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Das Stück
Fausto Paravidino: Peanuts (Noccioline)
- Stückabdruck im Heft -

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Knüppel aus dem Stück
Gipfel der Moral: In seinem Stück «Peanuts» holt der italienische Autor Fausto Paravidino die Politik zurück aufs Theater
Von Christine Dössel

Sie waren im gleichen Alter. Sie trugen die gleichen Klamotten und hörten die gleiche Musik. Doch sie standen auf verschiedenen Seiten: Der eine war Carabiniere, der andere Demonstrant. Beim Weltwirtschaftsgipfel in Genua kreuzten sich für Sekunden ihre Wege. Als der 23-jährige Carlo Giuliani einen Feuerlöscher aufhob und damit werfen wollte, schoss der 20-jährige Mario Placanica ihn mit seiner Dienstpistole nieder. Ein Toter und 500 zum Teil schwer Verletzte – das ist die traurige Bilanz des G8-Treffens von Genua im Juli 2001.

200.000 Globalisierungsgegner hatten sich in der militärisch abgeriegelten Hafenstadt versammelt, um gegen das Gipfeltreffen der Mächtigen zu demonstrieren. Ihr Protest wurde mit Tränengas, Schlagstöcken, Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen niedergeschlagen. Die Diaz-Schule, das Hauptquartier der G8-Gegner, wurde von der Polizei gestürmt. In der Polizeikaserne von Bolzaneto, wohin man die Festgenommenen brachte, soll es zu Schlägen und entwürdigenden Szenen gekommen sein. Hier sang die Polizei Lieder und ließ sie von den Verhafteten nachsingen: «Eins, zwei und drei, Pinochet ist frei.»

Zu der Zeit, als in Genua die Straßenschlacht tobte, war Fausto Paravidino gerade in Paris, um im Rahmen des Autorenprojekts «International Connections» ein Auftragsstück für das Royal National Theatre in London zu schreiben. Eigentlich hätte er die Arbeit im August abgeben müssen, doch nach den Geschehnissen beim G8-Gipfel hielt er das, was er geschrieben hatte, für unangemessen. Paravidino warf sein Manuskript weg, bat um Verlängerung und fing noch einmal von vorne an: «Ich dachte, ich dürfte nicht die Gelegenheit verpassen, im Ausland von dem zu erzählen, was in Italien passiert war.»

Das Stück, das daraufhin entstanden ist, trägt den Titel «Peanuts» – was nicht nur auf die Chuzpe anspielt, mit der manche Wirtschaftsbosse selbst dicke Nüsse als Kleinkram abtun, sondern ganz konkret auch die «Peanuts» meint, den legendären Comic von Charles M. Schulz. Fausto Paravidino sieht nämlich in Charlie Brown, Snoopy, Schroeder und all den anderen Comic-Helden von Schulz «absolute Beckettfiguren». Er wollte sich für sein Stück ihre Sprache leihen, um mit seiner eigenen Generation ins Gericht zu gehen – und mit einer Politik, wie sie der italienische Staatsunternehmer Silvio Berlusconi vertritt. Einer Macht, die sich durch nichts anderes mehr zu legitimieren braucht als durch ihr autoritäres Auftreten, ihre Medialität und die Dreistigkeit, mit der sie die Legislative zum eigenen Vorteil nutzt.

Dass sich beim Gipfel von Genua die demonstrierenden Globalisierungsgegner in ihrem Lebens-stil und ihrer Sozialisation kaum von ihren Verfolgern in Uniform unterschieden, war für Paravidinos Stück der entscheidende Ausgangspunkt: «Die alte Christdemokratische Partei hatte die Italiener mehr oder weniger in einen großen Mittelstand verwandelt», befindet Paravidino, und genau das sei eigentlich die große Frage des Textes. «Aus diesem Prozess der Vereinheitlichung, auch auf kulturellem Gebiet, ergibt sich dann, dass die, die in Genua auf die Köpfe eingeknüppelt haben, die gleichen Lieder mögen wie die Demonstranten. Es ist kein Zufall, dass aus den Lautsprechern im Sportpalast, den man während des Gipfels in eine große Kaserne verwandelt hatte, die Musik von Fabrizio De Andre ertönte, dem Anarchisten par excellence.»

Geboren in Genua

Wer ist da am Werk? Ein politischer Aktivist? Ein schreibender Attacist? Ein Anarchist vielleicht sogar? Nein, einfach nur ein junger Mensch, der die Politik wieder fürs Theater entdeckt. Der etwas zu sagen hat über die Generation, in der er aufwuchs, und über die Gesellschaft, in der er lebt. Und der auch nicht zurückschreckt vor so etwas wie Moral. Fausto Paravidino ist 26 Jahre alt und misst, was hier nicht unterschlagen werden soll, da er es selbst nie vergisst zu betonen, einen Meter fünfundsechzig. Geboren wurde er am 15. Juni 1976 in Genua, aufgewachsen ist er in Rocca Grimalda, einem kleinen Dorf im Basso Piemonte in der Provinz Alessandria. Er hat die Schauspielschule des Teatro Stabile in Genua besucht und lebt seit einigen Jahren als Schauspieler, Drehbuch- und Theaterautor in Rom. «Peanuts» (italienisch «Noccioline») ist sein siebtes Stück. Die anderen tragen Titel wie «Gabriele» (1998), «Due fratelli» (Zwei Brüder, 1998), «La malattia della famiglia M» (Die Krankheit der Familie M, 2000) oder «Natura morta in un fosso» (Stilleben in einem Graben, 2001), und es ging darin meistens um junge Menschen in der Krise oder um das Thema Familie.

Eine lose Art von Familie bilden zunächst auch die zehn Kids, die Fausto Paravidino in «Peanuts» versammelt. Der gutmütige Buddy – ein Bruder im Geiste von Charlie Brown – soll auf die Luxuswohnung eines verreisten Ehepaars aufpassen. Buddy trägt die Verantwortung, und er trägt schwer daran. Nach und nach («Überraschung!») trudeln seine Freunde ein, die selbstbewusste Cindy, der verdreckte Piggy, Buddys Schwester Silly, Party, Woodschlock, Snappy und wie sie alle heißen, neun an der Zahl. Sie bringen Chips mit und kaufen Cola, sehen im Fernsehen die «Schlümpfe», quasseln, tollen und machen Party. Eine Wohnungsbesetzung im Zeitalter der Spaßgeneration, ein fröhliches Sit-in. Dem besorgten Buddy entgleitet die Situation. Das Sofa wird verwüstet, der teure Fernseher geht kaputt. Als Schkreker auftaucht, der Sohn der Wohnungseigentümer, verleugnet Buddy seine Freunde und schmeißt sie auf Schkrekers Befehl hinaus.

Der Titel-Trick

Paravidino gliedert das scheinbar harmlose Geschehen im ersten Teil seines Stückes in elf kurze Szenen, die er – das ist sein gewiefter Kunstgriff – jeweils mit schwerkalibrigen Titeln versieht, dicken Headlines aus dem kleinen Handbuch des Antiglobalisierungskampfes: «Die Massenmedien beherrschen die Welt», «Respekt vor dem Eigentum», «Globalisierung und Internationalisierung», «Gesetz des Marktes» oder «Revolution und neue Techniken des Kampfes». Die Ironie, mit der Paravidino unter diesen politischen Großkampfwörtern letztlich Kinkerlitzchen vorführt, das jugendliche Palaver einer unpolitischen Generation, Peanuts eben, verleiht dem Text ironische Schärfe und bewahrt ihn vor den Gefahren platten Thesentheaters. Das Schwere wird Comic-leicht gemacht, und doch hängt in Form der Schlagzeilen immer «das System» wie ein Damoklesschwert über den Szenen.

Im zweiten Teil des Stückes («Zehn Jahre später») verkehrt der Autor die Vorzeichen. Unter harmlosen Wohlfühltiteln wie «Entschuldigungen», «Nettigkeiten» oder «Heiteres Zwischenspiel» zeigt er brutale Folterszenen. Die Kids aus dem ersten Teil sind nun Opfer und Täter in einem autoritären System, das sich als Demokratie ausgibt. Die einen fungieren als Handlanger der Staatsmacht, die anderen werden von ihnen gefangen gehalten und unterdrückt. Schkreker, der Sohn der Wohnungseigentümer, ist zu einem skrupellosen (Polizei-)Chef aufgestiegen, der Minus anraunzt: «Leute wie du machen sich ein schönes Leben, kümmern sich nur um ihr Zeug, richten Schaden an und bringen die Demokratie in Gefahr.» Sein treuester Helfershelfer ist Buddy, der kriecherisch Befehle ausführt und Morde vertuscht. Das alles ist, zugegeben, ziemlich dick aufgetragen und in seiner von den Vorfällen in der Polizeikaserne von Bolzaneto inspirierten Drastik und Eindeutigkeit stark überzeichnet. Man merkt die Absicht – und ist trotzdem nicht verstimmt. Weil man die Wut spürt, mit der er das tut, und den Mut, mit dem er scheinbar blauäugig das Theater als moralische Anstalt wiederzubeleben sucht. Wobei ihm – neben seinem Jugendbonus – auch hier wieder das Comic-Prinzip zugute kommt: Comics vereinfachen die Dinge nun mal mit ein paar wenigen Strichen und kokettieren mit ihrer Naivität.

Die Hüpfburg-Folter

Das Bayerische Staatsschauspiel hat das Fundstück kurzfristig in seinen Spielplan im Haus der Kunst aufgenommen. Die Dramaturgin Laura Olivi hat den Text zusammen mit Georg Holzer aus dem Italienischen übersetzt, mit der deutschsprachigen Erstaufführung wurde die 28-jährige Regisseurin Tina Lanik beauftragt, die im Haus der Kunst bereits mit Fassbinders «Tropfen auf heiße Steine» reüssierte und ihre eigene Generation für die «unpolitischste» hält, «die es je gab». Sie nimmt den Text beim Prinzip und macht daraus: Comic-Theater. Ein Theater der groben Gesten und deutlichen Mimik, zeichenhaft, übergroß, grell. Die Bühnenbildnerin Magdalena Gut hat ihr dafür eine Couch- und Knautschfläche aus knallroten Kunstlederquadern in den hohen Raum gebaut. Die Wohnlandschaft: eine Hüpfburg. Darauf lässt sich’s kindlich springen, turnen und wippen, und wer fällt, der fällt weich. Im zweiten Teil sinkt der Abend darin buchstäblich ein, aus Schaumstoffwürfeln werden Folterzellen.

Die Schauspieler sind quäkende Kids, die Spaß wollen oder irgendwas, das aber «ganz und sofort». Ausstaffiert wurden sie von der Kostümbildnerin Su Sigmund mit den Attributen poppiger Comic- und Zeichentrickfiguren: wattierte Schlaghosen, gesteppte Jäckchen, figurinenhaft ausgestellte Rocksäume, Struwwelhaare, Tollen, Beavis & Butthead-Frisuren. Alle grinsen extrabreit, jeder Satz hat die Größe XXL. Es ist ein fröhlich bunter Kampftrupp, den Tina Lanik da an der Spaßfront herumturnen lässt: Zack! Doing! Wumm! wird die Wohnung in Beschlag genommen und über den Text auch dort hinweg gehüpft, wo man ihm genauer zuhören müsste.

Im zweiten Teil, in dem sich Laniks Szenerie keineswegs ändert, obwohl das Stück nun in einer Polizeistation spielt, frappiert die demonstrative Rohheit, mit der die einstigen Freunde plötzlich miteinander umspringen. Cindy (Eva Gosciejewicz), die einmal König werden wollte, und Magda (Christine Schönfeld), die ihren Eltern zuliebe den Ingenieursberuf anpeilte, sind nun zwei brutale Aufseherinnen, die ihre Gefangenen mit Schlagstöcken dazu anhalten, Tiere nachzuahmen oder «Meister Jakob» zu singen. Wer ihnen nicht passt, kommt ins Loch, wo der struppige Woodschlock (Marcus Calvin) hart zuschlägt und der diensteifrige Buddy (Robert Joseph Bartl) pflichtergeben seinen Wachdienst schiebt, Job ist eben Job, und egal, wie er aussieht, Buddy will ihn gut machen. Stefan Wilkening gibt als Oberboss säuselnd die Befehle, macht sich jedoch selbst die Hände nicht schmutzig, sondern hackt, ganz Schreibtischtäter, immerfort in einen Spielzeug-Laptop. Tina Lanik erzählt plakativ, sie stellt den Horror aus, aber nicht her.

Der kleine Unterschied

Ob Buddy den Gang der Dinge hätte verhindern können? In der letzten Szene wiederholt Paravidino noch einmal jene Szene aus dem ersten Teil, in der Schkreker Buddy fragt: «Sind das deine Freunde?» Diesmal antwortet Buddy mit «Ja» und weigert sich, den Pulk hinauszuschmeißen. So etwas nennt man Solidarität. «Wenn ich es damals so gemacht hätte, wer weiß», sinniert Buddy, «vielleicht wäre es anders gelaufen, vielleicht auch nicht ...» Es ist diese Frage der Moral, die man als Zuschauer mit nach Hause nimmt, kein leichtes Gepäck.

Kann das Theater etwas verändern? «Ich hoffe es», sagt Fausto Paravidino, «das Fernsehen kann es ja auch.» Seiner Meinung nach hat Silvio Berlusconi schon vor zwanzig Jahren die Macht ergriffen: als er ins Fernsehgeschäft einstieg. «Die Italiener verbringen den größten Teil des Tages vor dem Fernseher. Dabei haben wir das schrecklichste Programm in ganz Europa.»

Nach «Peanuts» hat Paravidino einen zweiten Text geschrieben, «Genua 01»: ein Stück Reality-Theater, das die Ereignisse des Weltwirtschaftsgipfels noch einmal Revue passieren lässt, eher journalistisch als dramatisch. Es gibt darin keine Charaktere, dafür einen «Chor», der erzählt, was passiert ist. «A Tragedy» nennt Paravidino sein Stück, das, uraufgeführt im Januar, bisher nur sechs Vorstellungen im Teatro Vittoria in Rom hatte. Produziert wurde es von einer Theatergruppe in Pistoia, wo es jedoch nicht gezeigt werden konnte: Dem Theaterdirektor sei das Stück dann doch zu heikel gewesen. Auch die geplante Lesung des Textes im staatlichen Rundfunk und in einem weiteren Theater in Rom kam nicht zustande. So zählt Fausto Paravidino zwar zu den wichtigsten Gegenwartsdramatikern in Italien – was nicht so schwer sei, wie er bescheiden beschwichtigt, da es im Land von Goldoni und Pirandello ohnehin nur eine Handvoll junger Theaterautoren gebe –, aber die Bühnen für seine brisanteren Texte muss er erst noch erobern.

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