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Der Klassiker, wie er angeblich im Buche steht – dies ist das Programm von Peter Stein, der einst in Bremen und an der Berliner Schaubühne ästhetische und inhaltliche Aufbrüche angestoßen hat und heute gerne mit Stammtischparolen über das sogenannte Regietheater herfällt. Nach jahrelanger Planung und vielen Rückschlägen ist es ihm nun endlich gelungen, Schillers «Wallenstein» als zehnstündiges, fast ungestrichenes Großspektakel zu inszenieren: beste Gelegenheit, Steins Theorie mit seiner Praxis abzugleichen. Auf den folgenden Seiten ein Aufführungsbericht und viele Meinungen
Große Männer unter sich Peter Stein und Klaus Maria Brandauer nehmen Friedrich Schiller unter den Arm und zeigen ihm seinen «Wallenstein» von franz wille
Die Schlacht beginnt mit offenem Visier: Walter Schmidinger tritt hinter einen Notenständer und liest Schillers klappernden Prolog. Jedwedes Rhythmusproblem wird mit Nichtachtung gestraft, der Text demonstrativ melodisch gesungen. Der alte Mime legt schmelzendes Timbre unter jeden Vers, schwingt ausholend die schon zitternde Hand und geht nach zehn süßlichen Minuten stolz ab. Beziehungsvolle Sentenzen von einem «edlen Meister» und «altem Ruhm» werden mit tiefen, wissenden Blicken ins Publikum unterlegt. Die Nachricht ist nicht zu überhören: Hier spielt das Theatermuseum der alten Schaubühne, selbstbewusst gealtert, und niemand wird sich vor einem verachteten Zeitgeist verstecken. Die alten Cowboys satteln noch mal auf und wollen es wissen, die Degen an der Seite. Peter Steins «Wallenstein»-Expedition ist ein logistisches Großunternehmen, ein halbes hundert Schauspieler und Statisten nebst komplettem Spielmannszug für knapp dreißig Vorstellungen à zehn Stunden mit vier Pausen in einer leeren Neuköllner Brauereihalle für je 1.200 Zuschauer, eine Produktion des Berliner Ensembles gemeinsam mit Steins Wallenstein GmbH, gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, die Deutsche Bank und Daimler/Chrysler. Wer den Dreißigjährigen Krieg inszenieren will, denkt in größeren Schlachtfeldern. Auf in Wallensteins Lager. Zum Warmspielen gibt es malerisches Sommertheater, sauber sortiert in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Moidele Bickels penibel historische Uniformen sind bunt und frisch gewaschen, der Ton festzeltfest, in regelmäßigen Abständen zieht ein Trupp Statistenvolk durch. Elke Petri knarzt als Knusperhexe mit dem Zinnkrug, die Helmbüsche schwanken, und am bedrohlichsten leuchtet der rote Kopf von Roman Kaminski als Zweiter Holkischer Jäger, der sein Soldatenleben hoffentlich nicht vorzeitig durch einen Schlaganfall endigen wird. Insgesamt beschauliche Folklore vor dem Marketenderzelt mit vielen Federn, erste Einübung ins Versgeklingel und die zweite Nachricht des Abends: Der Krieg ist eine lustige Sache mit Wein, Weib und Gesang. Der einzige Widerspruch kommt von einem neurotischen Mönch (Axel Werner) mit dämonisch ausgemergeltem Gesicht, der als komische Spaßbremse durchs Lager zieht. Schon lockt die erste Pause mit Brezel und Bratwurst.
Was wird eigentlich erzählt?
Danach «Die Piccolomini» und ein erster tiefer Blick ins schwere Generalsleben. Die Hauptbeschäftigung der Herren ist gemessenes Auf- und Abgehen, dazu ernstes Reden oder nachdenkliches Schauen, die Hand liegt auf dem Degenknauf oder rudert versbegleitend mit. Das alles vor szenenweise verschiebbaren Wänden aus pastellen beleuchteter Operafolie oder einer bedeutend schwarzen Wand (Bühne Ferdinand Wögerbauer). Die Mittel könnten aus einer Gründgens-Inszenierung der fünfziger Jahre stammen oder gleich vom Meininger Hoftheater nach dem Kulissenbrand. Hier wird nicht die ästhetische Avantgarde verhandelt, Postmoderne gänzlich unbekannt, hier geht es um eine ernste Sache und den ungestrichenen Klassiker. Aber die Mittel mal beiseite: Was wird erzählt? Feldherrn, lernt man, sind geradlinige Kerls, die mit einer einzigen Charaktereigenschaft vollends ausgelastet sind. Und weil es auch unter Feldherrn verschiedene Eigenschaften gibt, gibt es viele Generäle. Als da wären: der listige alte Piccolomini, von Peter Fitz in vorsichtig kopfwiegendes Intrigantentum gekleidet. Dann sein stürmischer Sohn Max, den Alexander Fehling heftig an- und aufbrausend anlegt, ein deutlich jüngerer und schnellerer Schreiter. Oder der nervöse Terzky, wie ihn Daniel Friedrich etwas abgehetzt durch einen panischen Schweißfilm zieht. Sodann der eitle Illo, den Rainer Philippi besonders hohlköpfig sich spreizen lässt. Von der oder ähnlicher Sorte noch mindestens ein Dutzend, mehr oder weniger auffällig auf- und abgehend. Treten mehrere zu spielende Eigenschaften auf – nur bei den Piccolomini und Buttler – werden diese ordentlich hintereinander geschaltet: Also Jürgen Holtz’ Buttler, zwei Stunden wacker knorzend, dann eine Szene tief getroffen, dann die letzten Stunden verschlagen-rachsüchtig, dabei immer schräg gegen den Stock gestützt. Bloß keine Verwirrung aufkommen lassen. Octavio Piccolomini spielt später mit Wechselschalter: hin und her zwischen Vaterbrust (menschlich) und ehrgeiziger Kaisertreue (eisern). Und Max wird sich noch verlieben, ein besonderes Verhängnis, da für derartige Gefühlsregungen dem Regisseur und seinen Jungdarstellern (Thekla: Friederike Becht) nur unterschiedlich verträumtes Glotzen und ein Griff nach der Laute zur Verfügung stehen. Verglichen damit ist ein Sechziger-Jahre-Film mit Maria Schell ein Gipfel der Verworfenheit. Alles in allem müssen einem die Herren nicht leid tun (Ausnahme Max), und sie fallen im Lauf des Stücks auch von Wallenstein ab oder um wie die Fliegen. In der Regel gehorchen sie nur dem eigenen Vorteil, kennen keine Freundestreue oder Dankbarkeit und wenn doch, dann aus Kalkül. Als der Friedländer sich in seiner politischen Intrigenwirtschaft verzettelt hat, mit den Schweden paktieren muss und vom Kaiser geächtet wird, schlagen sie sich im Dutzend in die Büsche: Stein straft sie mit Verachtung, immer streng auf der Seite seines großen Feldherrn. Das wird sein Verhängnis besiegeln. Wallenstein wäre eine interessante Gestalt. Ein Aufsteiger, der sich mit brutalstem Kriegshandwerk an die Macht gearbeitet hat und diese Freiheit mit cleverer Großzügigkeit erhält. Dabei die Länder verwüstet und auspresst – irgendwoher muss das Geld ja kommen –, und die Kriegsparteien einschließlich des eigenen Auftraggebers rücksichtslos gegeneinander ausspielt, um am Ende vielleicht doch noch König von Böhmen zu werden: ein Warlord, Stratege, Politiker und Wirtschaftslenker, der halb Europa plündert, wenn es ihm nur weiterhilft. Der durchaus zu Frieden bereit wäre, aber nur zu seinen, dann königlichen Bedingungen.
Wärmestrahler Brandauer
Nach über zwei Stunden Auftritt Klaus Maria Brandauer: schwerer Ledermantel, bärbeißig zotteliges Piratengesicht, seemännisch schrittfester Schwankgang, nachdenkliches Absatzgeklapper. Der König der Ostsee? Spätestens nach den ersten Versen in gemütvoller alpennaher Vokalfärbung, vor Gemütlichkeit dampfend, nach den ersten schalkhaften Augenblitzen und seinem alles umarmenden Wärmestrahler-Grinsen sind alle Fragen geklärt, die nie gestellt wurden, und aus Wallenstein wird ein Käptn Blaubart auf Landgang. So breit und sämig ihm die Verse sonst von den Lippen tropfen, böse Worte vernuschelt er gerne. An der patriotischen Schaltstelle «Es soll im Reiche geben keine fremde Macht / Mir Wurzel fassen, und am wenigsten / Die Goten sollens, diese Hungerleider» plaudert er den entlarvenden Einschub «Mich bei des Reiches Fürsten niedersetzen» fast unhörbar nach hinten weg. Um gleich darauf mit donnerndem Mitleidspathos den kaiserlichen Undank zu beschwören oder sich vor den Generalen als große Diva zu spreizen, die gebeten werden will, weiterzumachen: ein lustig eitler Machtspieler, dem niemand böse sein kann und der sich die Fakten immer so auslegt, dass man ihn bedauern müsste. Wallenstein als netter Träumer, der an die Sterne glaubt, darüber Zufall mit Fügung verwechselt und prompt den falschen Freunden vertraut. Sogar von der eigenen Tochter wird er hintergangen, die sich in seinen Ersatzsohn Max verliebt, statt ihm einen Fürstenhof zu erheiraten. Da schaut Brandauer besonders traurig und verletzt, bevor er die Ehe verbietet und sich weiter durch die Rolle orgelt: Auf niemand kann man sich verlassen! Nur einmal wird Brandauer interessant: «Wallensteins Tod», 3. Aufzug, Auftritte 13 bis 23, gegen Ende der achten Neuköllner Stunde. Die meisten Generale haben ihn verlassen, Prag ist verloren, nur noch Illo, Terzky und der verräterische Buttler sind geblieben. Brandauer steht aufgesockelt in der jetzt zur maximalen Hallenweite und -leere aufgelassenen Bühne und wird in einen mächtigen Harnisch gekleidet. Verfolger von oben, gleißendes Denkmalslicht. Jetzt wirft Brandauers Wallenstein für eine knappe Viertelstunde die ölige Darstellerroutine weg und kämpft mit verzweifeltem Verführercharme um die letzten Truppen wie um jeden einzelnen Zuschauer, springt zwischen Max Piccolomini und Tochter hin und her, zieht an die breite Brust und stößt wirkungsvoll von sich, spielt auf jeder Gemütssaite, umgarnt die Pappenheimer, verdreht alle Tatsachen, erfindet Ausreden, umarmt das Publikum. Alles gleichzeitig. Brandauer wirft sich mit Wonne in den rücksichtslosen Gefühlserpresser – dieser Wallenstein hätte noch den letzten Volkssturm mobilisiert. Am Ende reißen an die dreißig auftrumpfende Kürassiere den verzweifelten Max Piccolomini auf ihre Schultern und tragen ihren völlig überforderten, selbstmordtapferen Oberst seinem sicheren Ende entgegen. Großes Pathos, fatale Wirkung: «Wer mit uns geht / der sei bereit zu sterben» oder «Der Untergang 2». Letzte Pause.
Politische Stein-Stunde
An der Stelle hätte man die Sache noch drehen können. Der Sympathiemagnet Brandauer als gefährlich großer Verführer, der nur verbrannte Erde hinterlässt aus persönlichem Ehrgeiz und sich die vaterländischen Ideologien als fadenscheinige Legitimation zurechtlegt? Auch Stein versucht im Programmheft, einen Zusammenhang zwischen Dreißigjährigem Krieg und Zweitem Weltkrieg herzustellen, allerdings eher aus einer skurril demografischen Perspektive, die deutsche Verbrechen nebenbei salviert: «Der ganze Wahnsinn und Irrsinn, der im deutschen Volke dann im 20. Jahrhundert ausbrach» habe «seine Wurzeln» im hohen «Blutzoll» des Dreißigjährigen Kriegs. Erst durch «gewaltige Blutopfer» sei Deutschland «zu einem Land gemacht worden, das sich einigermaßen vernünftig und normal in die Völkerfamilie einfügte». Wenn ein halbwegs ernstzunehmender Historiker und kein notorisch dampfplaudernder Theaterregisseur solchen Blödsinn verbreiten wollte, da wäre aber was los! Nach der letzten Brezelpause war vom politischen Denker Stein erwartungsgemäß nichts mehr zu sehen, und Brandauers verführerischer Spuk schien wie nie gewesen. Die Mörder sind Laffen, die Verschwörer blasse Feiglinge, jeder bekommt seine Abschiedsrede, und ein stets harmlos gutgelaunter Wallenstein schwadroniert sich ahnungslos, munter und geschwätzig seinem meuchlerischen Ende entgegen. Nach zehn Stunden hat sich Peter Stein zum letzten Mal bei Schiller eingekitscht.
Wahnsinn Drama
Es richtet sich die Welt nach seinem Bilde und duldet keine Korrekturen an diesem Bild. Er geistert durch alle Sphären, hat die Sterne und den Kosmos, das größte Ganze im Blick – aber nur, um es seiner Beschränktheit schlau zu unterwerfen. Was er nicht sieht, das sollen die anderen auch nicht sehen, was er nicht fühlt, sie auch nicht fühlen, was er befiehlt aber unbedingt befolgen. Mit ihm ist weder zu spaßen noch zu reden. Er hört nur, was er hören will. So spielt Klaus Maria Brandauer diesen Welt- und Kriegs- und Geschichtskerl. Ein relativ zeitloses Chef-Bündel – dem Untergang geweiht. Hinreißend und hingerissen. Wie im Rausch. Und eine Art absoluter theatralischer Novität. Denn der ältere Brandauer, den man bisher in allen Rollen immer nur als Brandauer, als Selbstspieler und Selbstgenießer gesehen hat, spielt hier zum ersten Mal, seit Kortner ihn als Lessings Prinzen in der «Emilia Galotti» (1969) ausbildete, etwas anderes als sich selbst, zum ersten Mal eine bedeutende, umwerfende Rolle, in die er sich nicht hineinwirft wie in eine Hängematte, sondern die er fast verzweifelt an sich reißt – um in ihr aufzugehen. Das ist die größte Leistung Peter Steins seit Jahren – diesen Schauspieler dazu verführt zu haben, von sich abzusehen. Und sich ganz Schiller anzuvertrauen, jeden Ton, auch den scheinbar peinlichsten, geschmerztesten, leidenssattesten, wehleidigsten, wie einen ganz natürlichen Klang, einen Lebensschwung aus dem Herzblut heraus zu musizieren. Und dabei, wenn er seine Tochter Thekla in die Arme schließt und seine Frau umarmt, sich aufzuführen wie ein verliebter Bär, der in einem «Das gehört doch alles mir!»-Gefühl die Illusion genießt, glücklich zu sein. Seine Generäle und den Habsburger Gesandten Questenberg behandelt er wie passive Plüschfiguren, die er mal streichelt, mal knufft. Sie gehören ihm, auch wenn sie sich ihm entwinden. Er argumentiert nicht, wenn er redet, er wirft lauter Wichtigkeiten in die Luft. Einmal, in der vielleicht schönsten Szene des Abends, bläst Brandauer in einer unnachahmlichen Geste selbst des «Schicksals Samen» von seiner Handfläche, diabolisch grinsend und jungenhaft strahlend, in die Runde, in der gerade die Weltgeschichte darüber konferiert, wie dieser Mann zu erledigen sei. Für ihn aber gibt es keine Gegner. Für ihn gibt es nur ihn. Ein großer Ganzer, dem die Welt in Stücke fällt. (…) Der Dreißigjährige Krieg als die deutsche, jahrhundertelang nachwirkende Urerfahrung von Krieg überhaupt, die totale Verwüstung einer scheinbar festgefügten Welt, findet hier nicht in den Bildern, nicht in den Einfällen einer Regie, er findet in den Herzen und Hirnen und Seelen von Einzelnen statt, von denen Peter Steins überwältigender Inszenierung keine zu klein sind, um sie nicht als gewaltig vorzuführen. Lauter Opfer in einem Wahnsinn, der hier ganz und gar zu dem geworden ist, wovon die Fama immer behauptet, dass dies jeder Wahnsinn sei: ein Drama. Ovationen. Gerhard Stadelmaier «Frankfurter Allgemeine Zeitung», 21.5.2007
Texttreu, treudoof? Brandauer, der große Mime, Wallenstein, der große Feldherr. So lange er etwas Schelmisches behält, so lange er Sätze sagen kann wie den, dass die Wiener nicht verzeihen, dass er um ein Spektakel sie gebracht, so lange lebt die Figur. Sie lebt als ausladender, barocker Lustmensch, eine munter flackernde Sonne, die sich an sich selber wärmt. Sie lebt aus der Sprache, Brandauers unverkennbarem Witz und seiner Wucht, keck wie dröhnend. Aus der Spur gerät das, wo der Mann von den Schicksalsschlägen getroffen wird, da erschöpft sich sein knieendes, erregt auf- und abgehendes Gestenrepertoire, sein herausgeschleudertes Spiel. Da kann Brandauer einfach nichts nachlegen. Vielleicht liegt das Problem auch tiefer: darin, dass Stein immer nach einem Wallenstein gesucht hat, der dem Klischee entspricht, einem Charismatiker, einem Großschauspieler. Das funktioniert, weil so jemand einer ist, dem man Größe von alleine glaubt. Das minimiert aber auch alle Möglichkeiten, das Entstehen und Vergehen von Macht selbst zu zeigen. Brandauer muss sich nichts erspielen, alles ist von Anfang an da, und selbst als er zusammenbricht, ist er immer noch eines: groß. Ein anderes der offenen Geheimnisse dieser Aufführung liegt darin, dass sie sich getreulich damit beschäftigt, die Bildchen auszumalen, die wir uns von diesen Dingen machen. Die Solda-ten in «Wallensteins Lager» sind ein etwas rüpelhafter, aber herzensguter Haufen im bunten Wams. Die jugendlichen Liebhaber Max Piccolomini (Alexander Fehling) und Thekla (Friederike Becht) sind so jung und unbedarft, so um Verzweiflung und Innigkeit bemüht, als hätte man sie direkt aus der Schauspielschule geholt. Die Generäle hüpfen wie die Kinder (Illo, Rainer Philippi) oder greinen festgepflanzt (Buttler, Jürgen Holtz). Octavio Piccolomini ist bei Peter Fitz so beherrscht-gehemmt, wie man es schon immer dachte, für den Astrologen Seni ist Christopher Nell zum Spitzbart verkleidet. Womöglich wird diese Tendenz ins Überklare, Absehbare, Eindimensionale – von der Texttreue zum Treudoofen ist’s manchmal nur ein kleiner Schritt – sogar von Schillers Text erzeugt. Das Drama häuft Sentenz auf Sentenz, eine Spruchweisheit folgt der anderen, die stehen dann unbeweglich und bedeutend im Raum. Die Schauspieler müssten diese Textstarre abschütteln. Peter Steins Regie lässt sie einfach stehen, wie er vieles stehen lässt. So fügt sich eins in andere zu einem Großgebäude, das Dynamik aber nur im zweiten und dritten der hier in fünf Teile gegliederten Aufführung gewinnt. Peter Michalzik «Frankfurter Rundschau», 21.5.2007
Fossiles Krustentier Im Anschluss an seinen «Don Carlos» stellt Schiller im «Wallenstein» die Frage nach der Freiheitsfähigkeit des Menschen. Die Gesetze des Krieges legen jedem im Stück diese Frage vor. Anomie schafft Autonomie: Doch alle verzichten auf die Selbstbestimmung, außer Wallenstein. Er als einziger hält die Freiheit aus – und sich darum alle Optionen offen. Längst geht es nicht mehr um die Legitimation von Macht, nicht mehr darum, ob Wallenstein ein Friedensfürst ist oder ein Kriegsverbrecher, sondern darum: Wie kann ich Spieler meines Spiels bleiben? «Täter meiner Tat?» Brandauer ist alles drei: Wallenstein, der kratzige Emporkömmling als Großbauer und Stachelschwein. Friedländer, ein Machtkopf. Und Albrecht, ein barocker Vollmensch in seinem ganzen reichen Widerspruch, der seinen Max mal küsst, mal beißt. Brandauer hält die Figur offen, aber in größter natürlicher Höhe, eine Kerze, die von beiden Enden brennt. Mit ihm zieht das Spiel an und alle auf seine Höhe, jedenfalls die, die ihm folgen können. Da ist vor allem Elisabeth Rath als Gräfin Terzky. Mit seiner Schwägerin lebt Wallenstein hier das offene Konkubinat, seine Herzogin ist nur die nervenschwache Vorzeigefregatte fürs diplomatische Damenprogramm. Die Terzky aber ist seine Büchsenspannerin, die starke Frau, die hinter jedem erfolgreichen Mann steht, zugleich eine große Liebende. Die Geschichte einer ungelebten Ehe läuft hier immer zart nebenbei mit, denn die Psychogramme werden genauer, je mehr sich das Panorama-Spiel vom Polit- zum Familiendrama wandelt. Dem Drama einer Patchwork-Familie eigentlich, in der Buttler, der von Jürgen Holtz großartig gespielte Sauertopf, der abgeschobene Alte ist, aus dem verschmähte Liebe einen eiskalten Racheengel macht. So ist sein Komplott gegen den nach Eger geflüchteten Wallenstein eigentlich der Eifersuchtsmord eines Rasenden, der ganz ruhig nur geworden ist, weil er in seinem Opfer auch sich selber tötet. Einmal weitet sich die Bühne zu ihrer vollen Größe, die labyrinthischen Maulwurfsgänge der Intrigenhandlung sind nun einem gleißenden White Cube gewichen. Darin Wallenstein in voller Rüstung; seinen Generalstab in die Höhe reckend, steht er auf einem Sockel wie sein eigenes Denkmal, aber in das aseptisch kalte Museum der Moderne ausgelagert. Der Protagonist als fossiles Krustentier mit schartigen Scheren – das könnte leicht lächerlich wirken, hätte Brandauer nicht das weiche Fleisch der Figur unter den Panzer herausgeschält, den gefrorenen Götzen gründlich aufgetaut. Hier Peter Stein, der oft von künstlerischer Austrocknung bedrohte Kopf-Spieler, dort Brandauer, der oft in seinem eigenen Saft schwimmende Bauch-Spieler – zusammen haben sie sich triumphal einen Körper gebaut: «Wallenstein». Und so hat die Tragödie in Berlin ein Happy End. Christopher Schmidt «Süddeutsche Zeitung», 21. 5. 2007
Machtmittel Bildung «Bildung» – das Wort wurde im Vorfeld dieses Theaterereignisses zum Brechmittel. Peter Stein drosch in Interviews mit dem schweren Säbel auf die jüngeren Regisseure ein, die alle nicht mehr gebildet seien und nur noch inszenierten, was sie «unter der Vorhaut juckt». Und Journalisten, die ihm an Juckreiz-Diagnostik und Bildung nicht nachstehen wollten, beteten es nach. Selten ist den Jüngeren so deutlich klar gemacht worden, dass Bildung nichts sei, was ihnen freundlich zur Teilhabe offen stünde, sondern dass es sich dabei um ein Machtmittel handelt, mit dem etablierte alte Knacker ihre Pfründe einhegen. So gebildet, dass sie ihre Handys ausgeschaltet hätten, waren viele Bildungsbürger dennoch nicht: Eine Frau entblödete sich nicht mal, während der Vorstellung ranzugehen wie eine 14- jährige Prolette, über die die Dame sich gewiss meilenweit erhaben fühlt. (…) Brandauer ist besser, als es viele Verächter dieses häufig übereitlen Grimassenmimen befürchteten. Zwar verwechselt er gelegentlich Lautstärke mit Kraft, doch das sprunghaft Nervöse der Figur zeigt er ebenso gut wie ihren Charme. Sein Wallenstein sieht mit grauen Zotteln und Bart aus, als sei er beim Peter-Stein-Wettbewerb gecastet worden. Der mittlerweile wieder rasier- te Regisseur hatte um 2000 – im größten Stress seiner «Faust»-Inszenierung – mal eine Phase, in der er genauso rumlief. Parallelen zwischen Stein und Wallenstein sind: Beide haben sich historische Größe erworben, doch beide macht es aggressiv, dass eine neue Zeit sie nicht mehr für so unentbehrlich hält wie sie sich selbst. Matthias Heine «Die Welt», 21. 5. 2007
Geschichtsdrama, warum? Bleibt die Frage: Warum? Warum soll man Schauspieler dazu bringen, den ganzen Schiller-Text zu spielen? Warum soll sich das Publikum dem aussetzen? Im Vorfeld hat es in Zeitungsartikeln die Antwort gegeben: Weil das Thema Krieg wieder aktuell ist. Das kann aber leicht zur legitimatorischen Ausrede werden. Zwar stößt man im Wallenstein häufig auf Sentenzen wie «Der Krieg ernährt den Krieg». Aber Einsichten in heutige Kriegssituationen gewährt das Stück nur marginal; ab und an kann man eben noch Herfried-Münkler-Thesen vom entgrenzten Krieg hineinprojizieren. Aber schon Ansätze von asymmetrischen Kriegen finden kaum noch Widerhall – es prallen bei Schiller doch eher symmetrisch die Söldnerhaufen aufeinander –, und bei Verquickungen von Krieg und Medien stößt man vollends ins Leere. Wem es um die Realität heutiger Kriege zu tun ist, sollte sich eher noch mal «Apocalypse Now» ansehen. Um Schiller auf aktuelle Situationen anzuwenden, hätte es entschiedener Regie-Einfälle bedurft – das Einzige, was Peter Stein noch mehr hasst als die gegenwärtige Theaterkritik. Eher schon funktioniert der «Wallenstein» bei ihm als Geschichtsdrama, wie es von Schiller ja auch angelegt wurde. Wie verheerend der Dreißigjährige Krieg bis in die Gefühlskonstellationen und bis ins menschliche Selbstverständnis hinein war, davon erhält man durchaus einen guten Eindruck. Aber es hilft nichts. Bei der Warum-Frage steht sofort ein zweites, dezidiert kulturkonservatives Antwortmuster im Raum: Weil die Inszenierung gegen modernes Regietheater gerichtet ist. Weil es hier um einen wiedererkennbaren Klassiker geht. Bei der Premiere stieß man auf viele Zeitgenossen, die diese Aufführung liebend gern gegen die vermeintlichen Exzesse eines angeblichen heutigen Schmuddel-und-Medien-Theaters ausgespielt hätten. Aber da sollte man vollends vorsichtig sein. Nicht nur, weil es tatsächlich Inszenierungen gibt, die einen Klassiker wirklich überzeugend von heute aus anzupacken verstehen – im vergangenen Jahr Jürgen Goschs Düsseldorfer «Macbeth» etwa oder aktuell Jan Bosses «Werther» am Berliner Maxim Gorki Theater. Sondern auch, weil in diesem «Wallenstein» mindestens soviel U- wie E-Kultur drin ist. Er ist eben auch ein Event und die große Bildungsbürgerlichkeitshow: Hochkulturkonsum. Das ist ja auch gar nicht schlimm. Nur sollte man da keine neue große Erzählung von Erhebung durch Kunstgenuss zusammenbasteln. Dirk Knipphals «die tageszeitung», 21. 5. 2007
Kultur-Dienstleistung Er spricht vom «Verräumlichen» der Dramen. Und bringt damit seinen Beitrag als Inszenator – wahrscheinlich ohne zu kokettieren – auf einen bescheidenen, fast selbstverleugnenden Begriff. Seine immense kulturelle Leistung besteht darin, diese Texte mit allem, was ihm an Handwerk und Wissen zur Verfügung steht, verständlich zu machen. Er ordnet nicht nur die Texte den Rollen zu, sondern sortiert auch die von Schiller gemeinten jeweiligen Gefühlszustände der Figuren mit großer, ungebrochener, gern auch überdeutlicher Klarheit – um die Vielschichtigkeit, die im Text liegt, sichtbar zu machen. Das sind respektable Dienstleistungen an uns und unserem kulturellen Erbe. Ulrich Seidler «Berliner Zeitung», 21.5.2007
Alter Ritter Aber dann zieht sich «Wallensteins Tod» doch fast endlos hin. Einmal ist die Riesenbühne aufgerissen, weiße Leuchtwände umstellen kalt den gewaltigen Betonboden, ein starkes Bild. Auf einem Podest steht Wallenstein und lässt sich die Rüstung anlegen – zu spät. Der Rest ist Pflicht. Brandauer schaltet den Rhetorikautomaten ein; jetzt, wo es ans Sterben geht, fehlen ihm die finstern Seiten und Schattierungen. Dieser Wallenstein hat ein Pokerface, aber er ist kein Grübler. Mit gemischten Gefühlen macht man sich nach der Trilogie auf den späten Heimweg. Eine Anekdote, die der Schauspieler Ernst Ginsberg erzählt hat, fasst den Zwiespalt am besten. Wenig nach Kriegsende wurde am Zürcher Schauspielhaus ein Stück von Carl Zuckmayer uraufgeführt. Brecht, wie Zuckmayer aus dem Exil zurückgekehrt, saß in der Generalprobe: «Na, Bert, wie gefällt es dir denn?», wollte Zuckmayer anschließend hinter der Bühne wissen. Brecht zögerte, setzte sich einen herumliegenden Helm auf und schnarrte: «Mir als altem Ritter gefällt es ganz vorzüglich.» Peter Müller «Tages-Anzeiger», 21.5.2007
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