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Inhaltsverzeichnis
Das Stück
Sandkastenspiele mit Seifenblasen
Anja Hillings «Monsun» in Köln und an den Münchner Kammerspielen
Von Silvia Stammen

Ein Käsebrot ist ein Käsebrot ist ein Käsebrot ... mehr Kalorien- als Symbolgehalt, kein Requisit, von dem man sich auf dem Theater groß etwas erwarten würde, als dass sich ein Schauspieler im falschen Moment daran verschluckt. Doch manchmal kann ein Käsebrot eben auch mehr sein als krümelnder Proviant, den man gern im Gepäck vergisst. Anja Hillings neues Stück «Monsun», das viel von einem Drehbuch hat, beginnt mit einer langen Nahaufnahme in Form einer Regieanweisung: «Ein Käsebrot auf dem Tisch. Es liegt auf einer Plastikfolie. Sie sieht Kondensbläschen. Sie sieht die Butter, die aus den Löchern im Teig quillt.
Sie sieht, dass der Käse sich wellt am Rand.» Später stellt sich dann heraus, dass es sich hier um so etwas wie ein langsam verwesendes Memento mori handelt. Zippo, der achtjährige Sohn von Paula und Bruno, hat es absichtsvoll zu Hause liegen lassen, weil er sich stattdessen lieber Brezeln kauft, obwohl (oder weil) Mama doch so vehement dagegen ist. «Wenn du Brezeln kaufst, kannst du was erleben», hat Paula ihrem Sprössling noch nachgerufen, und jetzt ist das Käsebrot, das vor ihr auf dem Tisch liegt, das einzige, was von Zippo übrig geblieben ist. Als er am Kottbusser Tor aus der Bäckerei kommt, ist er, die Tüte Brezeln noch in der Hand, von einem Auto überfahren worden. Melanie, die Fahrerin des Wagens, war einen Moment abgelenkt, weil sie gerade ihrer Freundin Coco eine Abschiedsbotschaft auf Band diktieren wollte.
Der Grund dafür: Cocos Kinderwunsch, der allmählich Löcher in die lesbische Liebe fraß. Jetzt will Melanie erst mal nach Vietnam, «Minderheiten gucken» und einen Dokumentarfilm drehen. Überhaupt scheint Dokumentarfilme-Drehen das Mittel der Stunde gegen Lebenskrisen aller Art. Auch Bruno, Zippos Vater, plant die filmische Verarbeitung seines Verlusts, nur weiß er noch nicht genau, wo anfangen, mit dem Käsebrot oder ganz von vorne, als die Krankenschwester nach der Geburt erst mal eine rauchen musste und das Zippo-Feuerzeug zum Namenspatron wurde.

Kölner Seifenoper

Mit ihrem dritten Stück – nach dem melancholischen Jugenddrama «Sterne» und der überaus erfolgreichen Treppenhausgroteske «Mein junges idiotisches Herz» – hat Anja Hilling sich weit vorgewagt auf das glitschige Terrain tränenseliger Seifenoperndramaturgie. Schicksalsschläge, Seitensprünge, ein wenig Exotik, verzwickte Beziehungsverhältnisse ... «Monsun» ist so etwas wie ein dramaturgischer Feldversuch, ob auf einem überdüngten Komposthaufen, wo sonst nur Triviales gedeiht, auch seltenere Pflanzen wachsen können, und siehe da, es funktioniert, vorausgesetzt, die weitere Pflege trägt den besonderen Bedürfnissen der empfindlichen Saat Rechnung. In Köln kann man derzeit erleben, wie ein Text, der sein Wesentliches ein wenig kokett zwischen den Zeilen versteckt, gnadenlos zu Tode buchstabiert werden kann.
Dabei hat es der Uraufführungsregisseur Jasper Brandis sicher nur gut gemeint, wenn er im spartanischen Einheitsraum von Monika Rupprecht, möbliert mit Sofa, Tisch und Theke, auf jedes selbstherrliche Spielmanöver verzichtet und ganz puristisch auf die Dramatik der Dialoge setzt. Doch gerade diese Methode bringt vor allem Papiergeraschel zutage. So sitzt Sandra Fehmer als Paula anfangs konsterniert vor ihrem Käsebrot und hört einem hölzern nachgespielten Radio-Interview ihres Mannes Bruno mit einer ältlichen Moderatorinnenstimme zu. Bruno, bei Markus Heinicke ein schnöseliger Dampfplauderer, ist Drehbuchautor einer Billig-Soap-Serie mit dem Titel «Tränenheim», die seit vier Jahren vor allem bei Hausfrauen höchste Einschaltquoten erzielt, und allmählich bekommt man das Gefühl, dass auch die Inszenierung unfreiwillig immer mehr in den Duktus eines Seifenopernformats hineinschlittert, anstatt die Aussparungen des Textes mit eigenen Zwischentönen zu füllen.

Dem haben auch Dagmar Sachse als politessenhafte Lesbe Melanie und Vanessa Stern als emsige Praktikantin Sybille, die sich karrieregeil an ihren gefeuerten Chef Bruno heranmacht, wenig hinzuzufügen. Einzig Ulrike Schwab als kinderwunschbesessene Bäckerin Coco entzieht sich mit spröder Schüchternheit dem erwartbaren Klischee, bleibt damit aber als fragiler Fremdkörper auf verlorenem Posten in einer ansonsten hausbackenen Inszenierung.

In München:
die Konstruktion der Gefühle


An den Münchner Kammerspielen zieht dagegen Roger Vontobel von Anfang an eigene Register, indem er Hillings filmisch aneinander geschnittene Szenen geschickt als Spielmaterial nutzt, ohne sich in den melodramatischen Untiefen des Plots zu verlieren. Petra Winterer hat die Bühne des Werkraums zu einem Sandkasten mit Kinderzimmermöbeln umgebaut, in dem die verwaisten Erwachsenen in einer Art theatraler Reggressionstherapie Pumuckl-Kassetten hören und sich dabei ihre Traumata von der Seele spielen.

So naiv das zunächst klingen mag, so produktiv funktioniert dieses Rezept, zumal wenn man es wie hier mit einem durchweg großartig disponierten Ensemble zu tun hat. Souverän nutzen die Darsteller jede Gelegenheit zum fliegenden Wechsel zwischen hyperaktiver Farce und heiligem Kinderernst, so dass die Konstruktion der Gefühle bei gleichzeitiger Hingabe an den Moment des Spiels stets transparent bleibt. Mit anrührender Verletzlichkeit durchlebt Caroline Ebner als Paula die Phasen des Schmerzes vom hysterischen Nachagieren des Unfallhergangs bis zur erstarrten Teilnahmslosigkeit, während Paul Herwig in der Rolle des egozentrischen Wichtigtuers Bruno noch in den intimsten Augenblicken routinierte Szenenkommentare in sein Diktiergerät spricht und sich im Geiste schon mal einen Oskar für sein neues Drehbuch verleihen lässt.
Als unbekümmerter Wirbelwind mit Herz und Schnauze platzt Tanja Schleiffs Coco in die verkrustete Beziehungskiste der beiden und verführt die erschöpfte Paula zum befreienden gleichgeschlechtlichen Seitensprung, während Brunos Trostflirt mit der agilen Büroschlange Sybille (Anna Böger) beim Kajakfahren auf brandenburgischen Binnengewässern – «ist das gut, sich mal wieder so richtig zu spüren» – stellenweise allzu sehr zur Klamauknummer verkommt. Als kluger Regieeinfall erweist sich dagegen, dass die wunderbar wandelbare Caroline Ebner die Rolle der Melanie in Form einer Liveprojektion gleich mit übernimmt, wobei die Streichung der meisten Szenen von der verregneten Vietnamexpedition das Ausfransen des Textes gegen Ende hin verhindert.

Stattdessen lässt Vontobel den Abend in einem ironisch-naiv angeklebten Happy End ausklingen, bei dem sich Paula und Bruno plötzlich wieder Händchen haltend am Strand wiederfinden, um so die etwas angestrengte Soapdramaturgie endgültig ad absurdum zu führen. In jedem Fall kann sich Anja Hilling für diese eigenwillige Lösung bei ihrem Zweitaufführungsregisseur bedanken. Mit vornehmer Zurückhaltung ist neuen Stücken schließlich nicht immer gedient.

Nächste Vorstellungen
Monsun München 5., 17., 23., 27. Februar
Monsun Köln abgespielt


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