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FOYER
Tatort Volksbühne
Die Berliner Polizei ermittelt – ein Anruf bei Sprecher Bernhard Schodrowski


DAS STÜCK
EWALD PALMETSHOFER, in dieser Spielzeit Hausautor am Schauspielhaus Wien, lässt seine Figuren lange reden, ohne dass etwas passiert. Dabei geschehen die unglaublichsten Dinge. – Ein Autorenporträt und die Uraufführung von «hamlet ist tot. keine schwerkraft» (der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei) auf den Seiten 36–40


THEATER GEGEN RECHTS

Bernd Noack
Aktion Noteingang

In Sachsen-Anhalt haben sich die Theater zum Widerstand gegen Rechts
zusammengetan. Ein Report aus Eisleben, Halle und Halberstadt
Die Rechten sind nicht nur die anderen
Ein Gespräch mit den Regisseuren Volker Lösch und Armin Petras sowie
dem Dresdner Dramaturgen Stefan Schnabel über die Notwendigkeit der
Selbstaufklärung, strukturelle Gewalt und Theater als sozialem Ort

AUFFÜHRUNGEN

Barbara Burckhardt
Zumutung Liebe
Ehekrieg und Mythos: An den Münchner Kammerspielen inszeniert
Stephan Kimmig Tom Lanoyes «Mamma Medea»
Eva Behrendt
Von Spendern und Sponsoren

Christoph Marthaler lädt nach Zürich in die Rote Fabrik zum «Platz Mangel»
Helmut Schödel
An der Wertewerkbank

Große Stoffe an der Wiener Burg: Nicolas Stemann dramatisiert Dostojewskis
«Brüder Karamasow», Thomas Langhoff inszeniert «Wallenstein»

BERLINER LEKTION

Ulrich Khuon
Verändern durch Passionswissen
Über Theaterarbeit zwischen Autonomie und sozialer Verbindlichkeit,
die neue Sehnsucht nach dem Ortssinn und das Elend eines gesteigerten
Individualismus

AKTEURE

Franz Wille
Das Denken ist immer zu spät

Ewald Palmetshofer macht es sich nicht leicht mit seinen Stücken: ein Porträt
des Autors von «hamlet ist tot. keine schwerkraft», uraufgeführt in Wien

AUSLAND PARIS

Dorothee Hammerstein
L’ Art du théâtre

Intendantenwechsel an der Seine; Luc Bondy inszeniert Marivaux

CHRONIK

Berlin Alfred Döblin «Berlin Alexanderplatz»,
Erich Kästner «Emil und die Detektive»
Dresden Rebekka Kricheldorf «Neues Glück mit totem Model»
Düsseldorf Aischylos «Die Orestie»
Lars von Trier «Europa»
Frankfurt Einar Schleef «Gertrud»
Jena Margareth Obexer «Das Geisterschiff»
München Juli Zeh «Schilf»
Zürich Velma «Requiem»

DATEN

Premieren im Februar · · Hinweise · · Suchlauf – Programmhinweise

MAGAZIN

Römisches Theater mit Aldo Moro und den «Riesen vom Berge» · ·
«History will repeat itself», eine Ausstellung in Berlin und Dortmund · ·
Einar Schleef, Tagebuch 1977-1980 · · Die ARD-Hörspieltage
im ZKM Karlsruhe · · Deutsches Subventionstheater · ·
Gegenkritik: Nicolas Stemann

VORSCHAU|IMPRESSUM

REGISTER 2007

Foyer
foyer 02 / 08 Tatort Volksbühne

Ein Anruf bei der Polizei, dem Freund und Helfer: Der Pressesprecher der Berliner Polizei, Kriminalhauptkommissar Bernhard Schodrowski, über die Tränengas-Attacke in Frank Castorfs «Emil und die Detektive»

THEATER HEUTE Hallo, hier ist Eva Behrendt von «Theater heute» …
BERNHARD SCHODROWSKI «Theater heute»! Ich warte seit drei Jahren
darauf, dass Sie anrufen! Obwohl ich zugeben muss: Das letzte Mal,
dass ich Ihre Zeitschrift gekauft habe, war, als das Interview mit Harald
Schmidt drin war.
TH Ich bin schon gerührt, dass die Berliner Polizei überhaupt «Theater
heute» kennt.
SCHODROWSKI Och, ich kenn auch «Du» und «Lettre International» …
TH Ich rufe an, weil Ende Dezember an der Berliner Volksbühne in
einer Vorstellung von «Emil und die Detektive» offenbar statt mit
Platzpatronen mit Tränengas geschossen wurde. Wie ist denn der
Stand der Ermittlungen?
SCHODROWSKI Ob tatsächlich auf der Bühne mit Tränengas geschossen
wurde, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Wir wissen,
dass während dieser Vorstellung am 29. Dezember um 19.30 Uhr
verschiedene Besucher fluchtartig das Theater verlassen haben. In
einer Szene wird auf der Bühne geschossen. Kurz darauf gab es eine
leichte Unruhe im Zuschauerraum, sieben Zuschauern im Alter zwischen
37 und 55 haben die Augen getränt, und sie gingen nach draußen.
Einer von ihnen hat die Polizei alarmiert. Die Kollegen haben
dann naheliegenderweise die Waffe beschlagnahmt, die
in der Aufführung zum Einsatz kam, und auch die verwendeten
Kartuschen. Die untersucht jetzt die Kriminaltechnik.
Zur Zeit ermitteln wir wegen fahrlässiger
Körperverletzung.
TH Tränen der Rührung schließen Sie aus?
SCHODROWSKI Ich wüsste gar nicht, wo man die in
«Emil und die Detektive» anbringen könnte. Sofern ich
mich erinnern kann, ist es ein turbulenter Krimi – ich
habe das Buch geliebt, als ich Kind war.
TH Der Schauspieler Georg Friedrich feuert in Frank
Castorfs Inszenierung mit einer Maschinenpistole und
Schreckschusspatronen direkt ins Publikum. Schon in
der Kindervorstellung fünf Tage zuvor haben deshalb
viele Eltern mit ihrem Nachwuchs empört das Theater
verlassen. Darf man aus der Perspektive der Polizei im
Theater so brutal so tun, als ob man auf Menschen
schießt?
SCHODROWSKI Das Ganze muss schon unter dem Begriff
«Freiheit der Kunst» betrachtet werden, und die ist
ein wahnsinnig hohes Gut. Theater – und das ist jetzt
meine Privatmeinung – hat auch immer was mit Provo -
kation zu tun, mit dem Überschreiten von bestimmten
Grenzen. Gerade wenn man sich eine Inszenierung der Volksbühne
ansieht, kann man ja davon ausgehen, dass es dort etwas experimenteller
zugeht. Man hat genauso die Freiheit zu sagen: Ich guck mir das
Stück einfach gar nicht an.
TH Wie lange wird die Ermittlung noch dauern?
SCHODROWSKI Jetzt kann ich natürlich platt sagen: bis sie zu Ende
ist. Aber wir müssen innerhalb von drei Monaten einen Vorgang so
weit haben, dass wir ihn zur Staatsanwaltschaft schicken können. Das
Haus war voll zwischen den Jahren, viele Zuschauer kamen gar nicht
aus Berlin. Wenn Sie dann Zeugen sprechen wollen, müssen Sie die
erstmal im Ausland oder in einem anderen Bundesland erreichen.
Und wir müssen an die Schauspieler herankommen, die auch nicht
zwingend darauf warten, dass mal die Polizei vorbeikommt. Gottseidank
ist ja nichts allzu Schlimmes passiert.
TH Sie sind dem Theater so zugewandt. Wie kommt’s?
SCHODROWSKI Ich bin Katholik und Ministrant. Da entwickelt man einen
Sinn für Inszenierungen. Und wenn Sie einmal im Alter von fünf
Jahren im Weihrauch ohnmächtig geworden sind, dann schmeißt Sie
auch später nichts mehr um. Dann stellen Sie sich im Job einfach
hin und geben dem Affen Zucker.

Bernhard Schodrowski
war Theologiestudent,
Anzugverkäufer und
Synchronsprecher, bevor
er 1991 zur Berliner
Polizei kam
Autorenporträt - Das Denken ist immer zu spät
Ewald Palmetshofer fitzelt lange an seinen Stücken herum.
Dafür sind sie am Ende auch ziemlich fertig. Ein Autorenporträt und die Uraufführung
von «hamlet ist tot. keine schwerkraft» in Wien
von FRANZ WILLE



Wenn sich Ewald Palmetshofer nach seiner ersten, sehr erfolgreichen Wiener Uraufführung verbeugt, sieht das etwas ungewöhnlich aus. Der Oberkörper winkelt rechteckig in der Hüfte ab, die Arme schwingen nach hinten, und der Kopf bleibt hart in den Nacken geworfen, die Augen weit offen. Als Empfangshaltung eher für Peitschenhiebe als Applauswellen geeignet, und als Absprung vom Startblock ein sicherer Bauchplatscher. Man kann es aber auch so sehen: Ewald Palmetshofer hält den Kopf immer weitestmöglich oben und lässt sein Publikum nie aus den Augen. Und wenn es unten noch so klatscht
und patscht.
Die Anstrengung ist verständlich, denn im Kopf von Ewald Palmetshofer bewegen sich die allerschwersten Jahrhundertprobleme. In einem angemessen schwarz hinterlegten Textbalken begrüßt zum Beispiel den arglosen Programmheftleser von «hamlet ist tot. keine schwerkraft» gleich auf der zweiten Seite ein originaler Palmetshofer Theorietext, der es in sich hat: «Während das Denken des 20. Jahrhunderts noch lange nicht zu seinem Ende gekommen ist, ist das Subjekt des Denkens schon längst im neuen Jahrhundert angelangt. Und während dieses erste Denken seinem Abschluss entzogen scheint, ist ihm als Denken des neuen Jahrhunderts, einem Denken der Gegenwart, auch sein eigener Anfang verborgen. Das Denken der Gegenwart hat seine Vergangenheit noch vor sich und seine Zukunft ist immer schon zu viel Gegenwart, als dass es ein Innehalten für es gäbe. Das Denken ist immer schon zu spät und der Augenblick des Jetzt immer zu früh.» Man könnte natürlich auch einfach sagen: «Die Zeit vergeht.» Aber dann vergeht sie doch nicht so richtig. Außerdem klänge das nicht so schön nach Heidegger und Lacan und Derrida und vor allem Alain Badiou, dem ergrauten postmarx - modernen Theoriestar, der in seinem jüngsten Werk «Das Jahrhundert» auch so unauslotbar tiefe Stellen hat wie: «Sartre und Foucault denken folgendes: Entweder ist der Mensch die Zukunft des Menschen (Sartre) oder seine Vergangenheit (Foucault). Seine Gegenwart kann er nur sein, wenn er auf die Konturen des Tiers, das er enthält und das seine Infrastruktur ist, reduziert wird.» Das musste den sterblichen Menschentieren mal dringend gesagt werden. Wir halten jedenfalls fest: Es gibt Probleme mit der Gegenwart und wann sie anfängt.

Mit einem Fuß im Sozialding
Solche Schwierigkeiten sind nicht neu. Aber es gab schon lange kein so schönes Familienstück wie «hamlet ist tot. keine schwerkraft», das einerseits alles kann, was Ibsen auch konnte – langsames Entblättern der menschlichen Fassadenhintergründe –, aber den alten Norweger dabei endlich so alt aussehen lässt, wie er tatsächlich ist: ein gutes Jahrhundert nämlich. Und an dem man sehr schön sehen kann, was so ein ganz normaler Gegenwartskopf heute alles aushalten muss. Obenrum noch gut aufgehoben im späten 19., während die Füße schon durchs 21. wandern. Und irgendwo dazwischen diese ewige Gegenwart, die gleich wieder vergeht und trotzdem nie aufhört. Ewald Palmetshofer, soviel erfährt man aus dem Programmheft auch, wurde 1978 im Mühlviertel geboren, hat einmal quer durch die Geistesfakultäten studiert von Theaterwissenschaft und Germanistik über Theologie zu Philosophie, Psychologie und Pädagogik – das ganze Faust-Programm. Obendrein gehört er seit zwei Jahren und zweieinhalb Stücken zu den zwischen Graz, Wiesbaden, New York und Wien herumgereichten Dramatikertalenten, das im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen nicht nur viel verspricht. Was man im Programmheft nicht erfährt, ist, dass dieser Bildungsroman keine Selbstverständlichkeit war. Denn das Mühlviertel ist weit, und Ewald Palmetshofer stammt aus Mönchdorf, einem kleinen Dorf50 Kilometer von Linz entfernt, von wo es sieben Kilometer mit dem Bus in den nächstgrößeren Ort zur Hauptschule und später 25 Kilometer ins Gymnasium ging. Die Mutter Schneiderin, der Vater bei den Voest-Stahlwerken mit dem Rangieren von Güterzügen beschäftigt. Eine Schwester, vier Jahre jünger, studiert jetzt Anglistik, zweiter Bildungsweg. Ins Theater nach Linz kam man nur sehr ausnahmsweise, weil die Familie noch lange kein Auto hatte, und wie soll man da abends nach der Vorstellung schon rein praktisch wieder die 50 km zurück? Von nicht unerheblicher sozialer Schwellenangst noch gar nicht zu reden. Danach ging es zum Zivildienst in eine Behindertenwerkstätte nach Oberösterreich, dann nach Wien, wo er sich die letzten Jahre ebenfalls im Sozialbereich Studium und Brötchen verdient hat, erst zweieinhalb Jahre als Betreuer in einer Einrichtung für sozial benachteiligte Jugendliche, zuletzt in einem Tageszentrum für Obdachlose. Davon erzählt Ewald Palmetshofer nicht viel, aber man kann sich auch so vorstellen, dass sich das «Sozialding» nach der Arbeit nicht immer so einfach abschütteln lässt und reines Vergnügen anders aussieht. Das Studium übrigens könnte, wenn die ausufernde Diplomarbeit («ein bissel explodiert») über Lacan und Zizek und Badiou erst einmal fertig ist, in einen Religions- und Philosophielehrer münden, also: Pädagogik und letzte Fragen. Seit dem Guten, Wahren und nicht immer Schönen die ideale Theaterkombination.

Achtelsatzfetzen
«Seit Gott tot, ist der Himmel leer», heißt es in «hamlet ist tot», in der ersten wie der letzten Szene: «Aber als leerer Himmel ist der Himmel eine Maschine.» Und die müsse man sich vorstellen wie so einen Amtsautomaten, an dem jeder seine Zahl ziehen muss, die dann regelt, wie wichtig man ist im «globalen Rechnungswesen der Gegenwart und in der zukünftigen Bilanz am Ende aller Geschäfte». Die sechs Personen im Stück jedenfalls haben nicht gerade den Bedeutungshöchstgewinn gezogen: Vater Kurt und Mutter Caro pflegen eine durchschnittlich verlogene Mittelstandsehe, Sohn Mani und Tochter Dani dazu eine gepflegte Inzestliebe, und deren alte Freunde Oli und Bine sind um ihr selbstbeschränktes Jungeheglück auch nicht bedingungslos zu beneiden. Aber um Werner Schwabsche Subsozialdrastik geht es eigentlich gar nicht, und worum es geht, nimmt einen langen Anlauf. Denn erst einmal trifft man sich ganz zufällig auf der Beerdigung von Hannes, dem alten Freund von Mani, Dani, Oli und Bine. Dort läuft Ewald Palmetshofer zu großer Form auf, auch wenn alle scheinbar nur auf der Stelle treten und sich die Achtelsatzfetzen des orientierungslosen Alltagsredens wie bei einer Bridgepartie durch die Friedhofsluft zuschieben. Beim Bridge passiert auch lange nichts, bis alles zu spät ist. Solche Dialoge, da kann die Gegenwart noch so unterbestimmt zwischen Vergangenheit und Zukunft hängen, hat vor Ewald Palmetshofer noch keiner geschrieben. Dabei kann man sich, obwohl äußerlich und innerlich wenig vorangeht, über mangelnde Handlung nicht beschweren. Die 95-jährige Oma des Hauses wird just am Abend ihres Geburtstages von ihrer netten Tochter mittels einer kleinen Stolperschnur die Stiege hinab in den Genickbruch befördert; die nervtötende alte Dame wollte und wollte nicht sterben. Auch der gute drogensüchtige Hannes musste nur deshalb beerdigt werden, weil ihn sein Vater bei der familiären Beschaffungskriminialität erschossen hat und sich selbst, deprimiert über den Ehebruch der Gattin mit dem Vater von Mani/Dani, gleich hinterher. Doch dergleichen und mehr aus der ganz normalen Gruselfamilientragödie erfährt man eben nur im nebensächlichsten Achtelsatznebenbei, dem sein eigener Anfang verborgen ist, weil die Gegenwart so verkeilt in der Vergangenheit hängt, dass sie in Zukunft auch nicht besser wird. Und spätestens an dem Punkt hat der manchmal etwas banale Monsieur Badiou vielleicht doch nicht ganz unrecht. So ein paar kapitale Familienverbrechen regen jedenfalls keinen der hier Beteiligten und Unbeteiligten mehr auf, und Folgen für die mehr oder weniger schuldigen Hinterbliebenen haben sie schon gar keine: Dinge geschehen, und wenn sie nicht geschehen wären, wäre auch nicht viel weniger passiert. An große Ereignisse, zumal politische, die in seinem Leben etwas verändert hätten, kann sich Ewald Palmetshofer nicht erinnern. Obwohl bestimmt zwischen Mönchberg und Wien immer viel passiert ist. Eine Epochenschwelle wie ’68 ist graue Vorzeit für einen heute Dreißigjährigen in Wien, die Wende hat in Deutschland stattgefunden und 9/11 in New York. Da muss sich auch Hamlet nicht mehr den Kopf zerbrechen, ob man Claudius nun umbringen soll oder nicht. Königsmorde und andere Entscheidungsdilemmas haben sich für Ewald Palmetshofer angesichts der gegenwärtigen Weltlage genauso erledigt wie allfällige Generationengräben. Wo keine einschneidenden Erlebnisse die Biografien mehr unterscheiden, sind die einen nur ein bisschen älter oder jünger, und alle leben mehr oder weniger den gleichen Mist, siehe Kurt, Caro und Konsorten.

Lebenslängliche Gemeinschaftsfolter

Regisseurin Felicitas Brucker versucht gar nicht erst, dem langsamen Entblättern der familienkriminellen Zusammenhänge sinistre Gespenster-Atmosphäre abzugewinnen. Morbides Fassadenbewusstsein war gestern, heute trägt man die psychosoziale Unterwäsche eher grell, damit wenigstens auf diese Weise etwas Farbe und Bewegung ins Leben kommen. Das sechsköpfige Schauspielhausensemble verteilt sich fast altershomogen auf die drei Paare, jeder gibt angestauten Ausdrucksdruck wie Formel-1-Boliden kurz vorm Start. Den bösesten Gasfuß am qualmenden Reifen spielt Nicola Kirsch. Wenn ihre Dani im abgefeimten Allerweltsgerede über die Einzigartigkeit der Liebe nachsinnt und ihre aufsteigende Wut über einen besonders abgedroschenen Liebhaber-Spruch dem Publikum um die Ohren donnert, ist man noch der löchrigsten vierten Wand für ein wenig Restschutz dankbar. Ihr Liebesersatzbruder hat sich bei Stephan Lohse eine allerdings sehr vordergründige Gemütlichkeit zurechtgelegt, deren dünner Lack bei geringster Belastung zerspringt, und das etwas erfolgreichere und sozial stebsamere Gegenpaar Oli und Bine wird von Bettina Kerl und Vincent Glarner sauber zur Schuluniform gefaltet, ins Schrankfach für glückliche Gefühlsbeschränkung gestapelt. Deutlich mehr Bewegung bringen die Eltern ins Spiel. In ihrem sorgsam andekorierten Sitzeckenwinkel, einer geisterbahntauglichen Schrotthalde der Küchengemütlichkeit (Bühne Bernhard Kleber), toben sich zwischen Kurt und Caro mehrere Jahrzehnte Ehedepression an: lebenslängliche Gemeinschaftsfolter. Steffen Höld und Katja Jung lassen keinen Zweifel, dass auch wer beim Himmelsmaschinenamt nur eine mittlere Nummer gezogen hat, keinen Grund hat, klein beizugeben. Im Gegenteil: Mit der Zeit staut sich einiges an, und wenn der abgeschnürte Existenzdruck auf die Rederituale des Stillstands trifft, wird es zwar zwischendurch sehr komisch. Aber irgendwann haut sich noch jeder an der Mauer aus Gegenwart den Kopf blutig.

Hausautor will mitspielen
Hätte man beim ersten Lesen noch gar nicht vermutet, wie viel Energie im Stillstand stecken kann. Ewald Palmetshofer hat das auch etwas überrascht, aber eins weiß er seit den ersten praktischen Erfahrungen sehr genau von seinen Texten: «Ist ein wichtiger Unterschied, dass man sie hört und es nicht nur so im Kopf bleibt. Die Texte müssen in einen Körper rein und aus einem Körper rauskommen.» Deshalb glüht er vor Begeisterung und ruckt noch etwas sportiver im Stuhl, wenn er von den ersten Erfahrungen mit Theaterproben berichtet, der uniT-Stückentwicklungshilfe in Graz oder den Werkstatttagen des Burgtheaters in Wien, wo ihn auch der neue Schauspielhaus-Intendant Andreas Beck kennengelernt hat. Denn Palmetshofer schreibt viel und wirft noch viel mehr wieder weg, um die Sprache seiner Figuren zu finden: Am Anfang stehen keine Bilder, sondern Stimmen. «Da geht es um den Klang, dass es sich als sprachlicher Rhythmus weitertreibt, das höre ich nur.» Ein halbes Jahr bis ein Jahr hat er an «hamlet ist tot. keine schwerkraft» gearbeitet, erst einen Materialberg und Szenenwust aufgehäuft, später das «Herumgefitzle» an den vielen Fragen, allein oder mit Schauspielern: «Muss man eine Situation geben? Wie kommt man rein? Wie beginnt eine Szene? Wo verdichtet es sich? Wie muss mans brechen?» Sehr traurig sei es für ihn gewesen, als er die Proben des dann fertigen Stücks im Schauspielhaus zwischendurch für ein paar Wochen verlassen musste. Nicht aus Angst, die Regisseurin oder die Schauspieler würden gegen die Absichten des Autors arbeiten, sondern schlicht aus Neid und Eifersucht aufs Theater: «Der Prozess ist einfach viel lustvoller als das, was in meiner Schreibkammer passiert. Schade: Die spielen, und ich darf nicht dabeisein.» Als Hausautor hat er sich fest vorgenommen, mit den Darstellern des Schauspielhauses jede freie Minute zu arbeiten: ausprobieren, zuhören, umschreiben. Seine Stücke, so E.P., müssen weg vom Papier: «Die miass ma irgendwo hinschiaßn.» Im Wiener Schauspielhaus hat es schon ordentlich geknallt. Das nächste Werk ist schon fertig, Uraufführung wieder in der Porzellangasse. Wieder drei zeitverlorene Gegenwartsgestalten, Anfang, Mitte dreißig. Der Max, die Jeani und die Babsi in «wohnen. unter glas» kennen sich schon ewig, haben mal zusammen gewohnt, waren zwischendurch scharf oder unscharf und auch mal überkreuz liiert, und wissen auch nicht, wies passiert ist, dass doch nichts Richtiges zwischen ihnen passiert ist. Jetzt trifft man sich noch einmal für ein Wochenende im Hotel, unter Freunden, der Gegenwart nachfühlen, die schon eine Vergangenheit geworden ist: Premiere in naher Zukunft, Anfang Februar, natürlich im Schauspielhaus Wien. Jede seiner Figuren, deren Stimmen er im Ohr hat, ist klüger als man ihr sozial zuschreiben würde, meint Ewald Palmetshofer: «Die sind schlau, und das erhebt sie über die Situation.» Sie kommen aus dem alten Sozialstück, leben immer noch wie im Familiendrama, wären vor 30 Jahren kritisches Volkstheater geworden und sind heute wahrscheinlich das zeitgenössische Theater von Leuten, in deren Leben nichts wirklich Wesentliches geschieht und denen die Zeit sanft, aber immer fester auf die Zehen tritt. Gegen diese Situation hilft auch die größte Schlauheit nicht, denn wie gesagt: Das Denken ist immer zu spät. Ewald Palmetshofer, der in seiner Freizeit viel denkt, kennt sich da aus. Aber seine Gegenwart als Dramatiker hat spätestens jetzt angefangen.

von FRANZ WILLE

Gegenkritik
Nicolas Stemann sorgt sich sehr um die Theaterkritik – und schreibt deshalb eine Für-Kritik

Der Theaterkritik geht es nicht wirklich gut. Das tut mir leid. Vielleicht ist sie überarbeitet? Oder überfordert? Bin ich vielleicht daran schuld? Vielleicht sollten wir sie ein wenig in Ruhe lassen, damit sie wieder zu sich kommt. Legen Sie also ganz behutsam dieses Heft weg. Weit weg. Lesen Sie nicht mehr weiter. Wenn Sie ein Abo haben, sollten Sie es vielleicht besser kündigen.
Ich sehe, Sie ignorieren meine Warnungen und lesen dennoch weiter. Also gut, noch diese eine Seite, aber dann ist Schluss, okay?
Meine Wiener Inszenierung «Die Brüder Karamasow» ist übrigens hymnisch bejubelt worden von der Theaterkritik. Das stimmt! Meine Wiener Inszenierung «Die Brüder Karamasow» ist von der Theaterkritik auch hämisch verrissen worden. So ist es immer. Egal, was ich inszeniere, ganz gleich ob es ein Highlight der Theatergeschichte ist oder eine kleine Fingerübung: Die Theaterkritik ist immer total verwirrt. Auch im Fall von Dostojewskis «Die Brüder Karamasow». «Ungewohnt ernsthaft» fand die Wiener Zeitung mit einigem Recht den Abend, und auch Theater heute befindet im Einsteinschen Duktus: «Stemann ironisiert nicht». Die
NZZ dagegen bescheinigt eine «gepflegte ironische Distanz», «Ironisierungen» sieht auch die dpa am Werk, der Neue Merkur gar «Verulkung» und «Slapstick». Das kann die SZ so nicht unterschreiben: «Ohne jede Ironie», lautet hier das lakonische Urteil, das sich später dann aber bar jeder Erklärung doch noch irgendwie in ein «parodistisch» verwandelt. «Höchst parodistisch» (Neue Volkszeitung), «selbstironisch» (Oberösterreichische Nachrichten), «durchgehendes Mittel der Selbstironisierung» (Kleine Zeitung), «ironische Leichtigkeit» (FR) oder «ermüdende Schwere» (Kronenzeitung) – was war’s denn nun? Langes Schweigen im Blätterwald. «Halblustig» versucht der Rezensent der Welt sich aus der Affäre zu ziehen, aber die Antwort ist natürlich falsch! Richtig wäre gewesen: «exzessive Komik, die einen fast heiligen Ernst zum Kontrapunkt hat» – Gewinner im Bereich «Ironie oder Ernsthaftigkeit» ist damit die Presse, herzlichen Glückwunsch!
Weiter geht’s mit «Erzählung und Übersichtlichkeit».
Auch hier wird zunächst munter drauflos geraten: «Man kennt sich nur aus, wenn man den Roman kennt», findet der
Neue Merkur, von «zielloser Chaossuppe» schreibt die NVZ, das finden die Salzburger Nachrichten allerdings gar nicht, für sie ist alles «glasklar strukturiert», wie sollte es auch anders sein, schließlich «wird man vom Regisseur immer schön an die Hand genommen» (SZ), was der Rezensent der FAZ gleich nahezu wortgetreu abschreibt: «da nimmt uns der Regisseur an die Hand», was dem FAZler allerdings wenig zu helfen scheint, denn er findet: «man darf aufatmen, wenn endlich etwas halbwegs Interessantes passiert», womit er sich von seinen Kollegen allerdings wiederum unterscheidet: «beste Show der Stadt» (Die Presse), «kurzweiliger, verdichteter Abend» (Wiener Zeitung), «faszinierender Theatertanz» (Kurier), «toller Zirkus» und «das Beste, was man seit langem gesehen hat» (Standard). Die SZ dagegen vermisst den Krimi («Stemann inszeniert nicht den Krimi»), aber vielleicht sollte die Rezensentin Theaterheute lesen, dort könnte sie dann erfahren, was das alles mit «Tatort» und «Soko» zu tun hat, nämlich viel, wenngleich der TH-Rezensent dann merkwürdigerweise doch noch, und wie bereits von ihm gewohnt sehr Einstein-mäßig, etwas beschreibt, das zu seinem Tatort-Vorwurf eigentlich nicht so ganz passen kann: «Stemann erzählt nicht.» Woran dieses vermeintliche «Nichtvorhandensein einer Handlung im herkömmlichen Sinn» (dpa) liegt, versucht selbige dpa zu erklären und bemüht dabei ein in Theaterkritiken eigentlich längst verbotenes Fachwort: «Stemann hat das getan, was gemeinhin als ‹dekonstruieren› bezeichnet wird.» Das ist natürlich völliger Blödsinn, aber im Grunde auch egal, denn dem Rezensenten hat’s trotzdem sehr gefallen.
Vielleicht liegt’s ja daran, dass es «schrill-bunt» (
Kurier) war und an eine «Soap» erinnert, wie NZZ, Neuer Merkur und geschätzte 20 andere bemerkten – oder war es eher das «Museum papierner Thesen» (absurderweise ebenfalls NZZ), was hier überzeugt hat? Zum Schutze der Kritiker muss allerdings gesagt werden, dass sie wohl nicht allein Schuld sind an diesem Zustand der Theaterkritik, den ich hier, ungeachtet aller Ermahnungen meiner inneren Wortspielpolizei, jetzt doch einmal als «kritisch» bezeichnen muss. Denn sicher ist es auch nicht leicht, in dem Spiel mit Ebenen, Bedeutungen, Zeichen, Paradoxien, das ich in meinen Inszenierungen herzustellen versuche, den Überblick zu behalten. Ich inszeniere ja ganz bewusst so, dass das nicht geht. Ich hoffe, so Wahrheiten zu finden, die jenseits einzelner Bedeutungen liegen. Wahrheiten der Kunst statt Wahrheiten des rationalen Denkens. Ich mache das nicht, um Kritiker zu quälen. Wer in diesen Fluss, der eher von Gesetzen der Musik, des Rhythmus, der Kunst geformt wird als von denen der Alltagslogik (zu der allzu oft auch die Logik der Zeitungssprache gehört) nicht einsteigen will oder kann, weil er, wie viele Kritiker, ständig mit der Bewertung oder Interpretation des Gesehenen beschäftigt ist, anstatt es erst einmal zu erleben, dem entgeht das Wesentliche meiner Arbeiten, und der rät dann weiter munter oder frustriert, aber weitgehend ahnungslos an der Oberfläche herum.
Arme Theaterkritik, vielleicht geht es ihr ja schon bald wieder besser? Das hoffen wir natürlich alle – und legen nun erst mal ganz ruhig, zärtlich und fürsorglich dieses Heft aus der Hand!

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