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Inhalt
Foyer
Josef Bierbichler
«Jungsein» – Wann geht das los?

Aufführungen
Diederich Diedrichsen
Meisterswinger, Meisterrapper
Frank Castorf macht Musik: «Die Meistersinger» in Luxemburg
Eva Behrendt
Alles halb so schlimm
Luk Percevals «Platonow» an der Berliner Schaubühne Wolfgang Kralicek Die Geister unserer Vormieter Luc Bondy zeigt Jon Fosses «Schlaf» bei den Wiener Festwochen
Franz Wille
Die Sprungkraft des Toasters
Elfriede Jelineks «Sportstück», von Volker Lösch auf Leipzig angewandt
Barbara Burckhardt
Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man summen
– Ruedi Häusermanns «Gewähltes Profil: Lautlos» in Hannover

Der fremde Blick
Stippvisite im Paradies
Ein Gespräch mit internationalen Festival-Leitern über das Berliner Theatertreffen, über Kolonialismus, Zensur und das deutsche Theaterpublikum

The West and the rest
Susanne Finken - Im Zustand der Schmerzlosigkeit
Die Bonner Biennale und Indien Pankaj Mishra Der neue Orientalismus
Indien ist anders, als der Westen denkt

Bilanz Basel
Tobi Müller - Die jungen Wilden, die Alten und die Erinnerung
Mit Lars-Ole Walburgs Abschied geht in Basel eine Ära zu Ende

Serie Theaterbauten
Falk Jaeger - Erfurt leuchtet
Der größte Theaterneubau seit der Wiedervereinigung steht in Thüringen

Porträt
Bernd Noack
Theater aus der zweiten Reihe
Der Nürnberger Schauspieler Andreas Uhse verändert sich

Biografie
Günther Rühle
Ein Fall für die Bühne
Einar Schleefs Tagebücher von 1964 bis 1976

Chronik
Berlin Lothar Trolle «Das Hildebrandslied»
Basel Ibsen «Peer Gynt»
Dortmund Conor McPherson «Shining City»
Essen Gerhild Steinbuch «Schlafengehn», Ensembleprojekt «Stadt Wald Welt/Heimliche Liebe»
Hamburg Fritz Kater «abalon, one nite in bangkok»
Kiel Roland Schimmelpfennig «Vorher/Nachher»
Lübeck Jon Fosse «Sommertag»
München Ann-Christin Focke «Himmel sehen»
Nürnberg Arne Sierens «Die Brüder B.»
Stuttgart Meike Hauck «Hund frisst Gras»

Autoren zu entdecken
Jürgen Berger - Aus der Tiefe des dramatischen Raums
Die Dramatikerin Darja Stocker und ihr erstes Stück
Darja Stocker Nachtblind
(Stückabdruck)

Daten

Premieren im Juli
Hinweise

Medien/TV
Bollywood ist mehr als Trash und Camp
Comic meets Theater: ein Festival in Halle
Sophie Rois auf Hörbüchern
Suchlauf
Programmhinweise

Magazin
Ein Festival des arabischen Dramas in Israel
Polski-Express im Berliner HAU, EC 47 in Warschau
Jonathan Meese in den Hamburger Deichtorhallen
Das Teatro delle Albe aus Ravenna
Notizen

Vorschau / Impressum

Foyer
«Jungsein»
Josef Bierbichler gibt dem «talentetreffen» des Berliner Theatertreffens einen Impuls

Wann geht das los? Jung muss man erst werden. Es kann nicht sein, dass das mit der Geburt schon beginnt. Wenn die Hebamme der Mutter ihr Neugeborenes an die Brust legt und statt: Das ist aber ein schönes Baby! sagt: Das ist aber ein junges Baby!, dann vergreift sie sich in der Wortwahl. Auch was bald danach kommt, die Kindheit, kann nicht herhalten für das, was irgendwann irgendwie als Jung-gewesen-sein empfunden wird. «Als ich noch jung war» meint was anderes als: «Als ich noch ein Kind war». Bei der Bezeichnung «Jungsein» dürfte es sich nicht um das Gefühl für einen gegenwärtigen Ich-Zustand handeln oder um eine Erkenntnis, gewonnen durch den Blick auf sich selbst (wenn etwa ein älterer Mensch sagt: Ich fühle mich noch jung), sondern eher um ein Attribut der Beobachtung anderer und eine sich daraus ergebende Einteilung oder Bewertung. Wenn also ein von den Jahren in den Griff genommener Mensch auf Jüngere schaut: neidvoll oder voll Hass oder froh, nicht mehr so sein zu müssen. – Schon der Blick der Eltern auf die heranwachsenden Kinder erfreut sich nicht am Jungsein der eigenen Brut, sondern an deren Werden – und das hat die Zukunft im Auge, das erhoffte Gelingen des kommenden Erwachsenseins.

Im Moment ist das Attribut «Jungsein» Lockwort und Fangstrick der Produktwerbung, um die begehrteste Zielgruppe auf ihr besonderes, vermeintlich herausragendes Lebensalter aufmerksam zu machen – und damit zu verführen. Noch ist das so. Bald schon wird der Fokus der Werbung auf eine andere Zielgruppe gerichtet sein, nämlich auf die, die bald die wesentlich Mehreren in unserer Gesellschaft sein werden: die Alten.

Erinnern ist zeitlos

Es ist noch keine 70 Jahre her, ein knappes Menschenalter nur, da wurden jene, die unter das Attribut «Jungsein» fielen, mit dem Privileg des Heldentods gelockt. Es gibt Gegenden in der Welt, da warten Jungen und Mädchen, die noch ihre Kindheit leben – oder eben nicht –, sehnsüchtig darauf, dieser zu entwachsen, um endlich jung genug zu sein, den Märtyrer geben zu dürfen. Hier, bei uns, ist man in den von der Zivilisation zugeschliffenen Lebensentwürfen zufrieden, wenn man in diesem Alter den Führerschein und den unbegrenzten Aufenthalt in der Disco herbeisehnen kann. Einige trauen sich weiter vor und setzen mit waghalsigen Sportarten ihr Leben aufs Spiel. Und vielleicht wäre das ja auch eine gelungene, alle zufriedenstellende Entwicklung, wenn es nur in dieser einen Welt diese andere Welt nicht gäbe. So bleibt die Frage, welches von diesen Initiationsritualen in höherem Maß von Degenerationserscheinungen geprägt ist: das Ritual des jungen Extremsportlers oder das des jugendlichen Selbstmordattentäters. Und warum soll der muslimisch erzogene Selbstmordattentäter von einem größeren geistigen Rückentwicklungsschub befallen sein, als es der junge Soldat war, der vor 65 Jahren voll Überzeugung die Hakenkreuzfahne nach Russland getragen hat? Oder die junge GI, die in Abu Ghraib nackte Iraker an einer Hundeleine durch den eigenen Kot kriechen lässt, im Glauben, dadurch ihre Familie vor Terroristen zu schützen?

Hinter all denen standen und stehen andere, die nicht mehr unter den Begriff «Jungsein» fallen. Hier wäre zu fragen, ob es eine Degeneration des menschlichen Mitgefühls überhaupt gibt, wenn es eine Entwicklung dieser Art allem Anschein nach nicht gibt? Es soll zumindest, wer vom zivilisatorischen Fortschritt reden will, auch von Degeneration nicht schweigen. Aber alle, die da zwar schon in den Startlöchern stehen, um der Kindheit zu entkommen, aber noch in ihr leben, wollen nicht jünger, sie wollen älter werden. Alt genug, um Sachen machen zu dürfen, die den Erwachsenen vorbehalten sind. Denn von selber käme ja der junge Mensch nicht drauf, seinen Lebensabschnitt festzuschreiben in Begriffen.

«Ich hab mir allaweil denkt, ich werde nie 18 Jahr. Hat das lang dauert, bis ich 18 Jahr alt worn bin. Mei war das was Langsames! Und jetzt bin ich auf einmal 83 …» Sagt ein alter Mann in einem Stück des Dichters A. aus Breitenbach. Was zwischen 18 und 83 war, erzählt er während des Stücks. Zumindest das, was in seiner Erinnerung hängen geblieben ist. In welchem Alter er jeweils war, als sich das Erzählte jeweils ereignete, das sagt er nicht. Es spielt für sein Erinnern keine Rolle. Erst die plötzliche Erkenntnis, schon 83 Jahre alt zu sein und das Leben gelebt, ohne das Altern gemerkt zu haben, zwingt ihn wieder in ein Zahlenordnungsprinzip: nämlich das eigene Alter zu beziffern. Als wäre das der Beweis, gelebt zu haben. Dieser Mann war, gemessen an dem Attribut «Jungsein», entweder immer jung oder immer schon alt. Schwer zu sagen. Aber bevor er 18 war, gab es noch keine Einteilung in Teenies und Twens. Es gab die kaiserliche Armee und die Reichswehr. Es gab die familiäre Gewalt in den armen Familien, der endlich zu entkommen ein häufig und heftigst durchlebter Kindheitstraum gewesen sein dürfte. Es gab vor allem den Aufbruch vom Land in die sich bildenden großen Städte, ausgelöst durch die ungeheuren Kräfte des alles verdrängenden und gleichzeitig an sich reißenden und neu formenden Industriezeitalters. Aber nichts deutet darauf hin, dass dieser Trieb des aus der Kindheit drängenden Menschen, der unbedingt erwachsen werden will, um sich endlich selbst zu erkennen, jetzt anders beschaffen sein soll als damals. Noch ist, was heute anders scheint, als es mal früher war, nur Mode. Mag sein, dass das in Zukunft anders ist. Es hat sich das Neue oft über Jahrhunderte herausgebildet, bis es als das Neue erkennbar war, und tut das jetzt im gleichen Maß, oft mehrmals gar, schon in nur einer Generation. Es ist naheliegend, dass die äußeren Gründe für die Sehnsucht, die Kindheit hinter sich lassen zu wollen, die früher über Generationen die gleichen waren, unter den Bedingungen des schnellen Wandels ebenfalls dem schnellen Wandel unterworfen sind. Deshalb ist es unergiebig, nur auf der von den Gesetzen der Gesellschaft und der Technik geprägten Außenhaut des Menschen zu suchen, was vor allem unter ihr zu finden ist: dieses reizende Ungeheuer «Jungsein».

Der Weg ins Bewusstsein

Eigentlich ist der Begriff ja lächerlich, denn er ist konstruiert. Das Sein ist umfassend und nicht zu reduzieren auf jung. Schon der junge Hamlet hat das gewusst. Wenn er gegrübelt hätte: Sein oder Jungsein, das ist die Frage, dann hätte dieser Stuss die Zeit nicht überdauert. Wenn das aber heute in weißer Schrift auf schwarzem T-Shirt vor der Brust eines von der betörend überflüssig bunten Warenwelt restlos zugedröhnten Wirtschaftswundersöhnchens im aktuellen Party-Spaß-Getriebe auftauchte, würde es supertoll genannt und als megagut ins Zeitbild passend gerühmt werden. So versinkt, durch das Wirken der Entropie, Qualität mit den dahin gehenden Jahrhunderten, die sie einst hervorbrachten, immer mehr im Schlund der Zeit. Schwer zu trennen war das Wort «Jung» immer von dem Wort «Freiheit». Immer lag es nahe am Wort «Neu». Aber ungeheure Schlaumeier haben den Slogan «Freiheit oder Sozialismus» ausgebrütet. Als ob Sozialisation irgendeine Erfindung von Jugendverderbern wäre, eine Ideologie, und nicht das, was es ist: die als äußerst schmerzhaft empfundenen Erfahrungen des heranwachsenden Menschen beim Versuch, sich in die Gesellschaft einzugliedern, um endlich in ihr und von ihr als gleichberechtigt wahrgenommen zu werden. Der junge Mensch fügt sich – oder aber er stemmt sich gegen einen gegenwärtigen Zustand, der von ihm, nachdem er ihn erkannt und gedeutet hat, nicht mehr ertragen werden will. Ob das die geistige oder die materielle Verfassung der Gesellschaft ist, die ihm widerstrebt, oder beides, das hängt davon ab, wie er sozialisiert worden ist. Wie viele junge Menschen den vielen überschüssigen, oft ruinenhaft ausharrenden, altmeisterlichen Schlaumeiern ihrer Zeit auf den Leim gehen bei diesem Prozess der Sozialisation oder nicht, das bestimmt dann jeweils den Lauf der kommenden Epoche einer Gesellschaft, das formt den politischen Weg der folgenden Generation.

Aber eines dürfte immer gleich sein: Dass mit dem Beginn der Wahrnehmung, ein geschlechtliches Wesen zu sein – das ist der Anfang des langen Prozesses gelingenden oder scheiternden Selbsterkennens –, alle neu zu machenden Erfahrungen nun einer bewussten Einteilung und Zuordnung unterworfen sind und die Gesetze der Menschen und die der menschlichen Existenz – die der Natur also – in einem viel stärkeren Maße als schmerzhaft und einengend empfunden werden, als das bei den gemachten Erfahrungen in der Kindheit der Fall war. Der Weg ins Bewusstsein ist der vom Zweifel in die Verzweiflung, hat Hegel herausgefunden, und mancher junge Mensch kommt sich eher alt als jung vor, wenn er in diese Phase seines Lebens gerutscht ist.

Kein Vorteil, aber eine Chance


Der maschinenhaft stampfende Rhythmus der Musikanlagen in den Discos wirkt wie die Hilfe einer bereits sinnlich gewordenen Technik beim Niedertreten dieser Verzweiflung im Tanz. Einst haben das Manufaktur und Fließband geleistet. Und immer wieder, zwischendurch, die Kriege. Man muss ihr keine Träne nachweinen, der alten Zeit. Es reicht vollkommen, in ihr zu lesen. Und es wirkt wie unterlassene Körperpflege, wenn man es nicht tut: Es führt zu Selbstverwahrlosung. Kein Weg, außer der in den Tod, führt daran vorbei, dieses «Jungsein» ertragen zu müssen. Niemand wird in diesem Alter, so lange er in ihm zu leben hat oder gar darin gefangen ist, eine Qualität erkennen. Fast jeder und jede versucht herauszudrängen, und die wildesten Bewegungen sollen helfen, das zu erreichen. Deshalb sind in diesem Alter Entscheidungen möglich, die später nicht mehr fallen können, weil der Mensch nie mehr mit solcher Energie, Rücksichtslosigkeit und Unvorsichtigkeit sein Aufbegehren gegen die Unbill des Lebens zustande bringt wie in dieser Phase des so genannten Jungseins. Das ist der Grund, warum beim späteren Rückblick das Junggewesensein oft verklärt wird. Herstellen lässt sich dieses ungeheure, das Kind zum erwachsenen Menschen formende Chaos nicht. Es ist oder ist nicht. Man kann nur versuchen, diese schiere Energie zu nutzen für alles, was die Neugier aufs Leben fördert – und immer wieder aufs Neue anstachelt. Dazu gehört auch, die Angst zu überwinden und die Trägheit. Viel Energie verpufft in diesem Alter, in diesen Zeiten, im Nachgeben gegenüber Angst und Trägheit. Viel Leere saugen junge Hirne aus Computerspielen, viel Zeit und Hirnzellen gehen für immer verloren vor den Fernsehern. Spaß haben wollen ist zum Berufsersatz geworden. Diese Komikveranstaltungen im Fernsehen, diese Spaßerzwingungssendungen, reinste Spaßzwangsmaßnahmen der Unterhaltungsindustrie, werden als Ausgleich für die ausgehende Arbeit akzeptiert. Man sieht schon die wachsende Verzweiflung dahinter. Aber anstatt dem Ernst ihrer Lage zu vertrauen, Zeugen eines gewaltigen Umbruchs zu sein, und dieser Zeit und denen, die sie zu verantworten haben, die eigene Existenz einzugravieren, möchten viele lieber selbst solche Spaßbolzen sein wie die da vorne, deren Unterhaltungskunst sich aber schon längst brutal abgesenkt hat zu niederster Unterhaltungspornografie, analog zur moralischen Verfassung derer, die sie bezahlen. Früher waren die meisten jungen Menschen Material. Heute sind sie sich selbst überlassen. Schwer zu sagen, was vorteilhafter ist. Es ist kein Vorteil, jung zu sein. Es ist nur eine Chance. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Hinterfragen statt Bejahen

Diese Veranstaltung hier will auch eine Chance bieten. Sie will informieren über Kontakte und Verbindungen, die einen Einstieg in Theaterarbeit und das damit verbundene Umfeld ermöglichen können. Der Flyer liest sich so, als ob Interessierte sich lieber gleich an Sponsoren und Mäzene wenden und dieser Art Geldquelle vertrauen sollen, statt von den öffentlichen Förderprogrammen noch zuviel zu erhoffen. Ich möchte da noch einmal dran erinnern, dass das deutsche Theater-Fördersystem, soviel ich weiß, auf der Welt einmalig ist. Dass Theater von finanziellen Zwängen und von jeder nicht auf demokratischem Weg gefundenen Bevormundung frei sein, sich entwickeln können muss, war eine Lehre aus zwölf vorangegangenen Jahren absoluter Barbarei, in der sich eine Kultur selbst aufgehoben hatte, zugunsten eines bis dahin beispiellosen Vernichtungsprogramms. Dass dieses Fördersystem entstanden ist, muss als Errungenschaft gesehen werden und als Ergebnis eines Erfahrungsprozesses. Um dieses System zu kämpfen, scheint mir immer noch vorrangig gegenüber dem zusätzlichen Bemühen, sich auch nach Förderungen aus der Wirtschaft umzusehen. Es geht nicht nur um die finanzielle Förderung der Theater. Es geht vor allem um die geistige Unabhängigkeit des Theaters von den Geldgebern. Ich stelle also von hier aus die Frage: Darf man fragen, lieber gar kein Theater mehr als kein von Sponsoreninteressen unabhängiges Theater mehr?

Ich sage: Man muss so fragen. Denn was wir nicht brauchen, ist ein Unterhaltungstheater: ein Theater, das den errungenen Zuständen, dem lebbaren Augenblick, huldigt; ein Theater, das sich selbst und seine Umgebung und die Zeit beweihräuchert. Das haben wir in anderen Medien zur Genüge. Diese Verdoppelung des Jetzt müssen wir nicht noch einmal doppeln. Wir haben uns um eine ständige Hinterfragung der Gegenwart zu kümmern, nicht um ihre Bejahung. Wenn dieserart «Jungsein» sich bemerkbar macht, ist es gut angelegt.

Das Stück
Aus der Tiefe des dramatischen Raums
Über Darja Stocker, ihr Stück «Nachtblind» und erste Inszenierungen am Zürcher Theater an der Winkelwiese sowie am Schauspiel Hannover
Von Jürgen Berger

Ich wollte unbedingt etwas mit dem Theater zu tun haben», sagt sie, und dass sie sich immer mal wieder frage, ob sie statt Theaterstücken nicht doch Romane schreiben soll. Mit dem Theater hat sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr zu tun, als sie in einem Züricher Jugendclub spielte und irgendwann zusammen mit Freunden auch kleine Theatertexte entwickelte. Jetzt, da sie mit ihrem ersten Stück sofort einen Treffer landen konnte, wird das mit dem Roman vorerst allerdings wohl nichts. «Nachtblind» heißt ihr Erstling und kreist um Leyla, die einem Typen zugetan ist, der zur Gewalttätigkeit neigt. Da ist aber auch dieser andere Junge, mit dem sie wohl das bessere Los ziehen würde und der keine schlechten Chancen hat. Uraufgeführt wurde das Stück am Zürcher Theater an der Winkelwiese, die deutsche Erstaufführung zeigte das Schauspiel Hannover.

Was will man mehr, hätte Darja Stocker (22) sich da sagen und in aller Ruhe das nächste Stück angehen können. Das machte sie auch, wollte dann aber doch mehr und schrieb sich im Studiengang für Szenisches Schreiben an der Berliner Hochschule der Künste ein – obwohl sie im Fall von «Nachtblind» bereits den Schweizer «Dramenprozessor» durchlaufen und vor ihrem offiziellen Start ins Autorenleben schon einmal studiert hatte. Das war in Zürich und am Ethnologischen Seminar. Sitzt man ihr heute in einer Gaststätte am Kanal direkt neben dem Berliner Zoo gegenüber, drängt sich natürlich die Frage auf, ob das gerade nicht ein bisschen viel sei: Das mit dem Erfolg und dem neuen Stück; mit der Ethnologie im Allgemeinen und dem Szenischen Schreiben im Besonderen; mit all der Presse und den Theatern, die jetzt noch mehr Geschriebenes sehen wollen, und zwar sofort. Darja Stocker allerdings wirkt, als habe sie das alles im Griff. Nein, sagt sie, ihr neues Stück sei zwar schon weit gediehen, auf eine feste Verabredung mit einem Theater habe sie sich aber noch nicht eingelassen. Sie wolle sich den Rücken frei halten.

Und das mit dem Szenischen Schreiben lässt sich auch ganz einfach erklären: «Austausch» und «Handwerk» sind die Stichworte. Eine wie Darja Stocker sucht die Begegnung mit anderen Theaterautoren und will die Auseinandersetzung. Und sie möchte auch genau wissen, was sie tut. Ginge es beim Schreiben zu wie im Fußball, würde sie wohl aus dem defensiven Mittelfeld heraus agieren, das Spielfeld überblicken und in die Tiefe des dramatischen Raums eindringen wollen, um so viel wie möglich über die Figuren zu erfahren, die sie in ihrem Stück auf- und abtreten lässt. Handwerk erhofft sie sich vom Berliner Studiengang, damit sie in der Umsetzung von recherchiertem Material schneller und gezielter voran kommt. Darüber spricht sie selbstsicher, reflektiert und bodenständig vorsichtig. «Mich interessiert das Zerrissene heute. Wie Nationalitäten verschwinden und an ihre Stelle Identitäten treten, die sich auf neue Art definieren. Wie kann es kommen, dass ich in Hanoi auf junge Menschen treffe, die mir wesentlich näher sind als viele, auf die ich in Zürich treffe?»

Südostasien hat sie vor zwei Jahren bereist, und das ist insofern von Bedeutung, als der fernöstliche Teil der Welt in ihrem neuen Stück wieder auftaucht. Im Zentrum steht ein junges Paar unter dreißig, beruflich sehr ambitioniert, was aber nur deshalb möglich ist, weil sie sich domestic servants zum Beispiel aus Südostasien leisten. «Der Witz besteht ja darin, dass beruflich aufstrebende Frauen in solchen Beziehungen ihren Traum von der Emanzipation nur leben können, indem sie Migrantinnen engagieren, die die Hausarbeit machen und ein Rollenbild aus dem vorletzten Jahrhundert reproduzieren», sagt sie und geht beim Schreiben ihres neuen Stückes wohl vor wie im Fall von «Nachtblind».

Dass aus dem Stück wurde, was es heute ist, hat damit zu tun, dass sie von Fällen ausging, in denen Mädchen sich auf Beziehungen mit gewalttätigen Partnern einließen, obwohl sie aus «guten» Familien mit bildungsbürgerlichem Hintergrund kamen. Darja Stocker recherchierte und wandte sich unter anderem an einen Familientherapeuten. «Ich trage viel Material zusammen, bevor ich zu schreiben beginne. Und wenn ich dann schreibe, wird das zuerst einmal auch ziemlich viel.» Im Fall von «Nachtblind» mehr als 130 Seiten. Die allerdings schrumpften nicht zuletzt wegen des Schweizer Dramenprozessors, einer Autorenförderung, die nicht nur mit Geld unterstützt, sondern auch konkrete Textarbeit anbietet. Übrig blieben rund 40 Dialogseiten, die am Züricher Theater an der Winkelwiese zur Uraufführung kamen.

In der Krümmung

Da hatte sich das Stück dann in einem jener Räume zu bewähren, von denen man meint, sie seien eher für Weinfässer und weniger für Theater geeignet. Untergebracht ist die Bühne in der klassizistischen Villa Tobler in halber Höhenlage über dem Zürisee. Geht man runter in den Gewölbekeller, wird es enger, als jedem Bühnenbildner lieb sein kann. Nicole Henning sah in dem Raum dann allerdings wohl die Herausforderung und baute für «Nachtblind» ein Interieur, das aus der Not der Enge die Tugend einer allegorischen Bühne macht. Jedes Möbelstück wurde abgeschnitten, damit es untergebracht werden konnte – in etwa so sehen auch die emotionalen Kräftefelder der Familie aus, in der Leyla gerade den Absprung aus der selbstverschuldeten Duldsamkeit probt. Und nicht nur in der Züricher Uraufführung verrät schon die Bühne einiges über das zerklüftete Innenleben der Familie, in der Leyla aufwächst. Auch in Hannover, wo kurz nach der Ur- die deutsche Erstaufführung zu sehen war, spiegelten sich familiäre Deformationen in einer von Simeon Meier gebauten halben Halfpipe-Bühne, auf der Möbelstücke wie besteigbare Objekte in der Krümmung hängen. Hier kann man den Boden unter den Füßen verlieren, so wie das auch Leyla droht, bei der eigentlich alles in Ordnung zu sein scheint. Ihren prügelnden Freund nennt sie den «Großen». Dass er alles andere als zärtlich ist, erträgt sie, weil sie mit ihm der Kunst des Sprayens frönt. Eigentlich könnte man gemeinsam in ein künstlerisches Leben starten. Dumm nur, dass der Typ in einer wohl noch gestörteren Familie als sie selbst lebt, gelegentlich ausrastet und Leyla als Punchingball benutzt. Nicht genug damit, hat sie es auf ihrem Weg ins eigenständige Leben auch mit einer Mutter zu tun, die zwar Journalistin ist und prima über familiäre Problemfelder schreiben kann, selbst aber eines jener Rollenbilder lebt, die zum Kotzen sind. Mama ist duldsam und versucht zu vertuschen, dass ihr Arztgatte seine Nachtdienste nicht unbedingt in der Klinik schiebt. Gleichzeitig lässt sie dem Sohn so viel durchgehen, dass da eine Zeitbombe tickt, die ihre zerstörerischen Kräfte schon mal in Attacken gegen Mutter und Schwester erprobt. Wäre nicht der hochbegabte und hypersensible Moe, der Leyla gerade über den Weg lief, stünden ihr einsame Stunden bevor.

Was sich in Leylas Familie und was sich zwischen ihr und Moe abspielt, wurde von Darja Stocker so knapp und elegant für die Bühne verpackt, dass man die Familienverkrümmung nicht als Konstruktion, sondern als Stück Familie aus einer Zeit empfindet, in der Wertedebatten ersetzen wollen, was früher im geglückten Fall «Zuwendung» und im schlechten «Rohrstock» hieß. Besonders wenn Leyla gegen die Lebenslügen der Mutter argumentiert und in der Auseinandersetzung sich selbst auf die Schliche kommt, ist Darja Stocker ein treffsicherer Dialog mit kürzeren Textflächen-Einschüben gelungen. In denen berichten Leyla und Moe, was sich zwischen ihnen abspielte und abspielt. Die Passagen allerdings sind rar gesät und betonen eher die Schüchternheit der beiden, als dass sie in subjektlose Postdramatik umschlagen.

Labor Liebe

Darja Stocker nutzt das Mittel des berichtenden Sprechens gezielt, während die Zürcher Schauspieler die Bürde der engen Bühne gezielt als Beschleunigungsmittel im schnellen Szenenwechsel nutzen. Die Wege sind kurz. Caspar Kaeser etwa muss als aggressiver Sohn nur von einem Möbelstück zum nächsten wechseln, um eine neue Runde im Clinch mit Mutter und Schwester einzuläuten. Und Uta Köbernick kauert lediglich auf einem abgeschnittenen Bett, um deutlich zu machen, dass sich hier zwar alle auf die Pelle rücken, den anderen aber übersehen. Brigitta Soraperra verzichtet auf inszenatorische Girlanden und lässt geschehen, was Stockers Stück gut tut: Sie setzt auf die Schauspieler und nimmt vor allem in den Szenen des keimenden Vertrauens zwischen Leyla und Moe Fahrt aus der Inszenierung. Dann stehen Uta Köbernick und Lasse Myhr wie zarte Pflänzchen nebeneinander. Da wissen zwei, dass mit ihnen was werden könnte. Wie so was aber wird, haben sie noch nie erlebt. Lasse Myhr strahlt die Ruhe eines begabten Jungtüftlers aus, der sein Zimmer zum Labor umgerüstet hat, sich im Labor der Liebe aber noch nicht so auskennt, dass er die hier lauernden Untiefen ausmachen könnte.

In der Entwicklung der zärtlichen Bande zwischen Leyla und Moe unterscheiden sich die beiden Inszenierungen am deutlichsten. In Zürich gibt Leyla zu verstehen, dass sie sich zu Moe hingezogen fühlt und noch dabei ist, Kraft zu sammeln, um sich vom großen Schläger abzusetzen. Sonja Beißwenger in Hannover dagegen ist eine Leyla, die wesentlich mehr mit sich selbst abklärt und nicht wirklich zu erkennen gibt, dass so einer wie Moe eine hervorragende emotionale Rückendeckung abgeben kann. Sie macht ihr Ding und bereitet die Trennung vom Prügelfreund vor, während sie spielerisch neue Möglichkeiten mit Moe testet. Andererseits hat das zur Folge, dass der Schweizer Moe sich seiner Leyla sicherer sein kann als in Hannover. Tragisch ist das insofern nicht, als Christoph Franken dort einen Jungen spielt, dem die vorerst spielerischen Dates mit Leyla ganz gut ins Konzept passen. Auch er gehört zu denen, die sich diesem seltsamen Ding «Liebe» zuerst einmal lieber kameradschaftlich nähern.

Insgesamt ist Caroline Farke in der deutschen Erstaufführung die leichthändigere Inszenierung gelungen, während in Zürich, dem Gewölbekeller der Tobler-Villa angemessen, die existenzielle Last zu spüren ist, die auf den Schultern eines Mädchens wie Leyla lastet. Darja Stocker allerdings kann mit beiden Spiellösungen hoch zufrieden sein und muss sich darüber auch deshalb nicht weiter Gedanken machen, als sie in Berlin derzeit sowieso vollauf mit dem neuen Studiengang beschäftigt ist. Und dann ist sie inzwischen wohl auch ein wenig stolz darauf, dass ihre Eltern zunehmend etwas damit anfangen können, was ihre Tochter da so macht. Immerhin ist aus dem Schreiben ein richtiger Brotberuf geworden. Und wie sie so da sitzt am Kanal direkt neben dem Zoo, kann man den verlässlichen Eindruck gewinnen, diese Form des Lebens mache ihr mehr Spaß als die Arbeit im Callcenter oder in der Lagerhalle eines Lebensmittel-Discounters. Auch das hat sie schon gemacht, damals in Zürich.

Premieren
Aalen, Theater der Stadt
Tel.: 073 61/379 3
15. Shakespeare, Romeo und Julia
R. Susanne Enk

Bautzen, Volkstheater
Kasse: 035 91/58 42 25
6. Verne, In 80 Tagen um die Welt
R. Lutz Hillmann

Berlin, Schaubühne
Tel.: 030/89 00 23
1. Jugendprojekt: Die Zwiefachen, Einer kommt durch (U)
R. Uta Plate

Berlin, Volksbühne
Kasse: 030/247 67 72
1. nach Döblin, Berlin Alexanderplatz
R. Frank Castorf

Berlin, Theater am Kurfürstendamm
Kasse: 030/88 59 11 44
23. Albaum/Jacobs, Das andalusische Mirakel
R. Horst Johanning

Braunschweig, Staatstheater
Kasse: 05 31/123 45 67
13. Schanz/Eitner, Ölper zwölf pöints (U)
R. Peter Schanz (im Kleinen Haus)
13. Keuls, Abgespielt
R. Katharina Hoke (im Großen Haus)

Coburg, Landestheater
Kasse: 095 61/927 42
1. McNally, Meisterklasse
R. Detlef Altenbeck

Eisenach, Landestheater
Kasse Eisenach: 036 91/25 62 19
6. Horst/Brüchert, Möhrenhäuser und der Sängerkrieg auf Malzmühle (U)
R. Anja Horst

Fürth, Stadttheater
Tel.: 09 11/974 24 03
26. Canetti, Die Befristeten
R. Johannes Beissel

Halberstadt/Quedlingburg,
Nordharzer Städtebundtheater

Tel. Halberstadt: 039 41/69 65 65
Tel. Quedlinburg: 039 46/96 22 22
7. Long/Singer/Winfield, Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)
R. Steffen Pietsch

Halle, Kulturinsel
Kasse: 03 45/205 02 22
4. Flatow, Das Messer an der Kehle oder Der Barbier von Paris
R. Dietmar Rahnefeld

Hannover, Landesbühne
Kasse: 05 11/28 28 28 28
7. Kunze/Lürig, W. Shakespeares Ein Sommernachtstraum
R. Gerhard Weber

Jena, Theaterhaus
Kasse: 036 41/88 69 44
6. Brecht/Weill, Die Dreigroschenoper
R. Markus Heinzelmann Kiel, Die Komödianten
21. Saint-Exupéry, Der kleine Prinz
R. Johannes Talman-Gros

Konstanz, Stadttheater
Kasse: 075 31/13 00 50
6. Schnitzler, Reigen
R. Franziska Theresa Schütz

Leipzig, Schauspiel
Kasse: 03 41/126 81 68
8. Marivaux, Der Streit
R. Albert Lang
22. Hub, Das Schlafzimmer von Alice
R. Wolfgang Engel

Massbach, Fränkisches Theater
Kasse: 097 35/235
5. Ende, Jim Knopf und die Wilde 13
R. Christian Schidlowsky

München, Bayerisches Staatsschauspiel
Kasse: 089/21 85 19 40
6. Keller, Böse Märchen (U)
R. Marcel Keller
7. Walser, Die Liste der letzten Dinge (U)
R. Schirin Khodadadian

Plauen/Zwickau, Theater
Kasse Plauen: 037 41/28 13 48 47
2. Hohmuth nach Grimm, Der Froschkönig (U)
R. Antje Hohmuth (in Plauen)

Reutlingen, Theater
Die Tonne Kasse: 071 21/937 70
13. Goldoni, Die Schwiergerväter
R. Enrico Urbanek

Rostock, Volkstheater
Kasse: 03 81/381 47 00
2. Lindgren, Pippi in Taka-Tuka-Land
R. Renat Safjulin

Schwerin, Staatstheater
Tel.: 03 85/530 01 23
1. Létourneau, Cheech
R. Markus Wünsch
3. Dehler nach Grimm, Es war einmal
R. Peter Dehler

Stuttgart, Theater Rampe
Kasse: 07 11/649 00 94
22. Hensel, Welche Droge passt zu mir?
R. Eva Hosemann

Tübingen, Landestheater
Kasse: 070 71/931 31 49
4. Guillery, Fußball auf allen
Kanälen (U) R. Fabian Guillery
14. Kleist, Das Käthchen von Heilbronn
R. Ralf Siebelt
28. Marivaux, Der Streit
R. Cilli Drexel

Weimar, Nationaltheater
Kasse: 036 43/75 53 34
13. Bruckner, Krankheit der Jugend
R. Tilmann Köhler

Zittau, Gerhart-Hauptmann-Theater
Kasse: 035 83/77 05 36
1. Duit, Zorro
R. Thorsten Duit

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