THEATERheute
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Premierenanzeigen
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Foyer
Rost im Mund
Anton Tschechow über Kritik

Aufführungen
Till Briegleb
Für und wider den germanischen Ernst
«Don Karlos», inszeniert von Laurent Chétouane und Sebastian Nübling am Hamburger Schauspielhaus und den Münchner Kammerspielen
Henning Rischbieter
Der Johanna-Boom
Schillers «Jungfrau von Orleans» in Konstanz, Düsseldorf und Hannover
Franz Wille
Originaldrehbuch: Aischylos
Stefan Puchers und Barbara Ehnes’ Zürcher Dreiteiler «Die Orestie»
Stephan Reuter
Melancholie für Genussmenschen
Christoph Marthalers «O.T. – eine Ersatzpassion» und
Anna Viebrocks Robert-Walser-Adaption «Die Geschwister Tanner»

Theater und Video
Thomas Oberender
Mehr Jetzt auf der Bühne
Über den doppelten Blick mit der Kamera und die unterschiedlichen Video-Strategien von Matthias Hartmann und Frank Castorf
Diedrich Diederichsen
Der Idiot mit der Videokamera
Theater ist kein Medium – aber es benutzt welche!

Ausland Italien
Renate Klett
Pasolini à la Napoli
Mercadante, das neue Teatro stabile in Neapel, erfüllt Mario Martone einen Traum: das «Petrolio»-Projekt nach Pasolini

Portrait
Bernd Noack
Nach Moskau!
Die Nürnberger Schauspielerin
Anna-Maria Kuricová

Das weite Land
Kai Bremer
Die Dialektik des Glücks
In der glücklichsten Stadt Deutschlands, Osnabrück, haben es die Städtischen Bühnen nicht immer leicht

Chronik
Berlin Ulrich Seidl «Vater unser», Fausto Paravidino «Peanuts»
Bonn Martin Sperr «Jagdszenen aus Niederbayern»
Freiburg Melville/Buhlert «Moby-Dick oder Der Wal», Sartre «Die Fliegen»
Karlsruhe John Osborne «Blick zurück im Zorn»
Kiel Henning Mankell «Bagger», Moritz Rinke «Die Optimisten»
Luzern René Pollesch «Svetlana in a Favela»
Mannheim Lessing «Minna von Barnhelm»
München Brecht «Mutter Courage»
Schwerin Tschechow «Die Möwe»
Wien Bauersima/Desvignes «Bérénice de Molière»

Das Stück
Wolfgang Kralicek
Manchester United
Der englische Dramatiker Simon Stephens und sein neues Stück «Port»
Simon Stephens «Port»
(Stückabdruck)

Daten
Premieren im April
Hinweise

Medien/TV
Die 54. Berliner Filmfestspiele:
über deutsche Filme, deutsche Themen und die Schauspielkunst
Kanalwechsel: Barbara Sichtermann
Suchlauf – TV und Hörspiel

Vorschau / Impressum
Auf dem Titel
Was Video auf dem Theater darf, kann und soll, erfüllt alle Voraussetzungen für eine Glaubensfrage. Ist der Kern des Theaters nicht der Schauspieler, low-tech oder besser no-tech, im leeren Raum, allein mit sich, der Rolle und dem Publikum? Gegen Glaubensfragen helfen nur Sinnfragen. Und darauf antworten Thomas Oberender und Diedrich Diederichsen sicher nicht erschöpfend, aber ziemlich erhellend auf den Seiten 18–31

Titelfoto: Lenise Peinheiro
Foyer
Rost im Mund
«Zum Waldschrat mit denen!» –
Anton Tschechow hatte ein leidenschaftliches Verhältnis zur Kritik:
aus den Briefen des Dramatikers

Habe heute Aristarchow in den «Russkie vedomosti» gelesen. Was für eine Dienerei vor großen Namen, und was für ein verächtlich-herablassendes Geschwätz, wenn es sich um Anfänger handelt! Alle diese Kritiker sind Speichellecker und Feiglinge: sie haben Angst, etwas zu loben, Angst, etwas zu tadeln, und bewegen sich in einer erbärmlichen, grauen Mitte. Und vor allem, sie glauben nicht an sich selbst ... «Lebende Ziffern» sind ein Quatsch, der nur mit Mühe zu lesen und zu verstehen ist. Aristarchow hat sie mit Mühe gelesen und nicht verstanden, aber hat er den Mut, das zuzugeben? Meine «Steppe» hat ihn ermüdet, aber wird er sich das eingestehen, wenn die anderen Kritiker rufen «ein Talent! ein Talent!»? Übrigens, zum Waldschrat mit denen!
31. März 1888 an A. N. Plesceev

Vorzüge und Mängel des Stückes sind ein Kapital, an dem man, hätten wir eine Kritik, verdienen könnte. Aber dieses Kapital wird unproduktiv herumliegen, bis es veraltet ist und ausgedient hat. Wir haben keine Kritik. Der ständig Schablonen reitende Tatiscev, der Esel Michnevic und der gleichgültige Burenin – das ist doch schon die ganze kritische Potenz in Rußland. Und für die zu schreiben lohnt sich nicht, so wie es sich nicht lohnt, jemanden an Blumen riechen zu lassen, der Schnupfen hat. Es gibt Augenblicke, in denen ich wirklich den Mut verliere. Für wen und wofür schreibe ich? Für das Publikum?

Aber ich sehe es nicht und glaube weniger daran als an einen Hausgeist: es ist ungebildet, schlecht erzogen, und seine besseren Elemente sind uns gegenüber gewissenlos und unaufrichtig. Ob dieses Publikum mich braucht oder nicht, ich weiß es nicht. Burenin sagt, es brauche mich nicht, weil ich mich mit Lappalien befasse, die Akademie hat mir einen Preis verliehen – der Teufel soll sich da auskennen. Für Geld schreiben? Aber ich habe nie Geld und bin gegenüber dem Geld, weil ich nie welches habe, beinahe gleichgültig. Für Lobeshymnen schreiben? Aber die ärgern mich nur. Die Literarische Gesellschaft, die Studenten, die Evreinova, Plesceev, die jungen Damen usw. – alle haben meinen «Anfall» über den grünen Klee gelobt, aber die Beschreibung des ersten Schnees hat nur Grigorovic bemerkt. Usw. Usw.
Hätten wir eine Kritik, dann wüßte ich, daß ich Material zusammenstelle – gutes oder schlechtes, egal –, daß Menschen, die sich dem Studium des Lebens widmen, mich brauchen wie der Astronom den Stern. Und dann würde ich mir Mühe geben beim Arbeiten und wissen, wofür ich arbeite. Aber so sind ich, Sie, Muravlin und andere wie Besessene, die Bücher und Stücke zum eigenen Vergnügen schreiben. Das eigene Vergnügen ist natürlich eine schöne Sache, man verspürt es, solange man schreibt, aber dann? Aber... ich schließe das Ventil.
23. Dezember 1888 an A. S. Suvorin

Soweit ich es aufgrund derjenigen Ihrer Theaterstücke beurteilen kann, die ich auf der Bühne gesehen habe, wird aus Ihnen wohl kaum je ein Theaterkritiker werden. Sie sind ein weicher, empfindsamer, nachgiebiger Mensch, der zu Trägheit neigt, zu starken Gefühlen, und all diese Eigenschaften taugen nicht für einen strengen, unparteiischen Richter. Um eine Kritik schreiben zu können, muß man im Herzen ein bißchen jenes pockennarbige Weib sein, das Sie so mitleidlos prügelt. Wenn Suvorin ein schlechtes Stück sieht, dann haßt er den Autor, wir dagegen, Sie und ich, ärgern uns nur und kritteln daran herum; daraus schließe ich, daß Suvorin zum Richter taugt und zum Treiber; wir dagegen (ich, Sie, Sceglov u. a.) sind von der Natur so geschaffen, daß wir nur zu den zu Verurteilenden und den Hasen taugen. Eine Klarheit hat die Sonne, eine andere der Mond...
10. Februar 1989 an V. A. Tichonow

Sie schreiben, Burenin wirke bedrückend auf Sie... Meinetwegen, aber lassen Sie sich um Gottes willen von diesem Gefühl nicht unterkriegen und geben Sie dem großen Kritiker nicht klein bei. Was auch immer er aus der Höhe seiner Autorität über die Nutzlosigkeit von unsereinem sagen mag, die wir um des Stückchens Brot willen schreiben, er wird nie recht haben. Es ist nicht zu eng auf dieser Welt, es ist Platz für alle da; wir hindern Burenin nicht am Leben, und er stört uns nicht. Die Frage, wer auf Erden nützlich ist und wer nicht, kann weder Burenin lösen, noch können wir es.
18. Februar 1989 an I. L. Leontjev-Sceglov

Protopopov mag ich nicht: das ist ein daherredender, sich Adern aus dem Hirn ziehender, manchmal gerechter, aber trockener und herzloser Mensch. Persönlich kenne ich ihn nicht und habe ihn nie gesehen; er hat oft über mich geschrieben, aber ich habe es kein einziges Mal gelesen. Ich bin kein Journalist: ich habe einen physischen Ekel gegen Beschimpfungen, gegen wen es sich auch richten mag; ich sage – physisch, weil ich nach der Lektüre von Protopopov, Zitel, Burenin und den anderen Richtern der Menschheit immer einen Geschmack von Rost im Munde habe und mir der Tag verdorben ist. Es tut mir einfach weh. Stasov hat Zitel eine Wanze genannt; aber wozu, wozu hat Z. Antokolskij beschimpft? Das ist doch keine Kritik, keine Weltanschauung, sondern Haß, tierische, unersättliche Bosheit. Weshalb nimmt Skabicevskij Schimpfwörter in den Mund? Weshalb dieser Ton, als ginge es hier nicht um Maler und Schriftsteller, sondern um Arrestanten? Ich kann und kann es nicht.
14. Februar 1893 an A. S. Suvorin

Deine letzten beiden Briefe sind unfroh: in einem Maulhenkolie, im anderen Kopfschmerzen. Du solltest nicht zu dem Vortrag von Ignatov gehen. Ignatov ist doch ein unbegabter, konservativer Mensch, auch wenn er sich für einen Kritiker und Liberalen hält. Das Theater fördert die Passivität. Na, und die Malerei? Und die Poesie? Der Betrachter, der ein Bild sieht oder einen Roman liest, kann doch ebensowenig seine Sympathie oder Antipathie demgegenüber äußern, was auf dem Bild zu sehen oder in einem Buch zu lesen ist. «Es lebe das Licht, und Tod der Finsternis!» – Das ist die bigotte Heuchelei aller Rückständigen, die kein Gespür besitzen, und der Schwachen.
Bazenov ist ein Scharlatan, ich kenne ihn seit langem, und Boborykin ist verbittert und alt.
Wenn du nicht in den Zirkel und nicht zu den Telesovs gehen willst, geh doch nicht hin, Herzchen. Telesov ist ein netter Menschen, aber dem Geiste nach ist er ein Kaufmann und Konservativer, es ist langweilig mit ihm; überhaupt ist es mit allen, die Kontakt zur Literatur haben, langweilig, mit Ausnahme von nur sehr wenigen. Wie rückständig und wie alt unsere gesamte Moskauer Literatur, die junge wie die alte, geworden ist, wirst du einsehen, wenn dir das Verhältnis aller jener Herrschaften zu den Ketzereien des Künstlertheaters klargeworden ist, so in zwei-drei Jahren.
17. Dezember 1902 an O. L. Knipper

Lieber Konstantin Sergeevic, ich danke Ihnen vielmals für die Zeitungsausschnitte, ich habe bereits drei Pakete bekommen. Ich lese sie mit Vergnügen. Übrigens hat mir jemand aus Berlin eine deutsche Rezension geschickt, in der ich las, Lopachin habe den «Kirschgarten für 90 Tausend» gekauft und «Marija geht ins Kloster» – also das ist doch. Ich habe schon große Sehnsucht und warte ungeduldig, wann ich endlich werde fahren dürfen. Und Sie sind wahrscheinlich schon ganz müde. Ich danke Ihnen nochmals und drücke Ihnen fest die Hand. Viele Grüße an Marija Petrovna. Ihr A. Cechov
14. April 1904 an K. S. Stanislavskij
Das Stück
Manchester United

Der englische Dramatiker Simon Stephens und sein Stück «Port» in Graz
Von Wolfgang Kralicek


«Port» heißt Hafen und ist eine Metapher. Was sie bedeutet, ist eine Frage der Perspektive: Vom offenen Meer aus betrachtet, steht der Hafen für Heimat und Sicherheit; an Land symbolisiert er Aufbruch und Freiheit. «Port» meint aber auch die englische Industriestadt Stockport – eine der trostloseren Gegenden im ohnedies nicht sonderlich sonnigen Großraum Manchester –, und die Menschen in Simon Stephens’ Theaterstück sind sich nicht ganz sicher, wie sie die Hafenmetapher verstehen sollen.

Racheal, die Heldin des Stücks, ist Stockport schon einmal für ein knappes Jahr entkommen. Nach ihrer Rückkehr war der Uhrturm, der für sie immer Wolkenkratzerdimensionen gehabt hatte, auf seine tatsächlich bescheidenen Ausmaße geschrumpft. Dafür ist ihr jetzt erst aufgefallen, wie schön das Tal sich windet, in dem die Stadt liegt, und wie eindrucksvoll das alte Viadukt aussieht. Diese Passage seines Stücks ist Simon Stephens besonders wichtig. Auch der Autor selbst kehrte für «Port» in die Stadt zurück, in der er seine ersten achtzehn Lebensjahre verbracht hatte. Das im Auftrag des Royal Exchange Theatre in Manchester geschriebene (und dort im November 2002 uraufgeführte) Stück ist auch als Hommage an Stockport zu verstehen. Ganz ähnlich wie Racheal hatte auch Stephens seine Stadt auf einmal mit anderen Augen gesehen. Und er hat ihr alles verziehen, was sie ihm angetan hatte.

Stockport – auf Regen gebaut

Jetzt sitzt Simon Stephens im Restaurant eines Grazer Hotels, und nur der heftige Niederschlag hinter den Fensterscheiben erinnert ihn an seine Heimatstadt, die «auf Regen gebaut» ist, wie im Stück einmal gesagt wird. Dass sich Manchester im 19. Jahrhundert zu einem Zentrum der Textilindustrie entwickelt hat, hing unter anderem mit der hohen Luftfeuchtigkeit zusammen, die dafür wie geschaffen ist – auch das kann man in «Port» lernen. «In Stockport hat man hauptsächlich Hüte produziert», führt Stephens den industriehistorischen Exkurs weiter aus. «Und weil die Chemikalien, mit denen die Hüte steif gemacht wurden, die Arbeiter verrückt gemacht haben, gibt es im Englischen die Redewendung ‹mad as a hatter›. Die Vorstellung, dass eine Stadt um eine Industrie herum entstanden ist, die die Menschen irre gemacht hat, fand ich immer ziemlich komisch.» Im Grazer Schauspielhaus hat heute Abend «Port» Premiere, und weil das Stück erstmals außerhalb Manchesters gespielt wird, ist der Autor besonders gespannt: «Jetzt wird sich die metaphorische Kraft des Stücks beweisen müssen.»

«Port» umspannt den Zeitraum von 1988 bis 2002 – zwischen den acht chronologisch angeordneten Szenen des Stücks liegen meist einige Jahre – und erzählt die Coming-of-age-Geschichte einer jungen Frau. Am Anfang ist Racheal elf und sitzt mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Billy in einem Auto. Es ist Nacht, und der offenbar verhaltensauffällige Vater hat die Familie aus der Wohnung ausgesperrt; am Ende der Szene wird sich die Mutter davonstehlen und auf Nimmerwiedersehen aus Racheals Leben verschwinden. Obwohl der jetzt alleinerziehende Dad sich – für seine Verhältnisse – halbwegs ordentlich um seine Kinder kümmert, schlägt Billy schon früh die Karriere eines Kleinkriminellen ein. Racheal wiederum jobbt zwar in einem Supermarkt, aber als Oma sich weigert, ihr die Kaution für die erste eigene Wohnung vorzustrecken, nimmt sie der störrischen Alten das Geld eben gewaltsam ab. Raue Umgebung, raue Sitten.

Sechste Szene, Jahrtausendwende 1999/2000. Die mittlerweile 21-jährige Racheal hat sich mit ihrem Ehemann Kevin in einem Hotel auf dem Land einquartiert und bereitet sich auf die Silvesterfeier vor. Gerettet? Nicht ganz: Kevin macht seiner Frau eine absurde Eifersuchtsszene und verlässt sie. Drei Jahre später, Gegenwart (2002): Racheal ist wieder in Stockport. Es ist Nacht, und wie vor vierzehn Jahren sitzen die Geschwister zusammen in einem Auto und reden. Billy ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Seine Schwester hat beschlossen, wegzugehen, diesmal aber richtig. Dann geht über Stockport die Sonne auf.

Erwachsenwerden ohne Kunstanstrengung

Dass das Publikum in einem neuen Stück zwei pausenlose Stunden lang bei der Stange bleibt und anschließend begeistert applaudiert, ist in einem Stadttheater nicht selbstverständlich. Die deutschsprachige Erstaufführung von «Port» im Grazer Schauspielhaus war also ein Erfolg. Auf der von Susanne Maier-Staufen mit realen Versatzstücken bestellten Drehbühne (sogar einen Vauxhall mit Rechtslenkung hat man aufgetrieben!) läuft Matthias Fontheims Inszenierung nicht immer auf vollen Touren; Timing-Probleme und die eine oder andere Schwäche im Ensemble macht sich störend bemerkbar. Aber die Aufführung hat eine tolle Hauptdarstellerin und mindestens eine großartige Szene zu bieten. Das genügt.

Die Hauptdarstellerin heißt Julia Kreusch und zeigt ohne große Kunstanstrengung, scheinbar ganz mühelos, die Entwicklung vom Mädchen zur jungen Frau; auf sehr natürliche Weise gestaltet sie das Porträt eines verlorenen Wesens, das doch stark genug ist, um nicht unterzugehen. Die angesprochene Szene ist die vorletzte: Racheal ist gerade nach Stockport zurückgekehrt und trifft im Biergarten eines Pubs jenen Danny (Sebastian Reiß), den sie damals für ihren (Ex-)Mann verlassen hat. Sie weiß, dass das ein Fehler war; er liebt sie noch immer, ist mittlerweile aber Familienvater. Wie sich die beiden einander schüchtern-zärtlich annähern und natürlich doch nicht mehr zusammen kommen können, das ist grandios geschrieben und schön gespielt: Tschechow lässt grüßen.

«Port» ist das vierte von sechs Stücken, die der 1971 geborene Simon Stephens bisher geschrieben hat (die für das Uni-Theater in Edinburgh verfassten Frühwerke zählt der Autor nicht mit), und das zweite nach «Reiher» (Stückabdruck in TH 5/03), das auf Deutsch gespielt wurde. Beide Stücke handeln von jungen Menschen, die sich unter relativ widrigen Umständen durchschlagen und von der Flucht in eine neue Stadt, ein neues Leben träumen. Die auffällige Affinität des Autors zu jugendlichen Gefühlswelten hängt damit zusammen, dass Stephens zweieinhalb Jahre als Englischlehrer an einer Mittelschule in England gearbeitet hat. «Das waren ziemlich aggressive Kids, aber ich war so was wie der Vertrauenslehrer und habe viel mit ihnen geredet. Und irgendwie fand ich, diese Kinder haben ein Recht darauf, dass man ihre Geschichten richtig erzählt. Als ich dann am Royal Court Theatre Hausautor war, habe ich viele Stücke gelesen – und wenn da Kinder vorkamen, waren das entweder stumme Rollen, oder sie haben so geredet, als ob die Autoren noch nie ein Kind getroffen hätten.»

«Ein Stück muss vom Menschen handeln»

Gerade hat Stephens für die BBC sein erstes Drehbuch geschrieben: Es heißt «Jackdaw» («Dohle»), handelt von jungen Taschendieben in London und soll bald verfilmt werden. Die Gefahr, dass dem Theater ein begabter Autor verloren gehen könnte, besteht dennoch nicht: Seit er zum ersten Mal erlebt hat, wie die Menschen im Zuschauerraum über seine Pointen gelacht haben, ist Simon Stephens dem Theater verfallen. «Danach kann man süchtig werden. Außerdem hat Theater etwas Menschliches an sich, was man so in keiner anderen Kunstform kriegen kann.» Im Royal Court, wo Simon Stephens Schreibklassen leitet, hat er die Studenten einmal gefragt, wovon Stücke handeln sollten. Im Prinzip von allem, lautete die Antwort. Falsch, widerspricht Stephens: «Man kann ein Gedicht über einen Baum oder einen Song über einen See schreiben. Aber ein Stück muss von Menschen handeln.»

Noch mehr Leidenschaft entwickelt Simon Stephens nur, wenn man ihn auf Fußball anspricht. Obwohl er seit langem in London lebt, schlägt sein Herz natürlich nach wie vor für Manchester United, das Bayern München Englands. «Als denkender Mensch, der sich immer noch als Linker bezeichnen würde, ist mir zwar klar, dass ManU irgendwie eine verachtenswerte Institution ist», sagt Stephens. «But it rocks brain, doesn’t it?»
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