarie, Edna und Karoline, Olaf und Peter sind Jedermann und Jederfrau, ihre traurigen Geschichten ein großer Klagegesang aus einer dem Zufall unterworfenen Welt ohne Sinn, Schönheit und Verstand, deren einzige schwache Hoffnung darin liegt, dass sie sich im dissonanten Chor der Vielen, fragmentiert, erzählen lässt. Noch. Ein Wir, das sich verfehlt, aber sucht.
Im Sog der Drehbewegung Kriegenburg findet am Thalia Theater eine beeindruckende szenische Entsprechung für das Lohersche Verfahren aus Scheinrealität und Überhöhung: Er setzt Lohers Menschlein einerseits in ein Bühnenbild von lange nicht mehr gesehenem detaillierten Requisitenrealismus aus Wasserflecken, Tütenlampen, Leergut, Wandschmuck, Tapetenvielfalt, Doppelbett und Couchgarnitur, angesiedelt im ästhetischen Ungefähr eines braun-grauen Spießerelends irgendwo zwischen 50er und 70er Jahren. Und er bringt sie ins Trudeln. Die traurige Zimmerfolge nämlich hat Bühnenbildnerin Anne Ehrlich im Kreis auf einer Drehbühne angeordnet, die sich unablässig gegen den Uhrzeigersinn bewegt: ein Wohnzimmer mit Klavier, ein türkis gekacheltes Siffbad, eine Wohnküche mit Fernseher, ein Schlafzimmer mit Dusche, die Diele und der schmale Durchgang zwischen Haus Nr. 126 und Nr. 127. Die Räume werden mit jeder Drehung unmerklich verändert, ein Bild verschwindet, das Leergut häuft sich. Vergehende Zeit, die Spuren hinterlässt (und eine logistische Meisterleistung der Bühnenarbeiter). Die Schauspieler hasten durch die Räume, immer gegen die Drehbewegung, wenn sie stehenbleiben, was sie selten tun, dreht es sie aus dem Zuschauerblick, dazu tröpfelt Laurent Simonetti einen sparsamen Wiederholungssound in die Gehörgänge. Nach einer halben Stunde liegen die Nerven blank: Bitte Ruhe! Bitte Anhalten! Bitte ein Fokus!
Aber Kriegenburg dreht weiter und weiter, und irgendwann ist nicht nur die Metapher klar, das Leben als ewige Schleife, ein stetes, sinnfreies Wiederholen. Die Suggestion setzt ein, aus dem Nervtötenden wird ein somnambuler Sog hinein in diese Szenen aus dem beschädigten Leben. Gegen das die da oben anrennen, immer im Kreis, in ihren knielangen Röcken und tristen Jacken, braun, grün, beige, mit denen Andrea Schaad sie ins modische Nirgendwo zeitloser Schäbigkeit kostümiert hat.
Es sind Unglücksraben von schönster spielerischer Präzision, die sich da dem Diktat der Drehbühne unterwerfen: die staksige Lisa Hagmeister als gehetzte «Profilerin» der Kripo mit dem absurden Erfolgskriterium Empathie – das, was hier jeder braucht und jedem fehlt und sie fast selbst zur Selbstmordattentäterin macht. Hans Löw, der hyperaktive Schlaks, den man noch nie so zurückgenommen und in sich verkrochen sah wie hier als Fremder, aus dem Krieg heimgekehrt aufs Schlachtfeld Normalität: «Immer fehlt was.» Löw spielt ihn, als wolle er verschwinden, bis er am Ende ausrastet, fast zum Mörder wird, um sich dann selbst anzuzünden – das letzte Feuer. «Ich habe das Versehrte vermisst», hatte er zu Karoline gesagt, als er ihre Brustprothese mit seinen verstümmelten Fingern streichelte – Susanne Wolff mit den Stützstrümpfen, die sich immer größere Prothesen umschnallt im Laufe des Abends. Schön und verloren war sie auch ohne.
Jörg Pose verteilt als Vater des toten Kindes unauffällig gescheitelt und bebrillt und zum Erschrecken rührend ausgefüllte Lottoscheine im Hausmüll der Anderen, um den absurden Beweis zu erbringen, dass der blinde, grausame Zufall und nichts sonst Leben und Tod, Glück und Unglück bestimmt. Und die Mutter, Natali Seeligs Susanne, ist eine große Trauernde unterm strähnigenHaar, die im Schleppschritt den letzten Begleiter ihres Sohnes, der ihr letzter Liebhaber wird, über die Drehbühne verfolgt, von Zimmer zu Zimmer, deren Türen sich vor ihr öffnen von der Geisterhand der anderen oder knallend schließen. Am großartigsten aber ist Katharina Matz als Edgars Großmutter Rosmarie. So zart, wach und unsentimental wie diese Alzheimerkranke ist keine der Elendsgestalten: das Vergessen ein Geschenk, das die Routine durchbricht, und jeder Moment neu. Krankheit als Glück. Ein trauriger Scherz. Da kommt selbst die Bühne zum Halten, und die Musik gibt Ruhe.
Am Ende sind die Zimmer leer. Susannes und Rabes Hinterbliebenenliebe ist zerschlagen, unter den Blicken der anderen im letzten Feuer verglüht. Zum Epilog trifft man sich in der Küche, die Toten, die Überlebenden, ein Gespenstertreffen. Und, tatsächlich, noch ein kläglicher Witz, ganz zum Schluss: Karoline hat sich selbstständig gemacht. Mit einem Spezialgeschäft für erotische Prothesen.
Wer spricht von Siegen? Überstehen ist alles!
NÄCHSTE VORSTELLUNGENDie Helden auf Helgeland, Hamburg, Malersaal Schauspielhaus, 1., 22.03.
Der Schimmelreiter, Hamburg, Thalia Theater, 4., 13., 17., 22.03.
Das letzte Feuer, Hamburg, Thalia Theater, 11., 18., 21., 28.03.