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FOYER Das Leben für die Kunst Das Rauchverbot trifft die Theater am sensibelsten Ort: in der Kantine DAS STÜCK PHILIPP LÖHLE hat eine Vorliebe für Menschen, die sich etwas einfallen lassen, auch wenn dabei nicht alles nach Plan verläuft. «Genannt Gospodin» (der Stückabdruck liegt diesem Heft bei) verfolgt ein besonders ambitioniertes Projekt: Geld darf nicht nötig sein. Ein Autor zu entdecken auf den Seiten 38–41 |
AUSLAND BAYERN Christine Dössel Der Weltdorf-Theatermacher In München hat sich das Volkstheater unter Intendant Christian Stückl ins Zentrum der Aufmerksamkeit gespielt AUFFÜHRUNGEN Diedrich Diederichsen Töne haben Ursachen. Immer. Die Spielzeit Europa der Berliner Festspiele setzt auf Musik: mit Heiner Goebbels’ «Stifters Dinge» und Alvis Hermanis’ «The Sound of Silence» Eva Behrendt Wer hat Angst vor Caliban? Postkoloniales Theater? Stefan Pucher inszeniert den «Sturm» an den Münchner Kammerspielen, Dimiter Gotscheff Heiner Müllers Shakespeare-Kommentar «Anatomie Titus» am Berliner DT START Barbara Burckhardt Die Internationale am Rhein Karin Beier will das Schauspiel Köln reanimieren – mit einem buntgemixtem Ensemble und ebensolchem Spielplan AKTEURE Kristin Becker Das Chamäleon-Ereignis Sie spielt fast zu gut, um wiedererkannt zu werden: Friederike Kammer, Schauspielerin in Frankfurt Franz Wille Triumph der Freiheit Wer eine Wahl hat, wird vielleicht trotzdem Stückeschreiber: Philipp Löhle, ein Autor zu entdecken FREIE SZENE Susanne Finken Nackte Liebeserklärungen Die neuen «Impulse», ausgesendet von Tom Stromberg und Matthias von Hartz, werden internationaler CHRONIK Berlin Falk Richter «Im Ausnahmezustand» Basel Shakespeare «Antonius und Cleopatra», Christiane Pohle «Zones of my Exclusions» Bielefeld Tom Peuckert «Elende Väter» Hamburg Edward Bond «Gerettet» Kaiserslautern Mohamed Kacimi «Heiliges Land» Mainz Simon Stephens «Christmas» Wien James Goldman «Der Löwe im Winter» Mannheim Roland Schimmelpfennig «Start Up» Zürich Schorsch Kamerun «Biologie der Angst» DATEN Premieren im Januar Hinweise Suchlauf – Programmhinweise MAGAZIN Die Kulturregion Mannheim macht sich abhängig von ihren Sponsoren Wes Andersons Film «Darjeeling Limited» Zuschauer: Elke Heidenreich «The World as a Stage» im Londoner Tate Modern Gegenkritik: Michael Laages und Frank Castorf VORSCHAU | IMPRESSUM
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Foyer |
Das Leben für die Kunst Das Leben für die Kunst Das allgemeine Rauchverbot trifft das Theater an seiner kreativsten Stelle: in der KantineAB 1. JANUAR wird im deutschen Theater nichts mehr sein, wie es war. Die einschneidendste Maßnahme seit der Erfindung des Regietheaters bedroht viele Bühnen in ihrer Substanz: ein allgemeines Gaststätten- Rauchverbot wird die eigentlichen Denk- und Kommunikationszentralen der Häuser lähmen. Was soll der Künstler noch in der Kantine, wenn er dort keine Zigarette anfassen darf? Natürlich – Rauchen gefährdet die Gesundheit, steigert das Krebsrisiko, verengt die Herzkranzgefäße, lässt die Haut schneller altern und wirft Falten ins Gesicht. All das ist schon seit längerem bekannt. Trotzdem haben Generationen von Schauspielern, Dramaturgen, Regisseuren und Technikern keine Gefahr gescheut und bedenkenlos ihr Leben und ihre Schönheit in die Waagschale geworfen auf der Suche nach Ideen, Entwürfen, Visionen.
Wie soll man vor der Probe ohne den nötigen blauen Dunst einen klaren Gedanken fassen? Wie eine Hauptprobe ohne Zigarette überstehen? Wie die vielen Stunden nervenraubenden Herumsitzens bis zum nächsten Auftritt überdauern? Und wie glaubt der Gesetzgeber eigentlich, dass künstlerische Konzepte entstehen? Bei Mineralwasser? Im Spaßbad?? Unter Joggern???
An die Theatergeschichte darf man gar nicht denken. Was wäre aus Bert Brecht ohne Zigarre geworden? Aus Fritz Kortner? Oder Heiner Müller? Und wer will sich Regisseure wie Dimiter Gotscheff, begnadete Schauspielerinnen wie Bibiana Beglau oder Sophie Rois ohne Zigarette vorstellen?
Das neue Jahr, so viel Kulturpessimismus muss leider sein, beginnt nicht schön. Das deutsche Theater wird ärmer werden. FW
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Neue Stücke |
Töne haben Ursachen. Immer. In Berlin eröffnet die Spielzeit Europa mit viel Musik und zwei Produktionen, die noch viele internationale Festivals beschallen werden: Heiner Goebbels baut mit «Stifters Dinge» ein «Piano Piece», und Alvis Hermanis untersucht den zeit- und kulturübergreifenden Schmelz von Simon & Garfunkel Einem postkolonialen Shakespeare auf der Spur sind Dimiter Gotscheff am Deutschen Theater mit «Anatomie Titus» und Stefan Puchers «Sturm» an den Münchner Kammerspielen Das Piano hält mehr zusammen, als man denkt. Zum Beispiel Heiner Goebbels’ «Stifters Dinge» und Alvis Hermanis’ «The Sound of Silence» bei der Spielzeit Europa der Berliner FestspieleVON DIEDRICH DIEDERICHSEN Bei den beiden zentralen Produktionen der diesjährigen «Spielzeit Europa» musste man die zuständige Bühne innerhalb des Hauses der Berliner Festspiele ein bisschen suchen. Bei «Stifters Dinge (The Piano Piece)» von Heiner Goebbels musste man durch einen Nebeneingang eintreten, bei Alvis Hermanis «The Sound of Silence – ein Konzert von Simon & Garfunkel in Riga 1968, das nie stattgefunden hat» wurde man durch eine Fotoausstellung mit Rigaer Bohème-Szenen aus den Sechzigern über die Hinterbühne ins Theater geführt. Aber damit werden die Gemeinsamkeiten auch schon knapp. Allenfalls noch dies: Hermanis’ Stück endet mit einem fürchterlichen Furioso auf dem Pianoforte. Paul Simon drischt, viel zu laut aufgedreht, die finalen Fortissimi aus «Bridge Over Troubled Water» über die karge Bühnenlandschaft, als könnte Kitsch durch Krach konterkariert werden. Und auch bei Heiner Goebbels spielt das Piano eine gewisse Rolle, wie schon der Untertitel andeutet. Das Piano! Was ist ihm nicht alles angetan worden in den Jahren der Avantgarden und Neo-Avantgarden. Kaum eine Kunstbewegung kommt im zwanzigsten Jahrhundert ohne ihre Flügelzerstörungen und Klavierausdemfensterschmeißereien aus, kein Komponist und kein Bildender Künstler zwischen Wiener Gruppe und Günther Uecker hat darauf verzichten können, es dem Master-Instrument einmal richtig zu zeigen. Deswegen ist der erste Eindruck des Bühnenbildes von Heiner Goebbels neuem Stück denn auch der einer irgendwie avancierten Fluxus-Assemblage: Skelette und Teile von vier Klavieren und einem Flügel hängen in einem seltsam stilisierten Wald mit ein paar Ästen und einigen Röhren. Während man aber an diesem Wald vorbeiläuft und unkonzentrierte Blicke auf merkwürdige rechteckige Wannen fallen lässt, die den Bühnenboden vor der Flügelskulptur strukturieren, wird man von seltsam angenehmer Musik angeweht. Das klingt wie avancierte digitale Tracks der späten 90er, als man sich auf dem intellektuellen Flügel der Post-Techno-Generation darüber Gedanken machte, wie Musik eigentlich spezifisch digital klingen kann. Schließlich ist Digitalität der große Nivellierer, jeder Klang der Welt lässt sich digitalisieren, und digital lässt sich jeder Klang simulieren. Man versuchte damals, charakteristische digitale Störgeräusche einzusetzen, hängende CD-Player zum Beispiel, und verliebte sich zum anderen in die digitale Bearbeitung erkennbar nicht-digitaler Störgeräusche wie der Statik einer Schallplatte. Dieser Stil, bekannt unter dem Gattungsnamen «Clicks & Cuts» oder «Cuts & Glitches», verfeinerte sich etwa zwischen 1997 und 2003 zu einer ziemlich filigranen Geräuschkunst mit hochdefinierten Zutaten.
Schnirpseln und Knirspeln Im Zuschauerraum angekommen, nunmehr frontal auf die Pianoskulptur schauend, wird klar, dass diese Musik nicht nur nicht digital, sondern auch keine Pausenmusik ist. Sie gehört zum Stück und man beginnt zu ahnen, dass sie von diesem Ungetüm dahinten irgendwie verursacht wird; es sind ja auch vereinzelte Piano- Klänge darunter. Für den Rest der circa einstündigen Aufführung bleibt man mit einem Teil seiner Aufmerksamkeit stets dabei, diese beiden Welten zusammenzufügen: das extrem elegante, feine Schnirpseln und Knirspeln, die kleinen glänzenden Bällchen von Piano-Tönen und die wenigen größeren und böseren Geräusche mit der Klavierverklumpung da vorne in Verbindung zu bringen. Töne verweisen auf eine Ursache. Immer. Und wenn man eine Hoffnung hat, dass sie nicht einfach aus programmierten Geräten kommen, sondern die Programme seltsame, echte Ursache-Wirkung-Abläufe in einer hochkomplexen Skulptur verursachen, ist das eine zu wertvolle Fährte, um sie aufzugeben. Vor allem natürlich dann, wenn die Wirkungen an einer Ästhetik des Digitalen ausgerichtet sind – also der größtmöglichen Verschleifung von Ursache-Wirkung-Verhältnissen. Den anderen Teil der Aufmerksamkeit widmet man den anderen Dingen, die so passieren: Es ist ein kleines Ballett abstrakter Gegenstände, das hier im Vordergrund abläuft. Außer einigen sehr dezent auftretenden Bühnenarbeitern stören keine Menschen dabei, wenn Lüfte und Dämpfe aufsteigen, Schatten- und Lichteffekte eine elektrische Waldatmosphäre stiften und Projektionen vorübergehend Fenster zu echter Natur aufmachen. Es ist ein heikles Geschäft, die Poesie der Dinge mobilisieren zu wollen, den lakonischen Witz einfacher Kausalverkettungen von metallenen, flüssigen und gespannten Objekten. Traditionell ist es eine Domäne der Schweizer, von Tinguely bis Fischli &Weiss, aber auch die deutsche Künstlerin Rebecca Horn verlor sich gerne im Zauber mechanischer Objekte. Aber den Effekten einer Poesie mit großem P, die solchen Installationen zuweilen anhaftet, wird hier durch die ständige Präsenz des musikalischen Zusammenhangs entgegengesteuert.
Hören wird sehen Denn sich zu fragen, wie komplexe Objekte und Klänge zusammenhängen, ist ja das tägliche Brot jedes Musikhörers. Dieses Nachspüren gehört zu einer Sorte Automatismen der Aufmerksamkeit, von der man gar nicht immer sagen kann, ob sie zur neugierigen Selbstaufklärung über ästhetische Erfahrungen gehört oder ob sie die ästhetische Erfahrung selbst ausmacht: Woher kommt das, was macht das, was macht, dass mir das angenehm ist? In «Stifters Dinge» wird diese grundsätzliche Disposition des Hörers auf den Betrachter erweitert. Man sieht so, wie man sonst hört, und erkennt seine Hör-Technik als Betrachter- Technik wieder. Denn man sieht natürlich anders, als man dieselbe Arbeit ansehen würde, wenn sie in einem Kontext der Bildenden Kunst präsentiert worden wäre. Man reagiert auf eine frontale und zeitlich begrenzte Vorführung und forscht ihrer Konstruktion nach, statt um ein potenziell endlos zur Verfügung stehendes Objekt herumzulaufen. Dieses zum Sehen gewordene Hören wird nun unterbrochen von Texten. Man hört einen Schauspieler Stifter rezitieren, später den echten Burroughs und den echten Malcolm X von versunkenen Tondokumenten, auch ein Interview mit Levi-Strauss. Der Einsatz von Burroughs leuchtet sofort ein. Das knarzige Knurren des alten Hobbyschützen ist ein weiteres Tier dieses Waldes, während der den Titel stiftende Stifter- Text eher thematisch mit dem Projekt zusammenhängt. Insgesamt hatte diese Ebene des Ausgesprochenen dennoch einen Hauch von Beliebigkeit: Diese Texte waren vor allem kleine funkelnde Extras, und statt der gewählten hätte man sicher auch bei Robert Walser, Franz Jung, Frantz Fanon oder William Saroyan entsprechende filigrane Flocken des Bedenkenswerten finden können. Das Thema, nämlich an den unkolonisierten Dingen ex negativo das Relief der Kolonisierung und Unterwerfung auszuarbeiten, hält fast jedes Beispiel aus. Die projizierten Gemälde von Paulo Uccello und Jacob von Ruisdael, das Spannungsfeld unterworfene/ nicht unterworfene Natur, stumme/ sprechende Dinge und der gelegentliche Text störten aber dennoch kaum beim Zusehen der Entfaltung der Musikmaschine. Meistens gaben diese kleinen Ereignisse nur kurz Richtungen vor, während die Bass Drum, die gestimmten Röhren, die konventionellen und die präparierten Klavierund Percussionklänge größere Einheiten bestimmten. Auch hier gab es zwar leicht grüble-risch Sinn stiftende Inseln (Bach, indigene Gesänge), aber die unglaubliche Auflösung und Genauigkeit, mit der sich Klang immer wieder als sichtbarer oder zumindest visuell vorstellbarer Prozess entpuppte, der im Wald der Saiten und Rahmen wohnt, ergab seine ganz eigene Semantik jenseits der angedeuteten gesellschaftlichen Diagnosen und leicht umraunter sentimentaler Eindrücke.
Lettische Bohème Die Poesie der Klangverursachung ist auch bei Hermanis’ Stück ganz wichtig. Denn all die Rigaer Proto-Hippies, die, so die Behauptung des Stückes und seines Autors im Programmheft, genauso drauf waren wie die 68er anderswo, nur nicht so politisch, müssen ja erstmal an die begehrte Pop-Musik herankommen. Dafür werden ständig Antennen ausgerichtet, Sender an bizarren Rundfunkgeräten aus dem sowjetischen Designmuseum gesucht und schließlich auch die Poesie der Dinge, ja der alten, ausrangierten Dinge aufgerufen: Musik erklingt, wenn man Einweckgläser öffnet oder den Kopf unter das Wasser in Zinnwannen hält. Zwei Behauptungen tragen Hermanis’ Stück. Erstens: Die 60er waren in Riga eine Zeit der Unschuld in jeder Hinsicht. Man verbrachte das Leben in viel zu schrillen, ausgedachten Pop- Klamotten mit kindlich tapsigem Erkunden der Heterosexualität. Das stumme Stück, das ganz von den Gesten der Darsteller und der herbeigesendeten Musik lebt, zeigt eine Szene nach der anderen, in der die mit Frisur-Karikaturen aus dem 1966er Quelle-Katalog geschmückten und mit Koteletten beklebten Schauspieler aneinander Fummeln, Küssen und Zudringlichkeit üben. Zweitens: Die wichtigste und der allgemeinen Stimmung am besten entsprechende Musik war die von Simon & Garfunkel. Wir hören sie ausschließlich an diesem Abend, über zwanzig verschiedene Titel. Es war kein anderer als Friedbert Pflüger, der in der zur Aufnahme wie Verbreitung dieses Gedankens denn auch ganz perfekt geeigneten Publikation «Cicero» bemerkte, dass an ’68 nicht alles schlecht war, zum Beispiel die Musik: Simon & Garfunkel wären richtig klasse gewesen.
Die Schleimspur von S&G Jene Simon & Garfunkel, so viel ist unstrittig, waren in den 60er Jahren aktiv; ebenso wie Ronnie, Freddy und Bernd Spier. Auch sonst kann man über die Sechziger manches sagen. Einige Leute meinen mit den «60ern» eh den TSV 1860 München. Abgesehen davon aber ist die Idee, Gegenkultur und Revolte und was man sonst mit der Lieblingsjahreszahl verbinden mag, ausgerechnet auf der Schleimspur von Paul Simon und Art Garfunkel zu suchen, reichlich abwegig. Simon & Garfunkel sind genau das für Unbeteiligte und Provinzielle hergestellte, widerspruchsbereinigte kitschige Sehnsuchtsprodukt einer auf Dauer gestellten Edelpubertät, das weder inhaltlich noch ästhetisch mit der Revolte irgendetwas zu tun hatte. Vielleicht war aber gerade das das Thema. Das Insistieren auf unpassend schrillen Klamotten, die rührenden Anstrengungen, um die offensichtlich nur schwer zu erwischende Musik einzufangen, und die musealen Objekte und Frisuren legen das ja nahe: Dies ist die Geschichte der vom isolierten Repressions-Sozialismus zwingend in die Provinz abgedrängten Jugendkulturen des Ostens. Da wäre dann eine Verniedlichung und Verklärungsrevue nicht nur ein bisschen langweilig, sondern auch perfide. Außerdem spricht gegen eine solche Interpretation der Rigaer Szene damals auch der ganz andere Eindruck, den die Bohemiens auf den Fotos in der Ausstellung machen, die man am Anfang durchquert. Ein eingespielter Ausschnitt eines Avantgardefilms von ’72 zeigt ernsthafte, zur Revolte bereite Bärtige und Sexpol-Aktivistinnen, die einen Simon & Garfunkel-Song schon mit ihrem Gesichtsausdruck zertreten hätten. Ein Beitrag zur Geschichte östlicher Gegenkulturen war also nicht beabsichtigt. Im Gegenteil: Es geht um eine ausgesprochen zeitgenössische Regressionsfantasie. Dieses Stück wünscht sich eine heile Welt, von der aus man die Gegenwart heruntergekommen finden darf. Diese Absicht ergreift auch die künstlerischen Mittel der Inszenierung. Die Stummheit der Darsteller und die viel gelobten, poetisierenden szenischen Umschreibungen, die daraus resultieren, sind eben auch eine erwünschte und idyllisierte Unfähigkeit zur Artikulation. Zu Streit und Debatte. Die S&G-Songs, die die szenischen Sequenzen zusammenhalten und musicalartig zu Nummern verdichten, vertonen eine angestrengte Kindlichkeit, aus der nur der Weg zur Normalität akzeptabel ist: Irgendwann heiraten die ganzen Paare in endlosen Hochzeitskleiderpirouetten. Einige gehen auch so zugrunde, wie sich der Spießer das Ende derjenigen vorstellt, die zur Normalität nicht bereit sind: Drogen oder asymmetrischer Sex von Paaren, die vom Alter her nicht zusammenpassen. Eine Rahmenhandlung klammert die Erinnerung an die unschuldigen Jahre, in der zwei durchgeknallte sexualisierte heutige Girls die Spuren der Vergangenheit kichernd befingern. Am Ende kommen die beiden wieder und gehen an einer Überdosis Schaum ein, die sie sich in den Mund spritzen: Schlagsahne? Sperma? Dichtungsmasse? Heute ist alles so gemein und heruntergekommen, und aus den zarten, aber linkischen jungen Mädchen sind flotte, schrille Nutten geworden, die den Hals nicht voll kriegen. Es ist lustig, dass der altbekannte Diskurs, die 68er hätten alles kaputt gemacht, auch in dieser Umkehrung funktioniert: ’68 war noch alles in Ordnung, die Menschen heirateten, waren hetero und übertrieben es nicht. Die für heute konstatierte Kaputtheit und die Sehnsucht nach einer Zeit, in der noch alles auf weiße Hochzeitskleider und Paul-Simon- Gezirpe hinauslief, sind hingegen sattsam bekannt. Ein ’68 «ohne Politik», wie es sich Hermanis als verklärten Ausgangspunkt für seinen Kulturpessimismus wünscht, wäre natürlich keines mehr.
Mit Musik geht alles besser? Krude Diagnosen, hässliche Musik und konservativen Normalismus hätte man Alvis Hermanis nicht unbedingt zugetraut. Vor allem aber verblüfft die ästhetische Armut und ideologische Trivialität im Kontext eines Festivals, das eben auch eine so dichte und präzise Produktion wie Goebbels’ «Stifter» anzubieten hat. Wenn es jemals angebracht war, wieder kategorial zwischen High und Low zu unterscheiden, zwischen Kunst, die auf der aktuellen Höhe ihrer Mittel und Fragestellungen arbeitet, und sentimentalem Stoff, der bedient, was eh so gefühlt wird, dann zwischen diesen beiden Produktionen. Vielleicht aber sind sie auf ganz unterschiedlichem Niveau beide Symptome einer aktuellen Ahnung, mit Musik ginge alles besser. Dass man die ästhetischen Probleme des zeitgenössischen Theaters am besten löse, wenn man die Bühnenmusik emanzipiert und das Musiktheater erweitert. Nur muss man genau dazu Musik, welcher Art auch immer, so ernst nehmen, wie sie in ihrem eigenen Umfeld diskutiert wird. Goebbels, der Komponist, tut das, was nicht überrascht; Hermanis instrumentalisiert sie für Struktur und Stimmungswerte und landet zur Strafe auf der trivialen Terrorbrücke über unruhigem Wasser.
Nächste Vorstellungen: Nicht im Januar
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Premieren |
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BONN, THEATER Tel.: 0228/77 80 33 18. Albee, Wer hat Angst vor Virginia Woolf? R. Christoph Roos 24. Menke-Peitzmeyer, Abstiegskampf – Eine zweite Halbzeit R. Marita Ragonese
BRAUNSCHWEIG, STAATSTHEATER Kasse: 0531/12 34 567 6. nach Shipton, Bug Muldoon R. Eva Veiders 12. Krneta, Ursel R. Heiner Fahrenholz
BREGENZ, LANDESTHEATER Kasse: 0043/5574/420 18 12. Finger, Kaltes Land R. Harald F. Petermichel 19. Fosse, Traum im Herbst R. Lothar Maninger
BREMEN, SHAKESPEARE COMPANY Kasse: 0421/520 95 12 17. Shakespeare, Ende gut, alles gut R. Sebastian Kautz
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BRUCHSAL, LANDESBÜHNE Tel.: 07251/727 23 26. Richter, Electronic City R. Alexander Schiller
CASTROP-RAUXEL, LANDESTHEATER Kasse: 02305/97 80 20 19. Frayn, Der nackte Wahnsinn R. Gerhard Fehn
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CHEMNITZ, STÄDTISCHE THEATER Kasse: 0371/696 96 96 19. Lessing, Nathan der Weise R. Roland May 27. Groag, Die Weiße Rose R. Carsten Knödler
COTTBUS, STAATSTHEATER Kasse: 0355/7824 170 19. Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil R. Christoph Schroth
DARMSTADT, STAATSTHEATER Kasse: 06151/281 16 00 19. Shakespeare, Hamlet R. Michael Helle 26. Jungwirth, Schonzeit R. Ina Annett Keppel
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DETMOLD, LANDESTHEATER Kasse: 052 31/97 48 03 25. McDonagh, Der Kissenmann R. Tatjana Rese
DINKELSBÜHL, STÄDTETHEATER Kasse: 09851/902 40 9. Albee, Wer hat Angst vor Virginia Woolf? R. Frank Piotraschke
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DRESDEN, STAATSSCHAUSPIEL Kasse: 0351/49 13 555 12. Ondaatje, Buddy Boldens Blues R. Holk Freytag
DRESDEN, THEATER JUNGE GENERATION Kasse: 0351/42 91 239 26. Horváth, Glaube Liebe Hoffnung R. Volker Metzler
DÜSSELDORF, KOMÖDIE Kasse: 02 11/32 51 51 16. Magnusson, Männerhort R. Helmuth Fuschl/Anatol Preissler
DÜSSELDORF, SCHAUSPIELHAUS Kasse: 0211/36 99 11 6. Gedeon, Stairway to Heaven (U) R. Erik Gedeon 18. Rimini Protokoll, Breaking News R. Helgard Haug/Daniel Wetzel
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HEILBRONN, THEATER Kasse: 07131/563 001 26. Sophokles, König Ödipus R. Andreas Nathusius
HILDESHEIM, THEATER FÜR NIEDERSACHSEN Kasse: 05121/331 64 19. Dörrie, Happy R. Petra Wüllenweber (am 11. in Burgdorf, 12. in Hannover) 26. Gombrowicz, Yvonne, die Burgunderprinzessin R. Barbara Neureiter
HOF, THEATER Kasse: 09281/70 70 290 31. Fo/Rame, Offene Zweierbeziehung R. Nicole Müller
INGOLSTADT, THEATER Kasse: 0841/98 13 200 25. Frayn, Der nackte Wahnsinn R. Peter Rein 26. LaBute, Some Girl(s) R. Kay Neumann
INNSBRUCK, LANDESTHEATER Kasse: 0043/512/520 744 12. Ibsen, Die Wildente R. Klaus Rohrmoser 26. Shakespeare, Maß für Maß R. Mona Kraushaar
JENA, THEATERHAUS Kasse: 03641/886 944 17. Kricheldorf, Neues Glück mit totem Model (U) R. Markus Heinzelmann
KAISERSLAUTERN, PFALZTHEATER Kasse: 0631/3675 209 27. Albee, Die Ziege oder Wer ist Sylvia? R. Oliver Haffner
KARLSRUHE, STAATSTHEATER Kasse: 0721/93 33 33 24. Labiche, Das Sparschwein R. Robin Telfer 26.Weiss, Inferno R. Thomas Krupa
KASSEL, STAATSTHEATER Kasse: 0561/10 94 222 11. Ozon, 5 x 2 R. Sebastian Schug 17. Klinge nach Storm, Der kleine Häwelmann (U) R. Dieter Klinge 19. Hauptmann, Vor Sonnenaufgang R. Volker Schmaloer
KLAGENFURT, STADTTHEATER Tel.: 0043463/552 66 222 10. Sobol, Ghetto R. Joshua Sobol
KOBLENZ, THEATER DER STADT Kasse: 0261/129 28 40 26. Kästner, Pünktchen und Anton R. Verena Plümer
KÖLN, SCHAUSPIEL Kasse: 0221/221 28 400 25. Molière, Der Menschenfeind R. Karin Henkel 26. nach Shakespeare, Ich bin Hamlet R. Laurent Chétouane
KÖLN, THEATER AM DOM Kasse: 0221/258 01 53 31. Bobrick/Clark, Hände weg von meiner Frau R. Wolfgang Spier
KÖLN, THEATER DER KELLER Tel.: 02 21/27 22 09 90 10. Brenner, Der Fall Pasolini R. Werner Brenner
LEIPZIG, SCHAUSPIEL Kasse: 0341/1268 168 26. Enzensberger, Die Tochter der Luft R. Konstanze Lauterbach
LÜBECK, THEATER Tel.: 04 51/77 67 72 10. Schwab, Präsidentinnen R. Dirk Engler 11. Shakespeare, Macbeth R. Rainer Iwersen 12. Sagor, Werther. Sprache der Liebe R. Kristo Sagor
MAGDEBURG, THEATER Kasse: 0391/540 64 44 25. Reza, Der Gott des Gemetzels R. Matthias Gehrt 26. Shakespeare, Titus Andronicus R. Sascha Hawemann
MAINZ, STAATSTHEATER Kasse: 06131/285 12 22 19. Marivaux, Die Unbeständigkeit der Liebe R. Felix Prader
MANNHEIM, NATIONALTHEATER Tel.: 0621/16 80 150 26. Grillparzer, Medea R. Lisa Nielebock
MAßBACH, FRÄNKISCHES THEATER Kasse: 09735/235 11. Hellstenius, Elling R. Rolf Heiermann
MÖNCHENGLADBACH, VEREINIGTE BÜHNEN Tel.: 021 51/80 51 25 25. McDermott/Crouch, Shockheaded Peter R. Reinhardt Friese
MOERS, SCHLOSSTHEATER Kasse: 02841/201 731 24. Theobalt nach Fellini, La Strada R. Barbara Wachendorff
MÜNCHEN, BAYERISCHES STAATSSCHAUSPIEL Kasse: 089/21 85 19 40 26. Reza, Der Gott des Gemetzels R. Dieter Dorn
MÜNCHEN, KAMMERSPIELE Kasse: 089/233 966 00 18. nach Kassovitz, Hass R. Sebastian Nübling 26. Festival: Doing Identity – Bastard München R. Björn Bicker, Malte Jelden
MÜNCHEN, SCHAUBURG Tel.: 089/233 371 61 9. nach Storm, Der Schimmelreiter R. Beat Fäh
MÜNCHEN, VOLKSTHEATER Kasse: 089/523 46 55 26. Mouawad, Verbrennungen R. Christine Eder
MÜNSTER, WOLFGANG-BORCHERTTHEATER Tel.: 02 51/400 19 31. Belbel, Mobil R. Meinhard Zanger
NEUSS, RHEINISCHES LANDESTHEATER Kasse: 021 31/26 99 33 11. Hauptmann, Rose Bernd R. Sylvia Richter 18. Stephens, Motortown R. Dominik Günther
NEUWIED, LANDESBÜHNE Kasse: 02631/222 88 19. Arnold/Bach, Der keusche Lebemann R. Gert Becker
NÜRNBERG, STAATSTHEATER Kasse: 0180 1 344 276 30. Mamet, Romanze R. Klaus Kusenberg
OLDENBURG, STAATSTHEATER Kasse: 0441/22 25 111 19. Thomas, Froonslü R. Maike Klüver
OSNABRÜCK, STÄDTISCHE BÜHNEN Kasse: 0541/323 33 14 26. Reza, Der Gott des Gemetzels R. Holger Schultze
PADERBORN, KAMMERSPIELE Kasse: 05251/882 634 28. Veber, Dinner für Spinner R. Kai-Uwe Holsten
PLAUEN/ZWICKAU, THEATER Kasse Plauen: 03741/281 34 847 6. Cooney, Lügen haben lange Beine R. Christine Zart 17. Hübner, Das Herz eines Boxers R. Anahita Mahintorabi
POTSDAM, HANS-OTTO-THEATER Kasse: 0331/98 118 11. LaBute, Wie es so läuft R. Carsten Kochan 12. Schober, Hikikomori R. Petra Luisa Meyer 17. de Filippo, Filumena R. Andreas Steudtner
REGENSBURG, THEATER Kasse: 09 41/507 24 24 19. Molière/Enzensberger, Der Menschenfeind R. Rüdiger Burbach
REUTLINGEN, THEATER DIE TONNE Kasse: 071 21/937 70 17. de Laclos, Gefährliche Liebschaften R. Wilfried Alt
RUDOLSTADT, THEATER Tel.: 03672/450 25 00 24. Shaffer, Laura und Lotte R. Elena Breschkow
SCHWERIN, STAATSTHEATER Tel.: 0385/530 01 23 22. Menchell, Der Witwenclub R. Jörg Schade
SOLOTHURN, THEATER BIEL SOLOTHURN Kasse: 0041/32/328 89 70 18. Ibsen, Nora R. Katharina Rupp
ST. GALLEN, THEATER Tel.: 0041/71/242 06 06 11. Goethe, Clavigo R. Wolf Dietrich Sprenger 19.Widmer, Top Dogs R. Peter Ries
ST. PÖLTEN, LANDESTHEATER Kasse: 0043/2742/352 026 19 25. Hilling, Protection R. Johannes Maile 26. nach Ende, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer R. Thomas Richter
STUTTGART, SCHAUSPIELBÜHNEN Tel.: 0711/225 94 24 17. Huxley, Schöne neue Welt R. Marcus Kohlbach (Theater Unterm Dach) 25. Reza, Kunst R. Jo van Nelsen (Komödie im Marquardt) 31.Wedekind, Lulu R. Tanja Richter (Altes Schauspielhaus)
STUTTGART, STAATSTHEATER Kasse: 0711/20 32 220 31. Faldbakken, The Cocka Hola Company (U) R. Volker Lösch
TRIER, THEATER Tel. 06 51/718 18 18 20. Kittstein, Tokio (U) R. Indira Rautenberg 26. Büchner, Woyzeck R. Gerhard Weber
TÜBINGEN, ZIMMERTHEATER Tel.: 07071/92 730 19. Sajko, Europa (DE) R. Christian Schäfer 26. Jandl, Die Humanisten R. Axel Krauße
ULM, THEATER Kasse: 0731/161 44 44 5. Ravenhill, Das Produkt R. Alice Asper 27. Hub, An der Arche um acht R. Malte Kreuzfeldt
WIEN, BURGTHEATER Zentrale Kasse: 0043/1/514 44 7810 27. Bovell, Lantana R. Carolin Pienkos 31. Stephens, Motortown R. Andrea Breth
WIEN, SCHAUSPIELHAUS Kasse: 0043/1/317 06 16 18. Händl, (Wilde) Mann mit den traurigen Augen R. Susanne Lietzow
WIEN, THEATER IN DER JOSEFSTADT Kasse: 0043/1/427 00 300 17. Nestroy, Unverhofft R. Hans Hollmann
WIEN, VOLKSTHEATER Kasse: 0043/1/524 72 63 25. Moore nach King, Misery R. Lisa Maria Cerha
WILHELMSHAVEN, LANDESBÜHNE Kasse: 04421/9401 12 12. Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui R. Ulrich Hüni 26. Aischylos, Die Orestie R. Christof Meckel
WÜRZBURG, MAINFRANKEN THEATER Kasse: 09 31/390 81 24 13. Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen R. Bernhard Stengele 23. Higer-Strauß, Ein kleines Stück Theater (U) R. Elisabeth Higer-Strauß
ZITTAU, GERHART-HAUPTMANN-THEATER Kasse: 03583/770 536 25. Rózewicz, Der Hungerkünstler geht R. Piotr Kruszczynski
ZÜRICH, SCHAUSPIELHAUS Kasse: 0041/1/258 77 77 12. Lessing, Miss Sara Sampson R. Niklaus Helbling 19. del Corte, Die Ratte (U) R. Roland Schimmelpfennig 27. Hilling, Mein junges idiotisches Herz R. Jan Stephan Schmieding
ZÜRICH, THEATER AM NEUMARKT Kasse: 0041/1/267 64 64 4. Brecht, Flüchtlingsgespräche R. Theater Klappsitz 16. Schuckmann/Froehling, Absolut Züri. Beats Fest (U) R. Andreas Storm
ZÜRICH, THEATER AN DER WINKELWIESE Kasse: 00 41/1/261 21 79 26. Janjic, Gelbe Tage (U) R. Stephan Rappel
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