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Das Stück
Als ginge es um ihr Leben – Russland ist ein reiches Land
Ein Reisebericht von Tankred Dorst

Vier neue Stücke aus Russland sind zur diesjährigen Bonner Biennale geladen, die vom 13. bis 22. Juni zum voraussichtlich letzten Mal stattfinden wird: Uladzimir Drasdous «Madame Bonne Chance» aus Witebsk, Tamara Petkewitschs «Sprechen Sie, Petkewitsch» aus St. Petersburg, Jewgeni Grischkowez’ «Die Stadt» und Wassily Sigarews «Plastilin» aus Moskau (abgedruckt im Juni-Heft).

Der Dramatiker und Biennale-Juror Tankred Dorst beschreibt seine Erkundungsreise ins postsowjetische Reich, Eindrücke und Stationen aus einer Welt, deren Geist sich für ihn am deutlichsten im Theater einschreibt.
Eine Reise in die Gegenwart voller Vergangenheit.

Ich gestehe, dass ich parteiisch bin: Mit besonderer Vorliebe und Vorangst bin ich immer nach Russland gereist, die utopischen Städte St. Petersburg und Moskau haben mich fasziniert, und ich habe beobachtet, wie in diesem Land, das vor Gegenwart strotzt, von so viel Aufbruch und schrundigem Niedergang, die Vergangenheit unversehens wieder hervorkommt und Schrecken und Hoffnung verbreitend wirksam wird. Unsere Moskauer Freundin will an die Zukunft Russlands nicht glauben: Die Menschen, sagt sie, sind hier nichts wert, man kann sie zertreten. Darüber streiten wir uns. Immer noch bin ich der Ansicht, dass sich das Wesen des Menschen nicht im Bruttosozialprodukt, im Rentensystem, in Marketingstrategien, in der Organisation der Arbeit ausdrückt, sondern in der Kunst, vor allem, denke ich, im Theater. Und so sind wir immer besonders aufmerksam auf das gewesen, was dort im Theater nach dem Ende der Utopie geschah. Vier Stücke haben wir zu dieser letzten Biennale eingeladen; sie spiegeln, so unterschiedlich sie sind, etwas von dem Geist, der in dem noch immer mythisch geheimnisvollen Land lebendig ist.

In Nabokovs Gymnasium

Wir steigen die ausgetretenen Stufen in den dritten oder vierten Stock hinauf, im Treppenhaus ein großes Gedränge von jungen Leuten, die sich hier auskennen und fröhlich aufgeregt miteinander reden, einander zurufen. Oben der lange düstere Flur mit den vielen Türen zu den Klassenzimmern: In diesem alten Gymnasium – Nabokov und Mandelstam sind hier zur Schule gegangen – ist heute die St. Petersburger Theaterakademie untergebracht. Die Atmosphäre des Ortes, die Geheimnisse des eben erst angefangenen Lebens schaffen eine Stimmung, die uns sofort in die Aufführung, die wir hier sehen, hineinzieht. «Sprechen Sie, Petkewitsch!» Ein junges Mädchen hockt verstört auf einem Stuhl, der Kommissar verhört sie. Die Studentin ist wegen antisowjetischer Hetze angeklagt. Der Kommissar ist kein Folterer, sie gefällt ihm, er will die Unschuldige retten, es gelingt ihm nicht. Immer wieder springen Türen in dem halbdunklen Flur auf, Licht fällt herein, kleine Szenen entstehen, von der Erinnerung hereingeweht, ein fröhliches Schulfest, eine leidenschaftliche Liebeserklärung, die Freundinnen, Gelächter, Musik. Das Mädchen erfährt in den Verhören, dass alle ihre Freunde, Schulkameraden und Verwandten sie denunziert haben: So verliert sie ihre eigene Vergangenheit und alles Vertrauen in andere Menschen.

Fasziniert von den 1993 erschienenen Erinnerungen von Tamara Petkewitsch, die viele Jahre ihrer Jugend in sowjetischen Straflagern zubrachte, hat der Regisseur Alexander Kladko aus einer Episode dieses Berichts mit Schauspielabsolventen der Theaterakademie ein Stück erarbeitet. Die beiden Hauptdarsteller spielen ihre Rollen mit großer Intensität und Wahrhaftigkeit. Die Zuschauer, so jung die meisten wie die Angeklagte in dem Stück, sind von der Aufführung tief getroffen, wollen danach nicht nach Hause gehen, wollen schweigen und reden.

Tamara Petkewitsch lebt in St. Petersburg, erfahren wir von Marina Dimitrevskaja, die uns in diesen Tagen betreut. Wir möchten sie besuchen. Wie lebt ein Mensch, der so viele Jahre, die Jahre der Jugend, in den Straflagern zugebracht hat, geschunden, gedemütigt, verprügelt, vergewaltigt, in Hunger und Dreck? Wie sieht er die Welt heute? Die 83-jährige Dame empfängt uns lächelnd in ihrer engen, von Erinnerung verhangenen Wohnung. Es gibt Tee und Kuchen. Sie erzählt ohne Wehleidigkeit, sie zeigt uns Fotographien, ihr Lächeln ist eine lebendige Erinnerung an ihre frühere Schönheit. Die Stunde bei ihr hat einen eigenartigen Zauber.

So viel Leben! In der Zimmerecke steht ein PC. Ja, sie schreibt an einem neuen Buch, Erinnerungen an Menschen, die sie in den Lagern, in ihrem langen Leben danach gekannt und zu denen sie noch immer Verbindung hat, zu den Lebenden wie zu den Toten. Viele Jahre hat sie mit Theatergruppen gearbeitet. Ob sie denn an der Entstehung des Stücks beteiligt war? Nein, die jungen Leute wollten das selber machen. Sie ist dankbar, dass die Aufführung so großen Eindruck auf die Zuschauer macht. Oft hören wir sagen, dass die jungen Menschen sich nicht für die kommunistische Vergangenheit ihres Landes interessierten. Sie hätten eine große Sehnsucht nach Schönheit, nach schönen Gefühlen und nach weißen, wehenden Kleidern wie in den Stücken der jungen Moskauer Autorin Muchina: die vorrevolutionäre Welt, die Welt Tschechows, sei ihnen näher.

Wir besuchen das Büro der «Sankt Petersburger Theaterzeitschrift». Über einen regennassen Hinterhof mit Löchern, Schlamm, verschüttetem Unrat und rostigem Blech ein paar bröckelnde Kellerstufen hinunter, hier ist Marinas Redaktion. Innen weiße, saubere Wände, der Kellerboden ist mit blauem Kunststoff belegt, das Geschenk einer Baufirma, Fotographien, Plakate, am Eingang die Nummern der schön gestalteten Zeitschrift auf dem Tisch ausgelegt. «Wir sind immer in der Sorge, dass es unsere letzte Nummer sein wird», sagt Marina. Sie ist mit ihrer Redaktion gerade zum fünften Mal umgezogen, für die Kellerräume muss sie keine Miete zahlen. Nun sitzen wir am wackligen Tisch und trinken Tee. Marina spricht über Theaterstücke, die sie uns in dieser Stadt vorschlägt, beklagt sich, dass kaum Geld für Reisen vorhanden ist, um andere Aufführungen in dem weiten Land zu sehen. Sie will nach Omsk fahren, dort gibt es interessantes Theater, sagt sie.

Wie viele Stücke sehen wir in St. Petersburg? Vier, fünf, oder noch mehr? Wir wollen in den drei Tagen alle sehen, auch dann, wenn sie für die Biennale nicht in Frage kommen. Wie ist es mit dem Stück, das in einem kleinen Restaurant zu sehen ist, dem ehemals berühmten Literatenclub «Der streunende Hund»? Ein Schauspieler sitzt schweigend auf dem kleinen Podium. Er will wohl etwas aus dem Manuskript vorlesen, das neben ihm auf dem Boden liegt. Lange sitzt er so. Man wird schon ungeduldig. Plötzlich fängt er an zu reden, redet schnell, überhastet, ohne Zäsur und Pause, er will sich offenbar gar nicht verständlich machen, er will loswerden, was ihn bewegt, er redet eine Stunde lang, redet bis zur Erschöpfung, über Gott, über die Schauspielkunst, über seine elende Existenz, sagt die Dolmetscherin. Wir verstehen nichts, sind aber beeindruckt von dem Furor, begreifen: Er redet um sein Leben. Ein Wahnsinniger? Der Mann, sagt man uns, sei ein populärer TV-Schauspieler, aber er kann die seichten Fernsehproduktionen nicht mehr ertragen, er tritt lieber hier, im «Streunenden Hund» auf, wenn das ambitionierte Programm auch nur wenige Zuschauer hat.

«Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren», singen die sechs jungen Schauspieler mit fröhlichen Gesichtern auf deutsch, «öffnen die Mädchen die Fenster und die Türen.» Es klingt lustig. Die Szenerie ist nicht soldatisch, die Schauspieler tragen keine Uniform. Das Stück «Weihnachten 1942» hat den Untertitel «Briefe von der Wolga». Es sind 27 Briefe deutscher Soldaten aus Stalingrad, Abschiedsbriefe an Frau, Mutter, Freunde. Sie sind nie angekommen, man hat sie mit dem letzten Flugzeug aus der Hölle geschafft und konfisziert. Man wollte sie für Durchhaltepropaganda benutzen, was aber nicht möglich war, weder die Nazis noch später die Sowjets konnten damit Staat machen. Diese Soldaten sind Menschen nah am Tod, sie versuchen damit fertig zu werden, sie rufen Erinnerungen an zu Hause wach, es gibt eine Schneeballschlacht, eine Weihnachtsfeier, einmal hören die Männer ein Lied, der Wind weht es von der russischen Seite herüber, und sie summen die Melodie mit.

Die Brieftexte sind so ineinander geschnitten, dass sich gelegentlich aus den monologischen Texten Szenenmomente, Situationen ergeben, ein Zusammenspiel der unterschiedlichen Charaktere entsteht. Abrupt wechseln die Schauspieler immer wieder die Rollen. «Sie spielen nicht sechs Charaktere», lesen wir im Programmzettel, «auch nicht 27, sondern alle deutschen Soldaten, ihre Frauen, Eltern, Freunde und Bekannten». «Menschen werden nicht als Feinde geboren, sie werden zu Feinden gemacht.» Und: «Die Zeit ist gekommen, auf die zu horchen, die auf der anderen Seite waren, die vom Faschismus zu unseren Feinden gemacht wurden vor mehr als vierzig Jahren.» Das Publikum ist von der schönen, streng komponierten Aufführung tief beeindruckt, großer Beifall, die Zuschauer stehen von ihren Sitzen auf.

«Plastilin», grotesk

In Moskau ist das «Zentrum für dramatische Kunst und Regie» erfolgreich. Der Direktor, Kasanzew, selbst ein Dramatiker, hat jahrelang die Zeitschrift «Dramaturg» herausgegeben, in der neue Stücke abgedruckt waren. Jetzt können sie in seinem Theater die Probe bestehen. Wir sehen «Plastilin», ein hartes, schwarzes, lakonisches Stück über das kurze Leben eines Jungen am unteren Rand der Gesellschaft, der keine Chance hat. Die Lektüre hat uns beeindruckt. Ich denke an den dreckverkrusteten Jungen, der uns gestern auf dem Newskiprospekt anbettelte. Als er sein Geld hat, ist er plötzlich flink wie eine Ratte verschwunden. Wo geht er hin? Wo verbringt er die Nacht? Zwei Millionen obdachlose Kinder soll es in den russischen Städten geben. Deutsche Soziologen, hören wir, haben einigen Kindern Einwegkameras gegeben, sie sollten ihre Welt fotographieren. Daraus hat man eine Ausstellung gemacht. Die Inszenierung von «Plastilin» ist anders, als wir nach der Lektüre erwartet hatten: Kein Realismus, die Szenen sind stilisiert, manchmal grotesk, es gibt Elemente des Tanztheaters. Das Publikum drängt sich am Eingang, das Haus ist übervoll, die vielen jungen Zuschauer stehen, hocken auf der Treppe, sitzen zu zweit auf einem Platz.

Auch das andere Stück, das wir am nächsten Tag in diesem Theater sehen, ist ausverkauft und erntet großen Applaus. Es hat eine schöne Grundidee: Eine Literaturstudentin lässt sich für einige Zeit – vielleicht in den Semesterferien – in einem russischen Dorf nieder, um die Menschen dort zu studieren wie einen fremden Volksstamm. Da sitzt sie am Anfang mit ihrem wilden roten Wuschelkopf, die Brille auf der Nase und ihr Laptop auf den Knien, vorn an der Rampe. Die Dorfbewohner sind wüst und lustig, das ist nicht überraschend, aber der jungen Regisseurin Olga Sobotina fällt dazu viel ein. Die Dolmetscherin flüstert uns die Übersetzung ins Ohr. Die handelnden Personen sprechen wohl manchmal in der dritten Person, beschreiben die Situation, in der sie sich gerade befinden. Es gibt ein Ungeheuer im Wald, vor dem sich alle ein wenig fürchten, es soll schon Leute gefressen haben. Die Studentin trifft einen Gutsbesitzer, dem in der Revolution der Kopf abgeschlagen wurde, ein Hirte macht Gedichte und ermordet den Chef der Kolchose, weil er ihn nicht in die Stadt lassen will. Vielleicht ist das Stück nicht so gut wie der Grundeinfall, die Aufführung hat uns gefallen.

Die Lebensgeräusche des Jewgeni Grischkowez

Schließlich haben wir uns noch für «Gorod» (Die Stadt) entschieden, von dem wir in Moskau, in der «Schule des Neuen Theaters», eine Probe sehen können. Das klassizistische Gebäude war im 19. Jahrhundert ein Adelsklub, in dem Bälle veranstaltet und Feste gefeiert wurden. Heute bemüht sich der Direktor Iossif Reichelhaus, neue Dramatik in seinem Haus zu zeigen. Es gibt zwei Spielstätten: In der größeren läuft erfolgreich ein Kriminalstück konventioneller Machart, im Studio inszeniert er das Stück von Jewgeni Grischkowez. Es gibt keine Bühne. In den Sitzreihen der beiden gegenüberliegenden Tribünen hat der Bühnenbildner Borowski, berühmt durch seine Arbeit mit Ljubimow, hohe Metallstehleitern aufgestellt, auf denen die Schauspieler ihren Platz haben. Der junge Autor Grischkowez aus Kaliningrad, der sich eher schüchtern und ein wenig erstaunt seiner jungen Berühmtheit auch im Ausland freut, noch etwas tastend damit umgeht, hat vor einigen Jahren mit improvisierten Auftritten ohne festgelegten Text begonnen.

Ein Mann will die Stadt verlassen. Warum? Wir erfahren es nicht. Er spricht mit seiner Frau, mit einem Freund, mit dem Vater. Ein eigenartiger Eindruck dieser Probe: Man hört Leuten zu mit dem Gefühl, indiskret zu sein, so wie man in der Trambahn ein Gespräch mithört oder im Café am Nebentisch, hinter der halbhohen Trennwand. Was reden sie? Es ist nicht wirklich interessant, es ist ein Teil des allgemeinen Lebensgeräusches, und doch hört man gebannt zu. Man denkt: Was kommt da noch? Was wollen sie eigentlich sagen? Mehr braucht der Autor nicht, um über heutige Menschen zu erzählen, ohne ein dramaturgisches Netz über sie zu werfen. Wir horchen auf die Stimmen, es geschieht etwas, es geschieht.

Koljada, der erfolgreiche Dramatiker, probt im Moskauer «Savremmenik» sein neues Stück, eine Bearbeitung der «Celestina» von Rojas. Wir sehen eine Stunde lang zu, wie er den musikalischen Auftritt der Kupplerin einstudiert. Er arbeitet mit einer jungen Choreographin aus Deutschland. Die Dolmetscherin – eigentlich Fotographin –, auch sie eine Deutsche, erzählt uns in der Teepause ihre deutsch-russische Familiengeschichte: Die Vorfahren vom Zaren nach Russland geholt, die Großeltern in der Revolution nach Deutschland geflüchtet. Sie, die Enkelin, geht nach dem Ende der Sowjetunion nach Russland, heiratet einen Russen, geht mit ihm wieder nach Deutschland. Er arbeitet als Arzt in Deutschland, sie geht wieder zurück nach Russland. Wo wird sie in Zukunft leben?

Im St. Petersburger «Theater des jungen Zuschauers» sehen wir zwei Einakter von Nina Sadur. Das erste Stück ist sehr komisch. Eine junge, hübsche, enorm dicke Frau stürzt auf die Bühne, schreit nach ihren Bürokollegen, mit denen sie zur Erntezeit aufs Land beordert wurde, sie hat sich verspätet, findet die anderen nicht mehr. Schließlich trifft sie eine winzige alte Frau, die verspricht, ihr bei der Suche zu helfen – ein weiblicher Puck, ein verrückter Federwisch. Sie führt die Städterin gänzlich in Verwirrung, verlässt sie dann. Die hübsche Dicke ist in einen Albtraum geraten, aus dem sie nicht mehr herausfindet.

Ja, es gibt jenseits der pompösen, gewalttätigen Nachahmung amerikanischen Showgeschäfts, die der Zuschauer mit hohem Eintrittspreis bezahlt, eine Renaissance des Theaters! Sie ist nicht aus dem Westen herübergekommen, sie ist etwas vielfältig Eigenes, sie scheint aus dem existentiellen, ja überwältigenden Impuls zu kommen, die Lage des Menschen in seinen durch Ideologie nicht zu klärenden Verhältnissen abzubilden und abbildend zu erkennen. So haben wir es gesehen, so hat es uns beeindruckt. Die Schauspieler sind ernsthaft und können viel. Die Zuschauer sind so leidenschaftlich, als ginge es um ihr Leben, damit beschäftigt, zu hören und zu sehen. Russland, denke ich, ist ein reiches Land.
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