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Ein Schiff wird kommen
War da was in Weimar? –
Rolf Bolwin, der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, über die Zukunft des Stadttheaters

Franz Wille
Fangen wir gleich mit der entscheidenden Frage an: Wird es denn dieses Theatersystem im deutschsprachigen Raum, um das uns die ganze Welt beneidet, mit den vielen subventionierten Bühnen, mit einem flächendeckenden Angebot, mit den zahlreichen Drei-Sparten-Bühnen, mit Ensemble- und Repertoire-Betrieb, in fünf bis zehn Jahren noch geben?

Rolf Bolwin Erstmal werden wir uns sehr bemühen, dass es so sein wird, und ich denke, dass es in weiten Teilen gelingen wird. Die entscheidende Frage ist natürlich, ob es das überall geben wird. Wir sehen gerade in den kleineren Standorten der neuen Bundesländer große Probleme; der Ministerpräsident von Thüringen hat kürzlich verlangt, dass die Theater bis 21. Juli Finanzierungskonzepte vorlegen, wie es weitergehen soll. Nun ist die Unruhe groß, und es gibt schon erste Entscheidungen, wie die Fusion von Eisenach und Meiningen. Eine Tendenz wird sicher sein, dass insgesamt weniger produziert wird, das heißt aber noch nicht notwendig, dass Theater geschlossen werden.

FW Mit der vorgeschlagenen Fusion zwischen Erfurt und Weimar hat der Deutsche Bühnenverein vor wenigen Monaten spektakulär Schiffbruch erlitten. Die Weimarer wollten sich nicht von ihrem Drei-Sparten-Theater trennen und haben beschlossen, mit einem sogenannten Weimarer Modell unbedingt selbständig bleiben zu wollen. Was hat sich seitdem dort ergeben?

Bolwin Erstmal spricht selbst der Weimarer Intendant Stefan Märki nicht mehr von einem Weimarer Modell, weil er sieht, dass es keine übertragbare Lösung für andere Theater sein kann. Bei genauerem Hinsehen wird schnell klar, warum. Dieses sogenannte Modell besteht praktisch nur noch aus einer Reihe von vorgeschlagenen Gehaltskürzungen, wie beispielsweise dem Verzicht auf Urlaubsgeld und das 13. Monatsgehalt, den wir im übrigen schon oft für Theater und Orchester der neuen Länder mit den Gewerkschaften vereinbart haben. Das verschafft dem Theater für kurze Zeit Luft, ist aber keine Lösung auf Dauer. Deshalb wundere ich mich immer mehr, dass Stefan Märki und seine Aktivitäten zumindest von Teilen der Öffentlichen Meinung zum neuen Fräuleinwunder des deutschen Stadttheaters ausgerufen werden. Eine Zukunftsperspektive, die daraus hinausläuft, dass alle am Theater weniger verdienen müssen, löst keine Strukturprobleme.

FW Wer – Stichwort Fräuleinwunder – ungebrochen ans Weimarer Modell glaubt, ist Antje Vollmer, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen. Dabei trägt sie als Abgeordnete des Deutschen Bundestags zum schon oft zitierten Hauptproblem bei: Der Tariferhöhung im Öffentlichen Dienst, gegen die sich die Theater nicht wehren können und die von den Zuschuss-Erhöhungen, so es die überhaupt noch gibt, vielerorts nicht mehr annähernd aufgefangen werden.

Bolwin Mich hat schon sehr gewundert, dass eine Bundestagsfraktion sich mit Weimar befasst, statt vor der eigenen Tür zu kehren. Denn wenn eine im Bundestag vertretene Partei den Theatern helfen will, gibt es eine ganze Menge von Vorschlägen im Gesetzgebungsbereich, wo man wirklich etwas bewegen könnte. Wer sich im Bundestag wirklich für’s Theater engagieren will, soll sich dieser Vorschläge annehmen und sie durchsetzen.


FW Was sind denn das für Gesetzesvorhaben?

Bolwin Wir haben Vorschläge zum Arbeitszeitgesetz gemacht, wir haben Probleme mit dem neuen Teilzeit- und Befristungsgesetz, es geht um weitere Änderungen im Urheberrecht, da sind die Debatten gerade im Gange. Es gibt eine Reihe von Problemen im Steuerrecht. Wir fordern seit langem eine Mehrwertsteuer-Entlastung bei freiberuflichen Künstlern, wir brauchen eine weitere Entlastung bei der Ausländersteuer, es gibt immer noch eine ganze Anzahl von Doppelbesteuerungsproblemen. Da sind viele Vorschläge auf dem Tisch, mit denen die im Bundestag vertretenen Parteien sich jederzeit sinnvoll beschäftigen könnten.

Ver.di blockiert

FW Hat sich denn in Weimar in den Verhandlungen mit Ver.di schon etwas bewegt?

Bolwin Ver.di ist als Gewerkschaft ja zuständig für den ganzen nichtkünstlerischen Bereich, und da gibt es ein Gesamtproblem aller öffentlichen Bediensteten, nicht nur am Theater. Wir werden uns bald die Frage stellen müssen, was man sich unter Beibehaltung der Arbeitsplätze in diesem Bereich überhaupt noch an Lohnsteigerungen leisten kann. Das wird besonders interessant in der nächsten Tarifrunde, die uns nach der Bundestagswahl ins Haus steht. Vielleicht kommt man zu der Einsicht, dass hier mal zwei, drei Jahre eine Pause in den Einkommenszuwächsen sinnvoll wäre, um die öffentlichen Haushalte zu entlasten...

FW... das glauben Sie doch selber nicht...

Bolwin... stattdessen werden die Diskussionen um den Öffentlichen Dienst ausgerechnet in die Theater hereingetragen und die Theater zum Experimentierfeld für die Auseinandersetzungen in diesem Bereich gemacht, was außerordentlich problematisch ist. Die Vorschläge für Weimar, drei Jahre auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld zu verzichten, verbunden mit einem gewissen Bestandsschutz für die Arbeitsplätze, um in der Zwischenzeit nach weiteren Lösungen zu suchen, diese Vorschläge sind von Ver.di abgelehnt worden. Das zeigt, wie kompliziert die Situation in Weimar ist, dass selbst die Zwischenlösung noch keineswegs in trockenen Tüchern ist.

FW Der Bühnenverein hat kürzlich einen anderen gordischen Knoten für entdröselt erklärt, die Vielzahl der künstlerischen Tarifverträge am Theater, die sich in ihren einzelnen Bestimmungen gegenseitig blockieren. Vier verschiedene Tarifverträge sollen jetzt in einen einzigen überführt werden. Was kommt dabei heraus?

Bolwin Zunächst mal zur Ausgangsbasis, die immer etwas falsch dargestellt wird: Gäbe es im Theater keine Sondertarifverträge für die Künstler, dann würde automatisch der Bundes-Angestelltentarifvertrag gelten...

FW... also reinster Öffentlicher Dienst...

Bolwin... und das wäre für jede künstlerische Arbeit der Untergang. Also hat es immer fünf Sonder-Tarifverträge für den künstlerischen Bereich gegeben, was ein großer Vorteil war. Der Nachteil daran war, dass es fünf Stück waren. Aber auch diese fünf Sonder-Verträge, selbst wenn sie manchmal ein bisschen kompliziert waren, waren für die Betriebe eine erhebliche Entlastung. Das ist generell immer übersehen worden. Außerdem muss ich auch sagen, dass der eine oder andere Intendant, der gerne in der Öffentlichkeit als Kronzeuge gegen den Tarifwirrwarr herangezogen wird, von Tarifverträgen spricht wie der Blinde von der Farbe. So leid’s mir tut.

FW Nun sollen Intendanten auch in erster Linie ein Theater künstlerisch leiten und müssen deshalb noch keine Fachjuristen für Tarifrecht sein.

Bolwin
Aber wenn sie sich übers Tarifrecht öffentlich äußern, sollten sie es trotzdem fachkundig tun, und ich erwarte auch von Intendanten, die ein Stück von Botho Strauß zu verstehen in der Lage sind, dass sie vielleicht auch einen Tarifvertrag lesen können

FW Den Vergleich haben Sie gezogen.

Bolwin Beides ist ja schließlich auf Deutsch geschrieben. Von den fünf Sondertarifverträgen haben wir jetzt vier zu einem zusammengefasst: den Bereich Normalvertrag Solo, den Bereich Bühnentechnik, den Opernchor und die Tänzer. Selbständig bleibt nur der Orchester-Tarifvertrag. Für das Schauspiel wirkt sich das nicht so deutlich aus, da gab’s ja nur den NV-Solo für die Künstler und den BTT für die Technik, soweit sie künstlerisch tätig ist. Der neue einheitliche Tarifvertrag baut sich so auf, dass alles, was für die unterschiedlichen Beschäftigungs-Gruppen gemeinsam gelten kann, auch gemeinsam geregelt ist. Von Vertragsabschluss über Nebentätigkeiten bis hin zu vermögenswirksamen Leistungen. Das war früher alles gesondert geregelt. Dazu gibt es vier Sonderteile, weil alle Gruppen andere Arbeitsbereiche haben, da gibt es einfach Grenzen der Vereinheitlichung. Zweitens muss man auch ehrlich sagen, dass wir uns nicht in jedem Punkt mit den Gewerkschaften auf einheitliche Regelungen verständigen konnten.

Die Mindestgage: 1550 Euro

FW Wo hat es gehakt?

Bolwin Das Nichtverlängerungsrecht beispielsweise ist beim Tanz, beim BTT und beim NV-Solo relativ arbeitgeberfreundlich gestaltet, beim Chor hingegen gibt es eine Sozialschutz-Klausel. Natürlich wollten wir den Chorvertrag genauso freizügig ausgestalten wie die anderen Bereiche, und natürlich haben die Gewerkschaften gefordert, diesen Sozialschutz in die anderen Bereiche zu übertragen. Da war eine Verständigung nicht möglich, also lassen wir es, wie es bisher war. Man muss da die Gewerkschaften verstehen, dass sie den Chor nicht schlechter stellen wollen, und wir werden auch keine heiligen Kühe schlachten. Der ganze Vertrag wird im Solobereich die bisherigen Freizügigkeiten in vollem Umfang erhalten. Natürlich haben wir auch eine Gegenleistung erbracht, die finde ich aber als sozialpolitische Tat richtig: Wir haben die Mindestgage erhöht, von bisher knapp 1280 Euro auf 1550 Euro. Dafür wurde wiederum die Theaterbetriebszulage für Bühnentechniker abgeschafft, so dass auch hier eine gewisse Angleichung von BTT an NV-Solo stattfindet. Also es hat sich eine ganze Menge bewegt, wesentlich mehr als in der groß aufgeschäumten Debatte über das angebliche Weimarer Modell.

FW Wie sieht es mit Arbeits- und Ruhezeitregelungen aus?

Bolwin
Beim NV-Solo gibt es das so gut wie gar nicht; was die Kollektive angeht, Chor, Orchester und Ballett, gibt es jetzt einheitliche Ruhezeiten und Probenzeiten, was es seit Jahrzehnten nicht gegeben hat. Also gerade fürs Musiktheater eine wesentliche Erleichterung. Als wir 1992 anfingen, über die Reform zum ersten Mal zu reden, hat keiner geglaubt, dass wir das erreichen würden. Und man muss anerkennen, dass die Gewerkschaften große Verantwortung gezeigt haben.

FW Gerade ist die neue Theaterstatistik für die Spielzeit 2000/2001 erschienen. Wie sind die Trends? Hält sich das Niveau der Zuschauerzahlen, der Zuschüsse und der Aufführungs- und Inzenierungszahlen, der drei großen Eckdaten?

Bolwin Man sieht, dass die Theater sich bemühen, mit der schwierigen Finanzierungssituation zurechtzukommen: Die Eigeneinnahmen steigen ständig, auf jetzt im Durchschnitt 16 Prozent. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Produktionskosten sinken, weil immer weniger Personal beschäftigt wird. Der Mitarbeiterschwund macht sich zum ersten Mal deutlich bemerkbar mit weniger Produktionen und weniger Aufführungen, wobei die Zuschauerzahlen im wesentlichen konstant geblieben sind. Aber alle Einnahmeverbesserungen werden nie ausreichen, um eine Lohnsteigerung aufzufangen, denn um eine Lohnsteigerung von einem Prozent auszugleichen, müssten die Eigeneinnahmen um über fünf Prozent steigen. Da sieht man, wo die Grenze liegt. Das Problem der Tarifsteigerungen muss im Öffentlichen Dienst mit Ver.di und den Öffentlichen Arbeitgebern gelöst werden.

Treffpunkt Teufelskreis

FW Aber man nähert sich doch einem gefährlichen Punkt. Die Eigeneinnahmen sind so hoch wie noch nie, andererseits sind die Beschäftigtenzahlen zurückgegangen, und damit reduzieren sich die Produktionszahlen – also die Anzahl der Inszenierungen und Aufführungen. Die Besucherzahlen sind gerade noch konstant, aber wenn man jetzt weiter spart, weiter Personal abbaut, gerät man in den Teufelskreis, der alles in den Abgrund zieht: weniger Aufführungen, weniger Zuschauer, weniger Einnahmen.

Bolwin In diesem Teufelskreis stecken schon eine Reihe von Betrieben. Und wenn man für diese Häuser nach anderen Produktionsformen sucht – seien es Koproduktionen, Ensuite-Betrieb oder anderes – alles das hilft nur, wenn die Öffentliche Hand die Häuser von nichtkünstlerischem Personal entlastet. Man muss sich noch einmal erinnern, was in Frankfurt/Oder passiert ist. Man hat das Musiktheater geschlossen, das künstlerische Personal entlassen und die kleine Schauspiel-Sparte mit allen verbliebenen 80 oder 90 nichtkünstlerischen Mitarbeitern sich selbst überlassen, bis das Theater geschlossen wurde. So geht es nicht. Wenn man in den Betrieb eingreift, muss der Träger auch Verwaltungsangestellte und Handwerker übernehmen. Andernfalls bleibt ein Apparat am Theater zurück, der Geld kostet, den man aber nicht mehr braucht. Und betriebsbedingte Kündigungen wären da keine Lösung, weil man dabei wegen der gesetzlich vorgeschriebenen Sozialwahl immer den Jungen, oft gerade den Leistungsträgern kündigen muss.

FW Was Sie da ansprechen mit Spartenschließungen, mit Ensuite-Spielplänen, geht aber schon an die Substanz dieses deutschen Stadttheater-Systems, das auf Repertoire und Ensemble baut.

Bolwin Deshalb bin ich gegen alle generellen Modell-Diskussionen. Man muss konkret sehen, welches Theater sich an welchem Ort unter welchen Bedingungen qualitätserhaltend betreiben lässt. Wenn der Thüringer Ministerpräsident erklärt, die Zeit der Dreisparten-Theater sei vorbei, dann ist das fatal und vor allem falsch. Man kann nicht von einer Situation in Nordhausen oder Weimar oder Erfurt automatisch auf Bonn oder Münster oder Schwerin oder Magdeburg schließen. Es gibt keine Modell-Version für die ganze Bundesrepublik, und ich warne vor solchen Illusionen.
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