THEATERheute
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Premierenanzeigen
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
FOYER
Geld gegen Kunst

PORTRAIT
Eva Behrendt
Frauen in Scheiss-Kostümen
Die Fabulous Five von der Volksbühne – Kathrin Angerer, Astrid Meyerfeldt, Sophie Rois, Jeanette Spassova und Cordelia Wege

AUFFÜHRUNGEN
Franz Wille
Mord aus dem Augenwinkel
Jon Fosses «Traum im Herbst» in Berlin, Wien und München
Michael Skasa
Sterben ist auch keine Lösung
Jossi Wieler inszeniert Euripides’ «Alkestis» in München
Henning Rischbieter
Demokratie lernen – leicht gemacht?
Political Lessons mit Aischylos’ «Orestie» in Hannover und Konstanz
Michael Merschmeier
Ruhe im Requiem
Falk Richter zeigt Sarah Kanes «4.48 Psychose»

START
Eckhard Franke
Start mit Löchern
Das Schauspiel Frankfurt ringt mit antiken und deutschen Klassikern, den Avantgarden, der Nazivergangenheit – und um Geld

TANZTHEATER
Simone Meier
Alibi-Erpressung und andere emotionale Straftaten
Meg Stuart und «Damaged Goods» liefern Zürich ein «Alibi»

DAS WEITE LAND
Helmut Schödel Danach kommt nur noch Wien
Illyrien in Thüringen – das Hoftheater Meiningen

CHRONIK
Basel Joe Orton «Seid nett zu Mr. Sloane»
Darmstadt Lars Norén «Akt ohne Gnade»
Dresden I Monoblock «Hallo Nazi», Friederike Heller/ Marcel Luxinger «Bondage – Agent entfesselt», Kristof Magnusson «Der totale Kick»
Dresden II Oliver Bukowski «Aller Seelen Rot»
Düsseldorf Frédéric Beigbeder «39,90»
Köln Shakespeare «Richard III.»
Zürich Strindberg «Unwetter»

NEUE STÜCKE
Barbara Burckhardt
K.O.-Prinzip im Wohlstandsdrama
Roland Schimmelpfennigs
«Push up 1-3» in Berlin und Hamburg
Silvia Stammen
Der Fall Fleisser
Kerstin Spechts
«Marieluise» in München und Ingolstadt
Dorothee Hammerstein
Kopf einziehen und einfach drunter durchquatschen Felicia Zellers «Club der Enttäuschten» in Konstanz
Katrin Ullmann
Nichts Geschieht
Susanne Schneiders
«Sonnenfinsternis» in Oberhausen
Andreas Jüttner
Eindampfung der Kampfzone
Sibylle Bergs
«Hund, Frau, Mann» in Göttingen und Stuttgart

AUTOREN ZU ENTDECKEN
Frauke Meyer-Gosau Einfach machen!
Bernhard Studlar – ein Portrait

DAS STÜCK
Bernhard Studlar Transdanubia-Dreaming (Stückabdruck)

DATEN
Premieren im Dezember
Hinweise
TV-Theater

MAGAZIN
Das SPIELART-Festival in München
Theater in Österreich nach 1945
Leser schreiben ·· Notizen

VORSCHAU / IMPRESSUM
Auf dem Titel
«Das führende Organ der Theaterbranche ist
und bleibt Theaterheute.»
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Januar 2000


Das Allerschwierigste war der Foto-Termin. Wie bekommt man Kathrin Angerer, Astrid Meyerfeldt, Sophie Rois, Jeanette Spassova und Cordelia Wege vor eine Kamera? Und vor allem – in welchen Kostümen? Ein Portrait der Rachegöttinen vom Rosa-Luxemburg-Platz: die Furien der Volksbühne im Januar-Heft

Titelfoto Matthias Horn
Foyer
Kunst gegen Geld!

Billiger wird das Theater nicht, wenn in Euro abgerechnet wird, aber in reinen Zahlen kostet es nur noch gut die Hälfte der gewohnten D-Mark-Preise. (Die armen Österreicher müssen allerdings viel komplizierter rechnen.) Vor den Theaterkassen wird sich das treue Theaterpublikum jetzt auf neue Tausch-Verhältnisse einstellen. Zum Üben hier der harte Euro-Vergleich zwischen Wien und München, Hamburg und Berlin, Heidelberg und Dresden. Was kostet der Blick aus den ersten Reihen, was muss man für einen ordentlichen Mittelplatz anlegen, und wie billig kommt man von ganz hinten in den Bühnenkunstgenuss? Oben und unten an erster Stelle liegt das Wiener Burgtheater: 44 Euro in der dritten Reihe sind Spitze, dagegen sitzt man schon für bescheidene 7 Euro in der letzten. Praktizierten Parkett-Egalitarismus übt man in den Münchner Kammerspielen, zumindest solange das Traditionshaus an der Maximilianstraße wegen Renovierung geschlossen bleibt.

Auch das Parkett des Deutschen Schauspielhauses zu Hamburg kennt keine Standes-Unterschiede: alles Einheitspreise um 30 Euro. In Bonn und Dresden dagegen achtet man auf minimalen Abstand: von 14 bis 19, von 16,39 bis 18,41 reicht das Spektrum in der neuen Währung. Insgesamt bestätigt der Euro aber die bewährten Verhältnisse: Das Theater ist erschwinglich, geschenkt ist es nicht. Ein letzter Vergleich in eigener Sache: Rein preislich liegt ein «Theater heute»-Heft zwischen dem günstigsten Platz in Wien und an den Münchner Kammerspielen – bei genau 8 Euro achtzig. Billiger geht’s (leider) nicht.
Das Stück
EINFACH MACHEN!
Ein Portrait von Bernhard Studlar
Von Frauke Meyer-Gosau

Wenn einer die Ruhe weg hat, dann ist es Bernhard Studlar. Natürlich nicht die sprichwörtliche gemeine Bierruhe. Schließlich ist Studlar Wiener und trinkt nach dem Verzehr eines Stücks Birnentorte und eines Großen Braunen in Berlin-Tiergartens «Café Einstein» selbstverständlich einen Grünen Veltliner. Nein, es handelt es sich wohl eher um eine fakten- und erfahrungsgestützte Gelassenheit, die sich hier mit einem offenbar ohnedies gemäßigten Naturell sanft und störungsfrei verbindet. Denn in dieser gerade neunundzwanzigjährigen Lebensgeschichte ist bisher ja doch immer eins aus dem anderen scheinbar wie von selbst hervorgegangen, ein Entwicklungsschritt, zunächst vielleicht überraschend, im Ergebnis dann aber genau passend, aus dem vorigen gefolgt. Und darum ist Bernhard Studlar jetzt Dramatiker.

Und hat allen Grund, sich an diesem stockfinsteren Oktobernachmittag auf der lederbespannten Holzbank im Wienerisch-Berlinischen Kaffeehaus entspannt zurückzulehnen. Drei Stücke hat er bislang gemeinsam mit seinem Schreib- und Ausbildungskompagnon Andreas Sauter verfasst, und gleich für ihre erste abgeschlossene Arbeit, «A. ist eine andere», wurden sie im Jahr 2000 mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker ausgezeichnet. Für das nächste, «All about Mary Long», ein in der Tat ziemlich trashig-splatteriges «Trashlibretto», in dem scheußlich Gemeuchelte serienweise locker wieder auferstehen, erhielten sie im selben Jahr vom Staatstheater Kassel den Preis für eine «Radikalkomödie». Und im April dieses Jahres ging im Rahmen des Zürcher Theaterfestivals «Hope & Glory» Studlars und Sauters jüngste Schreibproduktion «Fiege. Ein Stück ohne Geilheit» über die Bühne, woraufhin die «Neue Zürcher Zeitung» sie, die sich hier zusätzlich noch als Schauspieler betätigten, überschwänglich zum «kreativsten und erfolgreichsten Zweigespann» erklärte, «das die Generation der Mittzwanziger derzeit zu bieten hat».

Und damit immer noch nicht genug. Denn auf dem Heidelberger Stückemarkt im Juni gingen die beiden Nicht-mehr-so-ganz-Mittzwanziger nun mit jeweils solo geschriebenen Stücken an den Start – und für «Transdanubia Dreaming. Ein Stück Wien» gewann Bernhard Studlar den mit 20.000 DM dotierten Autorenpreis. «Jeden Tag sitzt die Hauptfigur Manfred beim Josef im Gartenlokal, trinkt seine vier Viertel, guckt auf die blaue, Studlar sagt bleigraue, Donau, und entzückt uns mit seiner unausstehlichen und nervigen Depression. Wir sagen: Manfred entzückt uns mit seiner Depression, weil der Autor ganz offensichtlich seine Figur wirklich mag, vielleicht sogar liebt, und das ist ja eine Seltenheit im neueren Drama», fasste der Laudator Moritz Rinke die Wirkung des Stücks zusammen. Und folgerte: «Vielleicht ist dieses Unhochmütige auch ein bisschen das Geheimnis von Komik in der Dramatik: Der Autor selbst muss erst leise werden in seinen Figuren, damit dann die Zuschauer um so lauter werden können in ihrer Phantasie oder in ihrem Lachen.»

Auf jeden Fall ist das «Unhochmütige» und Leise aber erst einmal ein Grundzug des Stückeschreibers selbst – seine freundliche Gelassenheit beruht auf einer Sicherheit, die auf Junggenie-Exaltationen aller Art verzichten kann. Und wohl auch nicht mal zu verzichten braucht, denn dergleichen kommt in Bernhard Studlars Verhaltensrepertoire offenbar sowieso nicht vor. «Einfach machen» heißt, ganz simpel, seine Devise. Die hat ihn ziemlich schnell ziemlich weit gebracht, ohne all das, was man so Karriereplanung nennt, und trotzdem, wenigstens vom augenblicklichen Stand der Dinge her gesehen, doch völlig konsequent.

Ich hab vorher nie dran gedacht, Theaterautor zu werden

Denn dass, zum Beispiel, das Studium der Theaterwissenschaft, Philosophie, Germanistik und Publizistik an der Universität Wien nicht gerade der Reißer war, wurde bald klar – für jemanden, der, wie Studlar, Regisseur werden wollte, war da nicht viel zu holen. Aber immerhin sah der theaterwissenschaftliche Studiengang ja eine Hospitanz an einem Theater vor, und da war auch der Intendant des Wiener «Theaters der Jugend» als Studenten-Betreuer an der Uni und forderte auf, sich bei ihm zu bewerben. Studlar tat’s und wurde am Ende der Hospitanz gefragt, ob er nicht als Dramaturg und Regieassistent an diesem «Theater für Menschen ab 5» bleiben wolle. Wollte er. Weil das so viel sinnvoller war, als an einem der großen Häuser mit ca. fünf Regieassistenten und nochmal einer Handvoll Hospitanten dem Regisseur hier und da mal einen Kaffee zu holen und im übrigen stumm dabeizusitzen. Die Arbeit am «Theater der Jugend» dagegen, einem Haus mit drei Spielstätten, das in einem ausgefeilten Abosystem Produktionen für drei Altersgruppen anbietet, war «eine Art Lehre, Handwerk». Das Studium wurde nicht abgeschlossen, das wurde nun nicht mehr gebraucht.

Was allerdings irgendwann, so nach zwei Jahren etwa, doch schon gebraucht worden wäre: die eigenverantwortliche Arbeit als Regisseur, das gab es dann auch am «Theater der Jugend» nicht. Schon frustrierend. Aber natürlich auch keine ausweglose Situation. Zusammen mit einem Freund bewarb sich Studlar am Max-Reinhardt-Seminar, der Freund für die Schauspiel-, Studlar für die Regie-Klasse. Und wurden beide nicht genommen, Pech. Woraufhin der Freund, Gilbert Handler, eben Musiker wurde und Bernhard Studlar sich in Berlin an der Hochschule der Künste für’s «Szenische Schreiben» bewarb. Aha, aha, wahrscheinlich hatte er ja schon als Student, spätestens aber als Dramaturg zu schreiben angefangen? Studlar schaut fast erstaunt. Nein, nein, aber keine Spur: «Ich hab nie vorher dran gedacht, Theaterautor zu werden.» Als Dramaturg und künftiger Regisseur war er natürlich immer auf der Suche nach neuen Stücken gewesen. Aber die womöglich selbst schreiben? Wäre ihm nicht eingefallen. Um für’s HdK-Studium in Frage zu kommen, musste er das dann ändern. Machte er auch. Und lernte während der Aufnahmeprüfung im Februar 1998 den Schweizer Andreas Sauter kennen, der seine Zürcher Schauspiel-Ausbildung gern gegen eine im Szenischen Schreiben vertauschen wollte. Der hatte zuvor schon ein bisschen geschrieben. Das passte dann also gut zusammen.

Nach Berlin will ich sicher nie

Von Wien nach Berlin auswandern, das heißt, einem Kulturschock gefasst ins Auge sehen. Im Winter 1995 war Bernhard Studlar schon einmal da gewesen: «Ein Wintermonat in Lichtenberg als erste Berlin-Erfahrung – da wusste ich, nach Berlin will ich sicher nie.» Aber dann, im April 1998, hat es sich durch den Studienplatz an der HdK dann «halt doch so ergeben». Wie ja auch alles andere zuvor und nachher. «Immer ohne einen Durchhänger», sagt Bernhard Studlar ruhig und leicht verwundert, hat es ihn von einer Station zur anderen transportiert. Und nun hieß die eben Berlin, genauer: Hochschule der Künste.

Vier ganze Jahre dauert die Ausbildung. Das Angebot in Theorie und (Schreib-)Praxis ist obligatorisch und wird von wenigen festen Dozenten zusammen mit wechselnden Gastdozenten abgedeckt, die für jeweils sechs- bis achtwöchige Kurse nach Berlin kommen und eine ziemliche Spannweite der Stückeschreiberei repräsentieren – von Oliver Bukowski (jetzt fest an der HdK) bis zu Gerlind Reinshagen, von Tankred Dorst bis David Spencer, ehedem Royal Court Theatre in London. Die Klasse, in der Studlar jetzt das letzte Semester abschließt, ist klein, und, da hat er nochmal besonderes Glück gehabt, ganz untypischerweise international besetzt: zwei Schweizer, eine Litauerin, eine Ungarin, zwei Deutsche, dazu er selbst aus Wien – im Hinblick auf Berlin jedenfalls alles Zugereiste.

Die unterschiedlichen Herkünfte und Biographien bringen unterschiedliche Schreibansätze mit sich, das ist sehr gut, und angenehm war auch, dass sich das Theaterwissenschafts-Studium in der zweijährigen Theoriephase der Ausbildung unversehens doch wieder als nützlicher Hintergrund erwies, eine Art Folie und Horizont. Im schreibhandwerklichen Teil gibt es demgegenüber einiges zu knabbern. Denn nicht nur muss man bei der Kritik an der eigenen Arbeit «ziemlich viel einstecken können», Samthandschuhe gehören nicht zur Dienstkleidung. Zudem aber sollen die Studenten auch bestimmten Schreib-Vorgaben folgen. «Aus produktionstechnischen Gründen» – das heißt, damit sie als Newcomer ihre Chancen für eine Aufführung verbessern, sollten ihre Versuche für eine möglichst kleine Besetzung geschrieben sein und auch im Übrigen möglichst nichts allzu Exzentrisches an sich haben. «Eine Menge Verbotsschranken», sagt Studlar ruhig. «Da verliert man leicht die Freude.»

Denn seine Maximen beim Schreiben sind ja völlig andere, und die stehen ziemlich konträr zur herrschenden Ausbildungs-Lehre. «Die Frage der Umsetzung» etwa darf, was ihn angeht, «den Autor nicht wirklich beschäftigen». Die ist Sache des Theaters, zumal «das eigene Bild, das man beim Schreiben vor Augen hat, auf der Bühne sowieso nie erreicht wird». Der Autor schreibt, das Theater inszeniert, so ist das, ganz einfach: verschiedene Sphären, gottseidank. Denn nur, wenn man als Autor eben nicht alles bis ins Kleinste und ganz bis zum Schluss in der Hand behalten will, «lernt man durch eine Aufführung für’s Schreiben schließlich auch immer noch was dazu». Also ist Bernhard Studlar schon ganz gern auch mal bei den Proben für seine Stücke dabei, aber auf die Dauer will er die Theater- Arbeit doch lieber dem Regisseur überlassen – «schon Fragen zu beantworten, ist heikel. Da fängt man an, sich selbst zu interpretieren und was festzulegen». Das ist nicht gut für’s Theater, und für den Autor, findet Studlar, jedenfalls ganz schlecht.

In diese Lage überhaupt zu kommen: das eigene Stück nämlich auf der Bühne zu sehen, ist im Studiengang «Szenisches Schreiben» allerdings eigentlich frühestens für die Abschluss-Phase vorgesehen – erst ganz am Ende der Ausbildung sollen die Schreib-Studenten ein komplettes Stück vorlegen. Das findet Bernhard Studlar nun schlichtweg «absurd». Folglich hat er’s anders gemacht. Und auch dabei wieder Glück gehabt.

Jetzt fang’ ma mal an

Glück zum Beispiel, in seiner Ausbildungsgruppe auf jemanden zu treffen, der die Dinge ähnlich sieht, und für den, wie für Studlar selbst, das Produzieren oberste Priorität hat: seinen nachmaligen Kompagnon Andreas Sauter. Da stehen also keine Originalgeniestreiche auf der Tagesordnung, sondern erstmal nichts anderes als «sich ausprobieren», und das so vielfältig wie möglich. Neben ihrer Ausbildung fingen Studlar und Sauter an, zusammen zu schreiben – «bis wir mit &Mac220;A. ist eine andere&Mac221; fertig waren, war das sozusagen unser Hobby». Aber was heißt das: zusammen schreiben? Na, halt das, was es sagt: Nicht jeder für sich im eigenen Kämmerlein, und dann werden die Einzel-Teile möglichst reibungslos zusammengeschraubt. Sondern, vom Ausbrüten der Idee an bis hin zum Schreibprozess, eben einfach alles zusammen machen. Und das ohne Druck, bittesehr, mit möglichst viel Zeit.

Da können dann zwischen der gemeinsamen Idee und dem Schreibbeginn allein schon mal etliche Wochen vergehen, Wochen, in denen nur Material zusammengetragen wird. Bis einer schließlich sagt: «Jetzt fang’ ma mal an.» Und dann wird «wild drauflos» geschrieben, «ohne Zensur», und manchmal, sagt Studlar, ist man dann schon erstaunt, in welche Richtung sich der Schreibprozess plötzlich bewegt. Aber warum auch nicht? Vielleicht kann man’s am Ende doch gebrauchen. In diesen «intensiven Schreibphasen zwischen zehn und sechzehn Uhr» – in der Zeit ist Andreas Sauters kleine Tochter nämlich im Kinderladen – kommt eine Menge Textmaterial, ein ziemlicher Wust, zusammen. Aber: «Viel schreiben ist gut gegen Textscheu und Blockaden. Man macht halt mal was -– einfach machen!» Und sobald man weiß, wie der Text endgültig laufen soll, weiß man dann eben auch, wieviel vom zusammengeschriebenen Ideen-, Rollen- und Wort-Material man schließlich wieder entsorgen kann.
Eine gewissermaßen natürliche Folge dieser Wildschreibmethode ist folglich das «Wegschmeißen», sehr hilfreich auch das gegen Kopf-Krämpfe: eine Entlastung von Überflüssigem, keineswegs eine zähneknirschende Verabschiedung.

Wenn sie etwas für sich allein schreiben, sind Sauter und Studlar für einander «die ersten Leser» – in der Zusammenarbeit dagegen «sind wir wie ein dritter Autor». Und der besetzte im Laufe der Ausbildungsjahre übungs- wie spaßeshalber so viele Felder, so viele Genres wie möglich, wobei auch hier, wie es scheint, immer die eine Form geradezu pflanzenartig aus der vorigen hervorgegangen ist. War «A. ist eine andere» ein Fünfpersonenstück über «jemanden, der eine Konsequenz zieht» und sich umbringt, worauf dessen nächste Menschen herauszufinden versuchen, wie es dahin wohl kommen konnte, ist die folgende Trashklamotte «All about Mary Long» die komödiantische Antwort, ja fast schon Parodie, auf die Debüt-Idee vom lebensernsten Biographie-Spiel. Erstens nunmehr mit Gesang – die Musik stammt übrigens, weil sich auch persönlich bei Studlar immer wieder eins mit dem anderen zu verschlaufen und verhakeln scheint, von Gilbert Handler, eben jenem am Reinhardt-Seminar abgelehnten Schauspielschüler, der ins musikalische Fach wechselte. Zweitens mit ca. 20 Personen, die aber, pragmatischerweise, von insgesamt 8 Schauspielern dargestellt werden können (soweit haben die theaterpraxisorientierten HdK-Lehren dann ja doch ungefähr gegriffen).

Die Stück-Idee übrigens kam auf die typische Sauter-und-Studlar-Art zustande. Da waren sie nämlich doch gerade in der Schweiz, und da fiel ihr Raucher-Blick auf eine Zigarettenpackung der Marke «Mary Long», auf der wiederum abgebildet: ein Frauenporträt – «und da interessierten wir uns halt für die Biographie der Frau auf der Packung», alles ganz einfach eben. Herausgekommen ist ein wüstes Stück über das Geilsein auf Erfolg, Geld und Ruhm, in dem «Fred der Flutscher» eine ebenso gewichtig-undurchsichtige Rolle spielt wie «Günter, ein Spezialagent in Zivil aus Bremen» oder «Jack Schwanzer alias Arschgesicht, ein Reporter», und der Inhaber eines Waffengeschäfts konsequenterweise «Wilfried Gott» heißt. Es wird gesoffen, gekokst und gebumst grad als wie im wirklichen Leben, und für den Universalgelehrten Doktor Streusand hat der Fall der Dame von der Zigarettenschachtel «seine Wurzeln im Emmentaler Ödipus. Löcher...»

Man kann das Kichern von Sauter und Studlar förmlich mithören, wenn sie – die Szene spielt hier in Japan – statt «Sayonara» schon mal «Zabaione» ins Textbuch schreiben, aber nach dieser jahrmarktshaften Moritat mit jeder Menge Slapstick musste es als nächste Übung dann doch wieder ganz etwas anderes sein: ein «Stück o h n e Geilheit» folglich als «Gegenprogramm zu &Mac220;Mary Long&Mac221;». Die traurige Geschichte des Patentamts-Angestellten Fiege nämlich, über den es völlig zu Recht heißt: «Sein Leben ist fad. Er ist fader.» Tragisch-sinnlos gestorben wird auch hier, wie schon in «A. ist eine andere» und «All about Mary Long», und zum dritten Mal geht es in «Fiege» auch um einen Durchschnittsmenschen, der seine Wünsche entdeckt, und Musik gibt es auch, wiederum, natürlich, von Gilbert Handler.

Ist Musik also ein integraler Bestandteil der gemeinsamen Schreibarbeit geworden? Ja, sagt Bernhard Studlar, schon – «Musik spielt eine wichtige Rolle, als Inspiration». Allerdings: Comedy und Farce, bei denen sie den Musikerfreund zum Mitmachen eingeladen hatten, um etwas Schwung in die Sache zu bringen, waren natürlich nur «eine Phase», eine Etappe im Ausprobieren unterschiedlicher Formen, Stile, dramatischer Metiers. In der nächsten Arbeit etwa stammt die Musik von Pergolesi, «Stabat mater», und das erst noch zu schreibende Stück ist eine Auftragsarbeit des Theaters am Neumarkt in Zürich. Zu den beiden Sängern, die bei jeder Vorstellung live auftreten werden, sollen Studlar und Sauter hier parallel ein Schauspielerpaar erfinden. Das wird eine Handlung brauchen, «gar nicht so einfach», und Texte, die auf irgendeine Weise mit Pergolesi kommunizieren, «auch schwierig».

Im März 2002 muss das Stück fertig sein, allzu viel Zeit ist da nicht mehr, und Mitte Februar ist dann ja auch die Ausbildung an der Hochschule der Künste beendet – glücklicherweise haben Sauter und Studlar ihre Einzel-Stücke, die formell den Abschluss bilden, schon fertig: Andreas Sauter mit «Liza, am letzten Abend bauchfrei» so etwas wie eine kühle Sozialstudie mit schnellen Schnitten und kurzen Szenenfolgen, ganz in der Machart der bisherigen Studlar-Sauter-Gemeinschaftsproduktion, deren Kennzeichen darin besteht, dass die Schauspieler aus ihren Rollen immer wieder heraustreten, um die jeweilige Situation, aber auch Kommentare
und Meinungen anzusagen, bevor die Spielhandlung weiterläuft. Und Bernhard Studlar also mit seinem preisgekrönten «Stück Wien»: «Transdanubia Dreaming».

So a Apfelstrudel is ka Lercherl

«Viel früher hätte ich gar nicht beginnen können», bemerkt Bernhard Studlar im Rückblick auf seine ja nicht allzu lang zurückliegenden Anfänge als Theaterautor im Frühjahr 1998. «Man braucht eine ganze Menge Erfahrung und Selbstvertrauen, wenn man nicht im ichbezogenen Geschreibe versacken will. Und was man begriffen haben muss: Man selbst ist nur ein Zaungast von Welt.»

Als gleich zweifacher Zaungast – als Österreicher im freiwilligen Berliner Exil wie als Augen- und Ohrenzeuge realexistierender Kneipenszenen im doch immer noch irgendwie horváthschen Wienerwald – hat Studlar denn auch «Transdanubia Dreaming» geschrieben. Dass ausgerechnet eine österreichische Speditionsfirma in diesem Titel eine prominente Rolle spielt, ist dabei sicherlich alles andere als ein Zufall: Es geht hier um Studlars eigenes Weggegangensein. Am «historischen Wohnort» in Berlin, in der Wohnung am ehemaligen Grenzübergang Bernauer Straße nämlich, wo die abwesende Mauer dem Mieter Studlar mitsamt Kleinfamilie einen unverbaut freien Blick nach Osten geschenkt hat, nimmt das fernliegende Österreich für ihn offenkundig eine Position ein, die irgendwo zwischen einer cäsarianischen «Gallia Transalpina» und Bram Stokers «Transsilvanien» liegt.

Zwar ist Berlin ihm heute deutlich angenehmer als Wien, denn «in Wien ändert sich ja nichts, alle jammern und sitzen fest». Dennoch brauchte es nach drei Berlin-Jahren diesen alles noch einmal genau fixierenden «Rückblick aus der Ferne» – das Stück, mit dem Studlar sich von der Ausbildung als Schreib-Student verabschiedet, ist vor allem eine Bilanz seiner inneren Verabschiedung von Wien. Von «e i n e m Wien», setzt er schnell hinzu, von demjenigen nämlich, das ihn denken lässt: «Ihr seid’s eigentlich Idioten. Aber wie ihr’s macht, ist’s ja auch schon wieder gut.» Um ein Wien von innen wird hier also nicht gebeten, eher wird hier das innere Wien aus der Distanz angeschaut, mit all den originalen «Gastgarten-Tönen» im Kopf, vom Beobachter ein gutes Stück weggeschoben – nach Trans-Danubien eben, hinter die sieben Berge, von denen sich’s dann umso besser, grausliger träumen lässt.

«Um ein Kapitel abzuschließen, nicht als Abrechnung», hat sich Studlar ans «Transdanubia Dreaming» gemacht und die Dialoge «hingeschrieben, wie ich’s gehört hab’». Denn dazu zwingt das Leben in der Sprach-Diaspora: mit der Sprache extra-genau zu sein und innerlich intensiv hinzuhören. «Ich beweg’ mich im Halbkreis um den Gastgarten und hör’ die Leute reden» – Studlar weiß genau, wie es im konkreten Vorbild für das «Ausflugsgasthaus Prinoszil» und am Kebabstand «Döner-Sheriff» am Donauufer zugeht, weiß, wie die Wiener Taxifahrer und was die Witwen reden, die ihre lästigen Gatten nicht ohne eigenes Zutun verloren haben, und wie das Idiom von in Wien lebenden Türken klingt (schließlich ist sein Schwager selbst ein Wiener Türke): Ihr Wiener Dialekt ist passgenau, aber er sitzt auf einer türkischen Satzmelodie.

Der Versuch, die auf dem Papier nachzuahmen, würde zwangsläufig ebenso schiefgehen wie das Nachschreiben von Real-Dialogen, in denen Jugendliche vor sich her sagen, dass sie einander nicht lieben, es aber doch am allerschönsten ist, wenn sie für immer zusammen bleiben, oder ein vom Leben mit Hässlichkeit und Einsamkeit geschlagener Stadtgärtner sein Herz an eine blondgefärbte Postangestellte verliert, die ihn (zunächst einmal) zum Verzehr der köstlichen Schmalzbrote vom Herrn Josef verführen will. Weil Studlar das alles klar ist, muss er aus den Reden seiner Figuren die wahre Kunstsprache heraushören, die transportieren kann, was sie sagen – und damit eigentlich meinen. Und er muss überdies die Szenen so zu- und aneinander schneiden, dass auch nicht- österreichische Zuschauer ohne weiteres verstehen, weshalb es im Rest-Kakanien des 21. Jahrhunderts noch eine stete Nachfrage nach «Inländertaxis» gibt, deren Passagiere sicher sein wollen, dass kein Ausländerhosenbein sich je an deren Polstern gewetzt hat. «Schrecklich des mit Ihrem Gatten», sagt da also der Wirt des Ausfluggasthauses Prinoszil zur Postangestellten Jennifer, deren Heinzi soeben kopfüber und letal kellertreppabwärts gegangen ist. Und sie, die im übrigen aus Lebenserfahrung auch weiß: «So a Apfelstrudel is ka Lercherl», gibt dem verliebten Wirt eisklar zurück: «Für ihn schon.»

Während der unglückliche Fredi, sich nach durchzechter Nacht am Donauufer vor dem abgefackelten Dönerstand wiederfindend, ganz stereotyp zuerst aus dem austriakischen Selbstzitatenschatzkästlein grunzt: «I steh allan in der Wöd», bevor er einfach «Scheiße!» schreit und «Hilfe!» – und dann wegrennt. Da hat Studlar also überhaupt kein Volksstück geschrieben, weder ein Horváth- noch ein Kroetz-Remake, mit dem etwa die Sitten fremder Provinzialstämme in Gallia Cisalpina schneidend oder melancholisch auf der Bühne ausgestellt werden könnten. «Transdanubia Dreaming», in dem über Einsamkeit und Heimat mit derselben mild-einfühlsamen Bosheit gehandelt wird wie über das Verhältnis der depravierten Kneipeninsassen zu Krüppeln, Nazis, Juden und Ausländern, über Tod, Liebe und die Leidenschaft zu Zigarretten, ist vielmehr eine Komödie, die, wenn überhaupt an irgendwen, an die Dialog-Prosa der jungen Jelinek erinnert: ein schwarzes Stück Sanftheit, weil das Böse und der Grusel halt der ganz einfache Alltag sind und alle halt so mit einander hinleben mit ihren Leichen und Almdudlern: «Was wollen’s denn? Unsereins weiß eh, dass aus sein Leben nie was werden wird. Also was wollen’s überhaupt denn dann? (Pause) Ein zweiter Frühling. Mehr verlang ich doch gar nicht.»

Ein selbstbewusstes Ade

Studlar bleibt Studlar, ein Experimentator. «Mal was anderes ausprobieren» wollte er mit «Transdanubia Dreaming» und daher zur Abwechslung jetzt also «ein richtiges Theaterstück» schreiben mit all den «verschiedenen Klängen von Sprache», mit Regieanweisungen und Dialogen, in denen nichts und niemand sich selbst noch zusätzlich kommentieren darf. In dem Sinne und im Vergleich zu seinen Ko-Operationen mit Andreas Sauter also eher was Konventionelles – jedenfalls von der äußeren Machart, keineswegs aber von den Anforderungen ans Theater oder die Schauspieler her. Denn dies Stück, das, ganz und gar studlartypisch, fertig geschrieben wurde in exakt den vierzehn Tagen, in denen der Schreibkompagnon auf Urlaub war (man arbeitete gerade an «All about Mary Long»), ist natürlich nicht auf einer Studiobühne mit 99 Plätzen zu machen. Das weiß der Ex-Dramaturg eines größeren Hauses. Und es beschäftigt ja auch durchaus mehr als die in der Schreib-Ausbildung empfohlenen vier Schauspieler: «Transdanubia Dreaming» braucht Raum und Weite, elf Rollen sind zu besetzen, und mit dem Kunstdialekt muss man da auch erst nochmal fertig werden.

Das Gesellenstück für die Hochschule der Künste sagt deren Lehr- und Glaubenssätzen, nach denen ein Theater erst dann für einen jungen Autor zu interessieren ist, wenn er sich klein und bescheiden macht, auf diese Art ziemlich selbstbewusst ade: Bernhard Studlar, wie bisher noch immer, versucht es anders. Und fände es natürlich «schön», wenn nach den erfolgreichen Aufführungen der vorherigen Sachen anderswo (zuletzt «A. ist eine andere» am Deutschen Schauspielhaus Hamburg) «auch mal was in Berlin gezeigt würde». Wo es ja Leute geben soll, die mit dem Österreichischen eine besonders intime Geschichte haben. Die «Transdanubia»-Sprache jedenfalls, davon hat Studlar sich bei der szenischen Lesung anlässlich des Berliner Stückemarkts überzeugen können, muss kein Hindernis für eine Aufführung im trans-austriakischen Sprachraum sein. «Einfach machen», Studlars eigene Arbeits-Maxime, wäre für eine «Transdanubia»-Umsetzung auf dem Theater da bestimmt auch nicht die schlechteste Probendevise – die Lust der Theaterleute am genauen Hinhören und Imaginieren der symbolisch-kakanischen Szenerie mal vorausgesetzt. Die «fließenden Wechsel» und «fließenden Übergänge», die Bernhard Studlars Genese vom Wiener Studenten und Kindertheaterdramaturgen zum preisgekrönten Berliner Dramatiker bisher gekennzeichnet haben, werden hier aber bestimmt auch noch einen fließend glücklichen Ausgang schaffen.

Und für ihn selbst – wie geht das weiter? Wenn er im Februar 2002 seinen Abschluss als Szenischer Schreiber einer deutschen Hochschule in der Tasche hat, entfällt die Verpflichtung, in Berlin zu bleiben, und die Anforderung an die eigene Schreibdisziplin steigt dem entsprechend, die nach dem richtigen Schreib-Ort konkretisiert sich. Dann kann Bernhard Studlar sich seine Arbeit selbst einteilen, Angefangenes liegen lassen, es wegwerfen, weiter schreiben, ganz wie er’s will – das ist die gute Seite. Aber «Sicherheit ist nicht gegeben», das ist die wacklige. Ein paar Tantiemen kommen mittlerweile schon zusammen, das Preisgeld ist eine Hilfe (aber Tochter Anna ist ja auch gerade mal erst ein Vierteljahr alt). Und was für ein Medium ist denn das eigentlich überhaupt, zum Teufel: Theater?! Bisher hat sich immer alles «halt so ergeben»: Studium, Dramaturgie, Schreib-Studium, Theater-Erfolge, Preise, ein Verlag, all die Kontakte, die man nutzen, pflegen oder schleifen und verkümmern lassen kann. Wie wird das dann weiter gehen?

Seine österreichisch-einheimischen Sprach-Vorbilder, sagt Bernhard Studlar und trinkt den letzten Schluck seines Grünen Veltliner aus: H.C. Artmann, Ernst Jandl, Thomas Bernhard, «die sind ja alle schon tot». Brecht – der frühe sagt ihm was – und Horváth ebenso. Und sein nächstes Stück, eine Szenenfolge, die den Arbeitstitel «Sonne. Wolken. Amerika» trägt, steht unter einem Motto aus James Salters Roman «Lichtjahre»: «Es ist alles ein einziger langer Tag, ein endloser Nachmittag, Freunde gehen fort, wir stehn stehen am Ufer.» Abschiedsbewegungen. Einen Bernhard Studlar allerdings, einsam am verlassenen Ufer stehend und nur noch zu den Abfahrenden hinüberwinkend, kann man sich schwer vorstellen. Vielleicht winkt er nach «Transdanubia» hinüber, vielleicht auch nach Berlin. Aber bestimmt hat er schon wieder eine neue Materialsammlung im Kopf. Und der Schreib-Kompagnon wartet schon. Und er, Bernhard Studlar, wird dann trotzdem vielleicht Prosa schreiben: «Einfach machen!» Das kann man sich gut vorstellen. Er übrigens auch.
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