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Das Stück
Der Karneval geht weiter


Ein Gespräch mit Juri Andruchowytsch über sein Stück «Orpheus, Illegal», die orangene Revolution in der Ukraine, Euphorien und Ernüchterungen und den Bubaismus

Barbara Burckhardt: Der Held ihres Theaterstücks «Orpheus, Illegal», Stanislaw Perfetzki, ein reisender Dichter und politischer Aktivist, scheint nicht nur Ihr Alter Ego zu sein, er ist auch identisch mit dem Protagonisten Ihres dritten Romans von 1996, «Perversion», der ebenfalls nach Venedig reist, einen Kongress besucht und sich in eine schöne Ada verliebt. Seitdem sind neun Jahre vergangen. Was haben diese neun Jahre in den Geschehnissen um Perfetzki verändert?

Juri Andruchowytsch: Das Stück und seine Hauptfigur sind sehr viel politischer, als es der Roman war. Das liegt einerseits an der Aufgabenstellung des Düsseldorfer Projekts, das europäische Phobien in Bezug auf Mittel- und Osteuropa thematisiert, andererseits aber auch an meiner eigenen Politisierung in den letzten Jahren. Ich habe den Roman 1994/95, geschrieben, in einer ersten Phase politischer Stabilität in der Ukraine, und er ist eine sehr barocke, postmoderne und polyphone Spurensuche, die weit mehr an der Erprobung stilistischer, künstlerischer Möglichkeiten interessiert ist als an politischen Visionen. Die erste Fassung von «Orpheus, Illegal» habe ich im Oktober 2004 abgeschlossen, obwohl die Deadline für die Textabgabe erst Ende des Jahres war: Ich wusste, dass ich nach dem 31. Oktober, dem ersten Wahlgang der entscheidenden ukrainischen Wahl, keine Zeit und – was wichtiger ist – keine innere Möglichkeit zum Schreiben haben würde. Es ging dort um alles oder nichts. Diese erste Fassung hatte einen Pessimismus, der sich auf die Erfahrungen vor der orangenen Revolution bezog.

BB: Die ukrainische Wahl wurde dann noch sehr viel aufregender, als man es erwarten konnte: Es gab den Dioxin-Anschlag auf Viktor Juschtschenko und die wochenlangen Demonstrationen auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kiew im Zeichen Orange. Es gab eine wirkliche, friedliche Revolution, und Mitte Dezember hielten Sie eine flammende Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg, in der Sie die EU aufforderten, die Ukraine in ihren Verbund aufzunehmen.

Andruchowytsch: Ja, es war eine Zeit der absoluten Euphorie. Man hatte das Gefühl, dass dieses jahrzehntelang in Apathie gehaltene ukrainische Volk eine Reife und Kraft zur demokratischen Erneuerung nach dem brutalen und korrupten System Kutschmas bewiesen hatte, die vorher nicht möglich schien. Europäische Politiker kamen scharenweise nach Kiew und sprachen mit Respekt, ja mit Bewunderung mit uns. Das schürte Hoffnungen, die sich sehr schnell zerschlugen. Wir hatten auf den Satz «Wir wollen euch» gehofft und bekamen schon nach zwei Monaten nicht mehr als die vage «gute Nachbarschaft» angeboten. Das war eine schnelle Ernüchterung, die schon in die zweite Fassung des Stücks im Februar/März dieses Jahres einging.

Die Krise als Chance?

BB: Die Reaktion Europas war zweifellos enttäuschend. Aber auch die orangene Revolution hielt ja nicht das, was sie versprach. Eine Woche vor Ihrer Düsseldorfer Premiere, neun Monate nach der großen Wende, hat Viktor Juschtschenko seine Ministerpräsidentin und Mitstreiterin Julia Timoschenko entlassen, wegen des Vorwurfs der Korruption ...

Andruchowytsch: Die Situation in meinem Land ist im Moment in der Tat sehr desorientiert. Ich fühle mich wie ein Kind, dessen Eltern sich scheiden lassen, eine schmutzige Scheidung. Juschtschenko ist ein integrer Politiker, aber langsam, zögerlich, ein guter Banker, ohne den Glanz von Timoschenko, die eine hervorragende Rednerin und eine Künstlerin der Lüge ist. Julia Timoschenko hat sich als eine narzisstische, machtbesessene Figur erwiesen, deren Teilnahme an der Revolution offenbar nur taktisches Kalkül war – ohne den populären Juschtschenko hätte sie keine Chance gehabt. Dass sich ihre Wege trennen, hatten wir erwartet, aber später – und intelligenter. Die Trennung jetzt hat zu einem riesigen Vertrauensverlust geführt, und man muss fürchten, dass die alte Apathie zurückkehrt, dieses Gefühl: Alle Politiker sind schmutzig. Das einzig Gute ist vielleicht, dass erstmals eine solche Auseinandersetzung öffentlich stattfand. Es war ein Krieg der Pressekonferenzen, es gab eine bislang bei uns unbekannte Freiheit der Medien. Die Ernüchterung ist gewaltig. Vielleicht liegt in der Krise aber auch eine Chance. Die alte Regierung war eine Regierung der Stars, jetzt sind es, zum Teil zumindest, graue, bürokratische, technologische Funktionäre. Das Ende des Narzissmus vielleicht. Es bleibt dieses uns wohlbekannte Gefühl: Wir müssen alles von vorn beginnen. Aber seit der orangenen Revolution wissen wir immerhin, dass unser Volk dazu bereit ist.

BB: Im Stück stiehlt sich Perfetzki am Ende in einem fingierten Selbstmord davon. Wohin geht er? Wohin kann er gehen?

Andruchowytsch: Wenn ich das wüsste ... Im Februar 2005, als sich die Probleme schon abzeichneten, habe ich zum ersten Mal ein Gedicht in der Ukraine vorgestellt, das bis heute unveröffentlicht ist, aber überall besprochen wurde. Es ist mein Aufruf an Perfetzki, zurückzukehren, weil jetzt seine Zeit kommt – um alles wieder neu anzufangen. Vielleicht folgt er mir ja.

BB: Europa scheint im Stück keine wirkliche Lebensalternative zu sein. Der Sterbeforscher Casallegra spricht dort von «Herzinsuffizienz», in Ihrem Essayband «Das letzte Territorium» haben Sie die «Woolworthisierung» des alten Kontinents beklagt. Sie imaginieren Venedig, das kulturelle Symbol Europas, als untergehende Stadt.

Andruchowytsch: Auch meine Geschichte mit dem Westen ist eine Geschichte der Ernüchterung. Ich bin zum ersten Mal 1992, gleich nach der Unabhängigkeit, nach Deutschland gekommen, auch mit einem Literaturstipendium, in die Villa Waldberta bei München, für drei Monate. Ich habe danach einen Text geschrieben, «Einführung in die Geographie», der so euphorisch, so naiv fasziniert ist, dass er mir die Schamesröte beim Wiederlesen ins Gesicht treibt ... als ob ich die bayerische Erde geküsst hätte. Ich war damals auch für 16 Stunden in Venedig und war fasziniert. Das schien mir näher an meiner Heimat, diese kulturellen Ruinen, nicht so gut verputzt wie in Bayern, aber so viel malerischer. Ich sah die Ukraine an der Schwelle zum Übertritt in dieses so faszinierende alte Europa.

BB: Und heute?

Andruchowytsch Ich habe in diesen Jahren und in zahllosen Aufenthalten im westlichen Europa die Ignoranz des Westens kennen gelernt. Sie wissen nichts von uns, glauben aber, alles zu wissen und wollen nichts dazulernen. Überall taube Ohren, Stereotypen, eine Selbstgenügsamkeit, die in die Erstarrung führt. Es gibt keine kulturelle Perspektive in dieser Selbstzufriedenheit, in Frankreich noch weniger als in Deutschland. In den USA, wo ich 2000/1 zehn Monate lebte, habe ich das übrigens anders erlebt, ein ganz anderes Interesse, eine Neugier, allerdings in einem ausschließlich akademischen Milieu.

Bubaismus

BB: Casallegra prognostiziert in «Orpheus, Illegal» eine Epidemie für Venedig vulgo Europa, eine «Epidemie der Entmenschlichung».

Andruchowytsch Casallegra ist ein Karnevalsphilosoph. Der Karneval, nicht nur der venezianische, steht für die Essenz der europäischen Vitalität, für Lebendigkeit, die Befreiung von der Alltäglichkeit im Rausch, der den Menschen neu macht und authentisch. Das scheint mir in Europa verloren zu gehen.
BB: Der Karnevalismus war schon für jenes Unternehmen von großer Bedeutung, mit dem Sie in der Ukraine ab 1985 fast so etwas wie ein Popstar der Lyrik wurden: dem Bubaismus. Ein Vertreter des Bubaismus, Zuzu Mauropule, tritt auch beim venezianischen Kongress in «Orpheus, Illegal» auf. Was ist der Bubaismus?

Andruchowytsch Bubabu ist die Zusammenziehung von Burleske, Balahan (Farce, was auf althebräisch auch «Chaos» hieß und später zur «Jahrmarktbude» wurde) und Buffonerie. Es ist ein Gemeinschaftswerk von Viktor Neborak, Oleksandr Irwanets und mir, drei eigentlich sehr unterschiedliche Lyriker, die nur das Stilmittel der Ironie eint. Wir könnten übrigens, obwohl wir uns heute selten sehen, als Vorbild für eine ukrainische Regierungsbildung fungieren: Wir vertragen uns seit 20 Jahren, obwohl wir Ukrainer sind, von denen es bei uns heißt: «Wo zwei Ukrainer sind, gibt es drei Präsidenten.» Wir verbanden Lesungen unserer Gedichte mit theatralischen Performances und Rockmusik. Es war ein Gedichtekarneval, eine Zirkuskunst, das Niedrige und das Höchste nah beieinander. Wir wollten raus aus den Lyriklesungen, wo nach einer Viertelstunde die Hälfte der Zuschauer schläft. Wir wollten den Schlag, die Berührung, und hatten in über 100 Vorstellungen zwischen zwölf und 400 Zuschauer, zum Teil in den Opernhäusern von Kiew und Lemberg. 1988 haben wir die Bubabu-Akademie gegründet und jedes Jahr «das Gedicht des Jahres» gewählt. Die Preisträger traten bei einer Performance bei uns auf und bekamen als Preis die teuerste Flasche Schnaps, die wir finden konnten.

BB: Eine hochprozentige Initiative.

Andruchowytsch Ja, das hat ziemlich lange sehr gut funktioniert. 1994 haben wir unser hundertjähriges Jubiläum gefeiert – da addierten sich unsere Lebensalter gerade auf 100; 2000 feierten wir das 1000-jährige Jubiläum. Dieses Jahr kam dann das 20-jährige Jubiläum, mit zwei Performances in Kiew und Lemberg. Wir sind eigentlich schon ein bisschen alt für den Bubaismus, und die nachfolgende Lyrikergeneration, die unglaublich ernsthaft, traurig und langweilig ist, kritisiert uns mittlerweile scharf. Das Schöne ist aber: Unser Publikum ist noch genauso jung wie 1985, zwischen 18 und 25. Eigentlich war schon mein Roman «Perversion» die Verabschiedung des Bubaismus. Der Kongress hieß dort: «Die postkarnevalistische Absurdität der Welt». Aber der Karneval geht weiter.

Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Stanislau, heute Iwano-Frankiwsk, in Galizien, Westukraine, ist der zur Zeit im Westen bekannteste ukrainische Schriftsteller. Seit 1982 veröffentlicht er Gedichte, Romane und Essays. Auf deutsch erhältlich: «Das letzte Territorium», Essays, edition suhrkamp 2003; (zusammen mit Andrzej Stasiuk) «Mein Europa», Essays, edition suhrkamp 2004, «Zwölf Ringe», Roman, Suhrkamp 2005. Andruchowytsch lebt und arbeitet zur Zeit mit einem Stipendium des DAAD in Berlin-Charlottenburg.
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