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Das Stück
Drei Stunden und ein Wort

Die junge Dramatikerin Laura de Weck

und ihr Debüt «Lieblingsmenschen» in Basel und Mannheim
von stephan reuter

Es war einmal die Schweiz. Die Schweiz ist ein sehr kleines Land. Seine Medienherde grast zum größten Teil in Zürich, auf engstem Raume. Geheimtipps sprechen sich dort schnell herum, so schnell wie in olympischen Dörfern. So kam es, dass eine junge Frau in den wichtigen Wochenmagazinen beschrieben und gepriesen und zur prominenten Dramatikerin erklärt wurde, bevor auch nur eine Zeile von ihr je auf einer Bühne ausgesprochen war. Es war Anfang März und gut vier Wochen bis zur Uraufführung ihrer «Lieblingsmenschen». Die Frau trug einen edlen Namen, sie hieß Laura de Weck, war die Tochter eines Medien- und die Enkelin eines Bankenkönigs. Der Vater, Roger de Weck, leitete einst die Redaktion des Zürcher «Tages-Anzeigers», danach die «Zeit» im fernen Hamburg, bis es genug war mit dem Zeitungsstress. Fortan lebte er ein freieres Leben, nur hin und wieder ließ er sich im Schweizer Fernsehen ausstrahlen.
So eine Herkunft machte die Story um den märchenhaften Aufstieg der jungen Frau nur dringlicher: Alle mal herhören, Laura de Weck hat ein Stück geschrieben. Der Düggelin, der alte Schweizer Regiefuchs, hat es entdeckt und Talent gewittert. Jetzt inszeniert er’s in Basel, und ihr Dozent von der Zürcher Schauspielschule in Mannheim. Das muss ja ein Ereignis werden.
Wurde es auch. Und völlig zu Recht.

Auf dem Hamburger Teppich

Nur die Missgünstigsten werden der 26-jährigen Autorin heute noch den einflussreichen Vater als Karrierehelfer vorwerfen. Laura de Weck hat ein überzeugendes Debüt hingelegt. Punkt. Ein zweites Stück ist fixfertig, trägt den Titel «SumSum», liest sich ebenso flott wie das erste, die Uraufführung wird nicht lange auf sich warten lassen. Nochmals Punkt.
Und nun sitzt sie in einer Basler Bar, zwanzig Minuten nach dem Schlussapplaus im Theater, wo sie im Rahmen einer Koproduktion gastiert, hat sich sicher beeilt und wirkt dennoch entspannt, verströmt eine liberale Wohlstandskinderstube, als sei sie eben ihrem eigenen Stück entsprungen und nicht dem Underdogdrama «Woyzeck». Bestellt Weißweinschorle. Ist einfach eine höfliche, fröhliche Frau, die das weite Feld Zukunft offen vor sich liegen sieht. Sie muss es nur betreten. Muss sich nicht mal mit dem Gedanken abplagen, ob ihr der Durchbruch auf Dauer eher mit dem Schreiben oder der Schauspielerei glücken wird. Sie will beides können. Die Schauspielausbildung an der Zürcher Theater-Hochschule hat sie letzten Sommer abgeschlossen. Danach sammelte sie erst mal Intendanten-Absagen, wie so viele ihres Alters. Ihre offenbar üblen Erfahrungen mit einem unwirschen Peter Zadek wurden in einigen Schweizer Blättern genüsslich kolportiert, obgleich sie am liebsten schweigt dazu. Von wegen, der Name hilft in die Steigbügel. Und sie gibt zu: «Ich bin im Moment, was mein Schreiben betrifft, selbstbewusster als beim Spielen.» Doch das liege am Medium, beeilt sie sich anzufügen. «Als Schauspielerin kann ich nicht von außen auf mich drauf gucken.»
Einstweilen packt sie Koffer. Kehrt zurück in die Stadt, die sie als Zwölfjährige ungern verlassen hat: nach Hamburg. Klaus Schumachers Junges Schauspielhaus nimmt sie ab kommender Saison unter Vertrag. Das bedeutet: Ochsentour. Mehrmals am Tag auf der Bühne stehen. Man kann es bequemer haben als Tochter aus ehrenwertem Hause. Doch Laura de Weck lebt auf dem Teppich: «Eine Anfängerin kann sich die Dinge meistens nicht aussuchen. Als ich gehört habe, dass ich das Vorsprechen habe, habe ich mich total gefreut.» Ihre Augen leuchten. Misstrauen zwecklos. Wirklich, sie kann es kaum erwarten, vor Kindern aufzutreten, ganz direkt zu spielen. «Wenn man Kinder langweilt, ist man chancenlos. Das ist eine Schule, wo ich durch will.» Nur, im Kindertheater alt werden, das wäre dann doch zu viel des Guten. Denn da warten ein paar Autoren, die sie unbedingt gespielt haben will: «Tschechow, Kleist und Shakespeare – das sind meine drei Götter.» Wen wundert’s. Das sind die mit den gestochen scharfen Dialogen. Und mit dem siebten Sinn für eine Pointe. Denn das Lachen, findet Laura de Weck, das ist Erkenntnis, das rettet vor der Traurigkeit. «Der Humor passiert mir beim Schreiben.» Als Clowns will sie ihre Figuren jedoch um keinen Preis verstanden wissen, zumindest nicht vom Typ Dummer August. Wenn schon, dann bitte traurige Clowns. Und dann sagt sie, urplötzlich: «Wenn wir den Humor nicht hätten, dann wäre es so bitter hier auf der Welt.»

Der Wahn, nicht einsam zu sein

Klare Stimme, geradlinige Denkart. Das Wissen, dass vor ihr schon unendlich viele andere gehypt und vergessen wurden. Das alles hat sie in ihrer «Medienfamilie» – die Mutter Claudia illustriert Kinderbücher – rechtzeitig mitbekommen. Das Offene, das Metropolitane in ihrem Wesen auch. In Zürich ist Laura de Weck geboren, als zweites von vier Kindern. Als Knirps zog sie erst nach Hamburg, dann nach Paris, die Schultüte schleppte sie in Hamburg in die erste Klasse, das Abitur bestand sie in Zürich. Als Kleinkind plapperte sie nur Französisch. Die Schweizer Mundart kann sie an- und ausknipsen. Und vernarrt in Literatur, das war sie von Kindesbeinen an. Wie der Vater, wie die ältere Schwester, wie alle. «Wenn wir in die Ferien fuhren, war das Auto vollgepackt mit Büchern.» Ein vehementer Familienmensch ist sie. Alleinsein zählt sie zu ihren größten Ängsten. Da ist sie mit den Figuren in ihren beiden Stücken eng verwandt. Keine Frage, es ist ihre eigene Generation, von der Laura de Weck erzählt.
Man könnte auch leichthin behaupten, die Story drehe sich um die Ziellosigkeit der Jugend. Aber ein Bühnenseismograf wie der 77-jährige Regisseur Werner Düggelin widerspricht sehr treffend: «Ich glaube, die haben alle ein ganz großes Ziel: Das ist die Sehnsucht nach dem Paradies, das sind die Träume, das ist fast der Wahn, nicht einsam zu sein. Und vielleicht bei einigen der Wunsch, etwas Großes zu schaffen.»

Düggelins Basler Saison-Highlight

In Düggelins herausragender Basler Uraufführung sieht das so aus: Gesichter leuchten uns an. Gestochen scharfe Großformate, sechs Variationen auf die Sphinx, in Jeff-Wall-Qualität. Plötzlich zerfließen die Köpfe, als hätte ein Lausbub am Objektiv gedreht. Ein schönes Sinnbild für das Porträt einer unkenntlichen Generation, das Laura de Weck in knappe, komische, mithin auch schmerzhafte Szenen verdichtet.
Es sind die Bürgerskinder der Nach-68er, um die es geht. Und es ist ein um 50 Jahre älterer Regisseur, der für die Sehnsüchte dieser Generation den perfekten Erzählton trifft. Werner Düggelin. Nach Jahren zurückgekehrt ans Theater Basel, an das Haus, dem er als Direktor von 1968 bis 1975 zu einer ruhmreichen Ära verholfen hat. Zurückgekehrt, weil er die «Lieblingsmenschen» nicht auf einer Kammerbühne zusammenpferchen wollte, sondern weil er Raum verlangte. Raum für Distanz. Für Fremdheit unter Freunden.
Noch steht kein Schauspieler auf Raimund Bauers Bühne. Nur ein Tisch, zwei Stufen, vier Stühle. Dann kommt Anna. Bückt sich in ihr Notebook. Jule setzt sich dazu, Anna starrt weiter in den Bildschirm. Zwei Studentinnen, sie unterhalten sich. Könnte man erwarten. Aber das ist kein Pausenplaudern, das ist der hektisch missratene Versuch einer Konversation. Beide reden nervös beschleunigt, als bestünden ihre Stimmbänder aus Glasfaserkabeln. Katharina Schmidts Jule gibt sich moderat ausgeflippt, in Minirock und Lederstiefel, die Schauspielschülerinnen-Ausgabe einer öffentlichen Frau und, wie sich herausstellt, leichte Beute für die jungen Jäger der Nacht. Anne Schäfers Anna strahlt das wohlbehütete Gegenteil aus. Bürgertum statt Bohème, Treue statt Abenteuer, Diplom statt Dancefloor. Seit sechs Jahren ist sie in festen Händen; nur bleibt ihr Freund Phillip der ewige Abwesende des Stücks. Zwangsläufig drückt sich Anna den Computer an die einsame Brust.
Schnitt, nächste Szene. Sven und Lili. Rennen ineinander, wenigstens beinahe. Erst funkt es, dann kippt Svens unbeholfener Redeschwall wie ein Eimer Wasser auf Lilis Glut. Das ist schon großartig mit anzusehen, wie Jan Bluthardt als Sven immer um eine Silbe danebenliegt und so seine Chancen verpatzt. Er und Inga Eickemeier wickeln eine ganze Lovestory im Zeitraffer ab, vom ersten Blick zum kühlen Adieu, und das ohne eine einzige Berührung. Lili will keinen Quatschkopf, sie will verführt werden. Also verfällt sie auf Darius. Der wirkt so verschlossen, also geheimnisvoll. Und er hat das Plus, dass Laura de Weck ihm einen Satz wie «Deine Narben sind schöner als deine Augen» in den Mund legt.
Darius, der ist bei Sandro Tajouri die Sorte Querkopf, der nie dorthin schaut, wo er etwas beobachtet. In der Unibibliothek tickt er aus, weil ihn das Streben der anderen ankotzt, dieses verantwortungslose Verschleppen aller Träume von Semester zu Semester. Nicht dass er es besser machte. Nein, Darius, das ist der Typ, der früher als andere verbittert. Der zum Dieb wird, oder zum Betrüger. Vielleicht von einer Brücke springt. Oder sich an einen Tisch krallt und sich allmählich das Hirn aus dem Schädel säuft.
Über 70 Minuten tauschen die Figuren Bettgenossen, SMS-Botschaften, Gefühle und Gemeinheiten aus. Und wer sich eine halbe Saison lang fragte, wann die jüngste Generation in Elias Perrigs
Ensemble endlich durchstartet, erhält mit diesen «Lieblingsmenschen» die Antwort. Die können erfrischend viel, diese Newcomer. Sie bescheren dem Theater ein volles Haus und dem neuen Basler Schauspielchef eines der selten gezündeten Glanzlichter in einer allenfalls mittelprächtigen ersten Spielzeit.
Laura de Wecks nadelspitze Dialoge lassen diese jungen Schauspieler hin- und herfliegen wie beim Florettfechten, und die Regie gibt dem Ensemble Platz, lässt dem kurzen Text sein Tempo. Düggelin erzwingt nichts, er vertraut nur. Und er erdet die komischen Szenen immer wieder auf dem Abgrund des Daseins. Denn das ist das Hintergründige: Die Zukunft haben die Lieblingsmenschen nicht vor Augen, sie sitzt ihnen im Nacken.
Am Ende lässt einer sein Leben: Phillip, die Figur ohne Auftritt, hat sich dem Paradies ein tödliches Stück näher gespritzt. Strebsam sei er, hieß es über ihn. Einer für die Couch, keiner für den Kiez. Was ihm wann den Verstand geraubt hat, bleibt
Ermessenssache. Klar ist nur: Anna hat ihm kurz
zuvor die Beziehung gekündigt. Per SMS. «Weil es nicht mehr ging», eröffnet sie ihren entsetzten Freundinnen. Und fügt hinzu: «Was ist denn los mit euch? Ich hab doch einfach nur mit meinem Freund Schluss gemacht, das macht ihr doch die ganze Zeit.»

Uraufführung, die zweite, in Mannheim

Im Auftrag des Schnawwl, der Abteilung fürs Jugendliche am Nationaltheater Mannheim, hat sich Marcelo Diaz, zeitgleich mit Basel, um die andere Uraufführung der «Lieblingsmenschen» gekümmert. Der gebürtige Argentinier war an der Theaterhochschule Zürich Dozent. Unter seinen Studentinnen: Laura de Weck. Und auch wenn die Autorin keinen Hehl daraus macht, dass ihr Düggelins Deutung näher am Herzen liegt, kann sie sich freuen wie ein Kind, dass auch in Mannheim «völlig fremde Leute im Theater sitzen und mein Stück
anschauen – das ist das Schönste». Während Basel das Schweizer Debüt des Jahres groß anrichtet, nimmt Marcelo Diaz mit einer Studiobühnenproduktion vorlieb. Am Kern der Geschichte kratzt das wenig. Der Regisseur stellt sein Ensemble an die Türschwelle, mit Panoramasicht aufs wahre Leben, das in Form von Videosequenzen im Hintergrund vorbeiflimmert. Paare, Passanten, Penner. Tauben auf Kopfsteinpflaster. Stadt, Land, Fluss. Derweil hängen die fünf Mannheimer Studenten dem alten Lügenmärchen an den Lippen, das schon Oasis, die fast vergessenen Britpop-Helden der Generation Börsenblase, vorgesungen haben: «We can be heroes, just for one day. And we can be ourselves, just for one day.»
Allerdings übersteht das Heldenglück nicht einen Dialog. Bei Sven (Jan Single) und Lili (Angelika Baumgartner) fällt das am stärksten auf: Solange sie tanzen, passen sie zueinander, ein Ken und eine Barbie, auf dem Kamm einer Hormonwelle reitend. Dann setzen sie sich, und Sven quatscht plumpes Zeug. Seine Anmache ist so peinlich. Lilis Lippen kräuseln sich verächtlich, verächtlicher, am verächtlichsten. Sie wollte doch nur verführt werden. Ein Adria-Teint und blonde Juristenlocken sind eben keine Garantie für eine spannende Liebesnacht.
Im Übrigen kann Regisseur Diaz seine Sympathie für den Taugenichts Darius kaum verleugnen. Timo Senff gehören die besten Pointen und die Frauen. Der Reihe nach. Das steht auch so im Stück, ergibt in Mannheim jedoch ein umständliches Gewuschel und Gekuschel unter der Federdecke. Das ist kein Slapstick mehr, und noch keine Bettszene. Dagegen geht es in Basel abstrakter zu, nahezu unterkühlt. Düggelin hält die Figuren auf Abstand, vor und nach dem Sex – und das wird der erotischen Temperatur unter den Protagonisten vollauf gerecht.

Der Rat des Vaters

Wem nun zu den «Lieblingsmenschen» der Begriff «Gebrauchsdramatik» einfällt, liegt damit goldrichtig. So ein Stück gehört gespielt – und gesehen. Hat die Autorin daran geglaubt, dass ihr Text so gut funktionieren würde? «Ein bisschen schon», erwidert sie und überspielt die kleine Eitelkeit mit ihrem entwaffnenden Lachen. Aber im Ernst: Sie achte am Schreibtisch sehr darauf, dass ihre Dialoge auch nach Dialogen klingen. «Ich kann drei Stunden mit einem Wort verbringen.» Insofern ist die Schauspielerin Laura de Weck die erste Kritikerin der Autorin Laura de Weck. Eine heimliche Perfektionistin sei sie. Sagt’s und lacht wieder so entwaffnend.
Vorerst will sie allen Angeboten zum Trotz unbedingt ihren eigenen Rhythmus durchhalten: «Ich versuche, mich nicht unter Druck setzen zu lassen und gleich die nächsten drei Stücke schreiben zu müssen. Das kann ich im Moment nicht, da hätte ich auch gerade keine Idee für.» Wie hat ihr der Vater im Umgang mit dem Medienhype geraten? «Bleib du selbst.» Bisher hat Laura de Weck damit keine Probleme.
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