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FOYER Barbara Burckhardt Business as usual? Ein Ausblick auf die neue Spielzeit – nach dem 11. September EINAR SCHLEEF Günther Rühle Theater muss weh tun Einar Schleef – die Gegenkraft im Theater. Ein Nachruf Einar Schleef Zur Raumtheorie Über Horst Sagert, Heiner Müller, den Frankfurter Fassbinder-Skandal und den Brand der Oper – aus den Tagebüchern ADOLF DRESEN Henning Rischbieter Der Fall Kohlhaas Zum Tod von Adolf Dresen SALZBURG Franz Wille Salzburg geben, was Salzburg gebührt Frank Baumbauers Abschied: Claus Peymann inszeniert Christoph Ransmayrs «Die Unsichtbare» und Calixto Bieito Shakespeares «Macbeth» Andres Müry Standesamtlicher Klassenkampf Mozart à la Marthaler: «Die Hochzeit des Figaro» AUFFÜHRUNGEN Ulrike Kahle Er hat zur Bärin mich gemacht! Thomas Bischoff schickt das Schauspiel Hannover in Kleists «Hermannsschlacht» Simone Meier Die Aktualität des Vorgestrigen Stefan Bachmann eröffnet die Saison in Basel mit Max Frischs Deutschstunden-Klassiker «Biedermann und die Brandstifter» TANZTHEATER Edith Boxberger Planquadrat Schaubühne Sasha Waltz erforscht das Innen und Außen des Mendelsohn-Baus Franz Anton Cramer Das indische Unterfutter Michael Laubs «Total Masala Slammer – Heartbreak No. 5» beim Internationalen Tanzfest Berlin INTERNATIONALE FREIE SZENE Eva Behrendt Klümpchen in der Mayonnaise Das 22. Zürcher «Theaterspektakel» NEUE STÜCKE Frauke Meyer-Gosau Arbeit! Liebe! Verzweiflung! Das Politische kehrt zurück: Kleiner Rundflug über zeitgenössische dramatische Versuche, gesellschaftliches Unglück zu beschreiben DAS STÜCK Theresia Walser Die Heldin von Potsdam (Stückabdruck) Franz Wille Nischenbewohner auf Treibsand Volker Hesses Berliner Uraufführung der «Heldin von Potsdam» DATEN Premieren im Oktober TV-Theater MAGAZIN «Antigone» in Epidauros ·· Sommertheater auf der Berliner Museumsinsel ·· «Die Wüste lebt» auf Kampnagel ·· Das Theaterbuch des Jahres ·· Diedrich Diederichsen: Geräusch & Kulisse ·· Hinweise VORSCHAU/IMPRESSUM
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Auf dem Titel |
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Wer ein Stück zu kennen glaubte, musste es nach einer Inszenierung von Einar Schleef neu sehen. Das mochte nicht jeder. Günther Rühle, der als Intendant in Frankfurt/M. von 1985 bis 1990 Schleef an sein Theater holte, lässt dessen Werk noch einmal Revue passieren. – Über den Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler, der immer ein Störfall blieb, alle Umarmungsstrategien vereitelte und von dem die Erinnerung bleiben wird, dass Theater auch anders geht. Titelfoto David Baltzer
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Foyer |
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Business as usual? Ein Ausblick auf die neue Spielzeit – nach dem 11. September Von Barbara Burckhardt Wie ein Heft beginnen, das entsteht, während in New York Tausende von Leichen aus dem Hochhausschutt geborgen werden und keiner weiß, was die nächste Zukunft bringen wird? Kann man tatsächlich ungerührt wie jede Saison beginnen mit einem Blick auf das, was bunte Broschüren, gedruckt im wohlgemuten Gefühl unwandelbarer Sicherheit, als Pläne für die neue Theatersaison kundtun? Wie unangemessen klingen plötzlich große Intendantenworte, die das «Unberechenbare und Unvorhergesehene» beschwören – wie grauenvoll ist plötzlich eingetreten, was gratiskühne Worte waren. Nichts wird mehr sein, wie es war – tatsächlich? Werden sie jetzt auf den Kopf gestellt werden, die schönen Pläne, mit alten und neuen Stücken «gegen alles Zaghafte und Unkonzentrierte» (Bernd Wilms, neuer Intendant des Deutschen Theaters) vorzugehen, das Theater in «kühnes Träumen, scharfe Analyse, verführerisches Schweben» (Volker Hesse, der Neue am Maxim Gorki Theater) zu versetzen? Nicht sehr wahrscheinlich. «Sinn» fordern vehement Elisabeth Schweeger, neu in Frankfurt, und Holk Freytag, ab sofort Dresden. Woher nehmen, wenn die Wirklichkeit Symbolbilder liefert, die keine künstlerische Phantasie einholen kann? Werden wir in ein paar Wochen zum business as usual zurückgekehrt sein? Weil der Ausnahmezustand nur sehr begrenzte Zeit zu ertragen ist? Weil uns nichts Besseres einfällt? Ein Blick auf die Broschüren, auf diese ungemein vernünftigen Spielpläne, im Spagat von Altbewährtem im Großen Haus und ein paar Novitäten in den kleineren Kammern. Da gibt es die Selbstbewussten, die der Erfolg ihrer Häuser gelehrt hat, was gut geht. Die Klassiker also, inszeniert von großen Namen, wenn man sie denn hat. Die Wiener Burg kann Peter Zadek ins Feld führen mit Marlowes «Jude von Malta» und Andrea Breth, die «Maria Stuart» inszeniert. Im Akademietheater belebt Luc Bondy Schnitzlers «Anatol», und, vergleichsweise gewagt, Castorf-Adept Sebastian Hartmann Brechts «Puntila». Gediegen auch Dieter Dorns erste Spielzeit am Münchner Residenztheater. Mit dem «Kaufmann von Venedig» eröffnet er selbst die neue Intendanz und wagt sich dann ans gemäßigt Moderne: mit Botho Strauß' «Pancomedia» und Don DeLillos «Der Tag Raum». Der neue Hausregisseur Elmar Goerden widmet sich Roland Schimmelpfennigs «Vor langer Zeit im Mai», bevor er sich Peter Handkes schon fast vergessenem Mysterien-«Spiel vom Fragen» zuwendet. Franz Xaver Kroetz inszeniert «Der Bauer als Millionär». Und natürlich gibt es auch hier, wie überall, Yasmina Rezas »Drei Mal Leben». Da kann fast nichts passieren. Klassikeroffensiven am ungewohnten Ort Einiges Unerfreuliches ist in Hamburg und Basel in der letzten Spielzeit passiert, und die jungen Stürmer, die dort am Ball sind, haben flugs umgedacht und sich der Rezepte besonnen, die in München und Wien die Zuschauer ins Theater locken. Also gibt es in Basel die Renner der Saison, «Drei Mal Leben» und Igor Bauersimas «norway.today», dann «Hamlet» (Regie: Stefan Bachmann), «Dantons Tod», vermutlich nicht ganz vom Blatt inszeniert von Nicolas Stemann, und den «Tod eines Handlungsreisenden» von Lars Ole Walburg. Auf junge Regisseure an alten Stücken setzt auch Tom Stromberg am Deutschen Schauspielhaus. Eine Klassikeroffensive mit den «Räubern» vom vielgefragten Sebastian Hartmann, «Clavigo» von Jan Bosse, «Leonce und Lena» von Stefan Pucher, «Maria Stuart» von Ute Rauwald, einer «Frau vom Meer» von Sandra Strunz, die es aus der Freien Szene auch nach Frankfurt und Hannover katapultiert hat, und dem «Sommernachtstraum» des Erfolgsteams Julian Crouch und Phil McDermott, deren «Struwwelpeter»-Adaption landauf, landab die Spielpläne ziert. Immerhin wird auch René Pollesch mit einem Auftragswerk in Hamburg an seinen «www-slums»-Erfolg anknüpfen (in Stuttgart ist er jetzt mit «Smarthouse» angekommen). Ulrich Khuon am Thalia Theater setzt auf eine unwesentlich ältere, aber schon erprobtere Regie-Generation: Martin Kusej inszeniert Marlowes «Edward II.», Jürgen Kruse O'Neills «Gier unter Ulmen», Andreas Kriegenburg Jacques Préverts Film-Klassiker «Kinder des Olymp» (und ein neues, noch namenloses Auftragswerk seiner Leib- und Magen-Autorin Dea Loher). Neustarts in Berlin Michael Thalheimer gehört seit seinem Thalia-Erfolg mit «Liliom» in der letzten Saison zu den meistgefragten Regisseuren der beginnenden. Er inszeniert nicht nur am Thalia-Theater «Kabale und Liebe», sondern gehört auch zur neuen Crew am Deutschen Theater Berlin, wo er mit «Emilia Galotti» zum Eröffnungsreigen beiträgt. Bernd Wilms hat neben Konstanze Lauterbach («Bluthochzeit»), Peter Wittenberg («Antigone») und dem jungen Jan Jochymski («Der Leutnant von Inishmore») auch den alten Wilden Hans Neuenfels an sein Haus gebunden und strebt die längst überfällige Ost-West-Versöhnung eines sehr gemischten Ensembles an. Neuenfels inszeniert «Titus Andronicus» und «Totentanz», selbstredend mit Elisabeth Trissenaar. Der ubiquitäre Robert Wilson zeigt mit Christian Grashof in der Titelrolle die Film-Adaption «Das Cabinet des Dr. Caligari», von Thomas Brussig gibt es einen Fußballtrainer-Monolog mit dem dunklen Titel «Leben bis Männer», Oliver Bukowski entwickelt in Improvisationen zusammen mit Jan Jochymski ein neues Stück, der Filmemacher Andreas Dresen sinnt in »Alpha» über die 68er und die RAF nach, und Lars Norén, als Autor auf diversen Spielplänen vertreten, inszeniert am DT zum ersten Mal in Deutschland selber, ein eigenes neues Stück: «Tristano». Wilms' Nachfolger am Maxim Gorki-Theater, Volker Hesse, lässt Wilms' Vorgänger am DT, Thomas Langhoff, «Iphigenie» inszenieren und hat sich auch dessen Kassenmagneten Katharina Thalbach gesichert. Sie schickt »Penthesilea» aufs Schlachtfeld der Liebe und spielt selber die Titelrolle in Theresia Walsers Eröffnungsuraufführung «Die Heldin von Potsdam» (abgedruckt in diesem Heft), auf die ein Start-up-Stück des Rap-Poeten Raphael Urweider in der Regie von Samuel Schwarz folgt: «Neue Mitte». Mit zwei Stücken von Peter Turrini erfüllt Claus Peymanns Berliner Ensemble sein Uraufführungssoll: CP selbst inszeniert «Da Ponte in Santa Fé», Philip Tiedemann «Ich liebe dieses Land». Klassisch kommt Peymann seinem Publikum mit «Torquato Tasso» und «Macbeth». Da müssen sich die Zuschauer entscheiden, denn den Shakespeare hat auch die Schaubühne im Programm, in den Händen von Christina Paulhofer. Neben zwei Tanzproduktionen von Sasha Waltz setzt Ostermeier weiterhin auf neue Stücke: Den meistgespielten Uraufführungs- autor der Saison, Jon Fosse, zeigt Regieassistent Wulf Twiehaus mit «Traum im Herbst», Dramaturg Roland Schimmelpfennig steuert «Push up 1–3» bei, und Thomas Ostermeier inszeniert nach »Unter der Gürtellinie» seinen zweiten Richard Dresser, «Better Days». Neue Stücke in Bochum und Frankfurt Noch besser kann es überall werden, sogar in Bochum. Dort zeigt Niklaus Helbling Dressers Arbeitslosen-Komödie. Auf Matthias Hartmanns Spielplan stehen diverse Uraufführungen: Albert Ostermaier konstatiert «Es ist Zeit. Abriss», Regie: Hartmann, der auch ein neues Stück bei Moritz Rinke in Auftrag gegeben hat. Dramaturg Thomas Oberender sucht, «Geschäft und Leidenschaft» zu verbinden, Lukas Bärfuss zeichnet «Vier Bilder der Liebe», und Alan Ayckbourn treibt in «Haus und Garten» sein perspektivreiches Wesen. Auf unvertrauteres Terrain wagt sich Elisabeth Schweeger, Neu-Intendantin am Schauspiel Frankfurt. Sie eröffnet mit einem Projekt des Filmemachers Peter Greenaway, der mit Sascha Boddeke «Gold/ 92 bars in a crashed car» auf der Spur ist, fährt fort mit Daniel F. Galouyes «Simulacron – 3», lässt André Wilms Kaurimäkis Film «La vie de bohème» und, noch ein Ostermaier, «Katakomben» auf die Bühne bringen. Sie hat auch Christoph Schlingensief im Programm, der seine mit dem Zürcher Gründgens-«Hamlet» gelegte Spur weiterverfolgt und zehn Klassikerinszenierungen der fünfziger Jahre auf ihre Erfolgsrezepte abklopft: «Der Kongress rechnet». Vorher allerdings noch macht sich everybodys darling Christoph Schlingensief an seinem Stammhaus, der Berliner Volksbühne, an Orson Welles' «Citizen Kane» und nennt das Unternehmen nach der geheimnisvollen Schneekugel im Film «Rosebud». Frank Castorf selber inszeniert eine Ausgrabung aus den zwanziger Jahren, Friedrich von Gagerns «Ozean», Johann Kresnik vertanzt zur Abwechslung «Picasso», Sebastian Hartmann untersucht Christa Wolfs Roman «Der geteilte Himmel» auf seine Bühnentauglichkeit, und Christoph Marthaler treibt es biblisch mit den «Zehn Geboten». Die Drehscheibe: München-Zürich-Hannover Womit wir uns dem schlussendlichen Höhepunkt der Zürich/ München/Hannover-Connection nähern, die mit Frank Baumbauers Dienstantritt an den Münchner Kammerspielen zu voller Blüte gelangt, mit manchen Koproduktionen und Überschneidungen von Autoren und Regisseuren. Am eigenen Haus in Zürich setzt Christoph Marthaler Franz Schuberts Liederzyklus «Die schöne Müllerin» ins Bild, bringt Thomas Hürlimanns Beziehungsstück «Synchron» zur Uraufführung und koproduziert mit den Münchner Kammerspielen Elfriede Jelineks «Sportstück»-Fortsetzung «In den Alpen». Stefan Pucher, eben noch Hamburg, inszeniert «Drei Schwestern» und «Heinrich IV.», Andreas Kriegenburg, abgewandert von Wien, betrachtet Ibsens «Stützen der Gesellschaft». Falk Richter geht mit Lars Norén in «Die Klinik», wo sich auch Sarah Kanes nachgelassenes Selbstmordstück «Psychose 4.48» abspielt, das Richter nach der Uraufführung durch Thirza Bruncken an den Münchner Kammerspielen in Zürich inszenieren wird. Luk Perceval, Baumbauers «Schlachten!»-Meister, zeigt nicht nur in Zürich in Koproduktion mit Hannover «King of Pain» nach Shakespeares «Lear», sondern inszeniert auch an den Münchner Kammerspielen Fosses «Traum im Herbst». Jon Fosses «Winter» wiederum hat sich in Zürich Jossi Wieler vorgenommen, der an den Münchner Kammerspielen anschließend Euripides' «Alkestis» vorführt. Christina Paulhofer bringt bei Wilfried Schulz in Hannover, wo sich die popmoderne Entdeckerfreude des neuen Dramaturgen Werner Feig, Ex-Intendant des Jungen Theaters Göttingen, bemerkbar macht, mit Moritz von Uslars «Schönem Mann» eine Uraufführung heraus und wird in München tätig mit einem nachgelassenen Koltès-Stück: «Sallinger». Eröffnet aber wird Baumbauers Intendanz in München lokalpatriotisch mit «Daphne von Andechs» von Herbert Achternbusch, der also den Kammerspielen treu bleibt und außerdem nach Hannover und an Anselm Weber die Uraufführung von «Pallas Athene» vergeben hat. Igor Bauersima hat im Auftrag von Hannover ein Stück über den Kunstmarkt geschrieben, «Futur de luxe», an den Kammerspielen hält man sich an «norway.today». Saisonbeginn. Traum im Herbst. Man sollte die Analogie nicht überstrapazieren: Jon Fosses Stück mit dem poetischen Titel nämlich spielt auf einem Friedhof und handelt vor allem von – den unerfüllten Sehnsüchten. Wieviele es davon in der beginnenden Spielzeit auch geben mag, wie sehr die Ereignisse der letzten Tage am Ende vielleicht doch Pläne verändert oder ihnen eine andere Dringlichkeit gegeben haben werden, wird man sehen. Aber fest steht bereits jetzt: Nach dem 11. September wird jede Normalität eine andere Normalität sein.
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Das Stück |
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Nischenbewohner auf Treibsand Volker Hesse eröffnet seine Intendanz am Berliner Maxim Gorki Theater mit Theresia Walsers «Heldin von Potsdam» Hinter den Sätzen in Theresia Walsers neuem Stück stehen keine Punkte. Höchstens Fragezeichen. Und dann und wann ein Ausruf. Für die «Heldin von Potsdam» hat sie den an die sieben Jahre zurückliegenden Fall einer arbeitslosen Frau aufgegriffen, verheiratete Mutter mit drei Kindern, die nach einem schweren Sturz im Krankenhaus behauptet hatte, sie habe eine alte Dame vor Skinheads beschützt. Nach fünf Tagen Medienkarriere, die ihr unter anderem 5000 Mark Belohnung von der «Bild»-Zeitung einbrachte, 1000 Mark von einem Radiosender und 200 Mark von der PDS, gestand die Frau, sie habe gelogen. Mehr muss man nicht wissen über den Fall, im Grunde nicht einmal das. Denn diese «Heldin» Paula Wündrich ist eine weitere Figur in der länger werdenden Reihe der Walserschen Unglücksspezialisten am diffusen Boden unseres Sozialrosts, wo niemand mehr sagen kann, ob jemand schon durchgefallen ist oder sich zwischen Jobs und Sozialhilfe noch eben so über Wasser hält. Der Rettungsring dieser Nie-Ganz-Untergeher ist ihre Sprache, ein Formulierungswille, der weiß, dass zwischen der Wirklichkeit und ihrer Beschreibung immer noch ein Millimeter Luft bleibt, dass noch der entschlossenste Begriff die Sache selbst nicht restlos in den Griff bekommt. Und dass oft schon die bloße Wortwahl eine andere Möglichkeit vor die Wirklichkeit schiebt. Mit ihrer Sprache schwingen sich Theresia Walsers Figuren immer wieder auf, aber vor dem Abheben in den poetischen Schein (und das Abgleiten in freundliche Harmlosigkeit) bewahrt sie unweigerlich die nächste prekäre Lage. Solche Nischenbewohner zwischen Wort und Wirklichkeit wollen nicht die Realität verändern. Aber sie beharren darauf, dass ihnen niemand den eigenen Blick auf die Wirklichkeit vorschreiben kann. Und dass die Grenzen zwischen der eigenen Interpretation und dem, was andere dann «Lüge» nennen, zumindest fließend sind. So eine «Wackelexistenz», für realitätsfürchtigere Zeitgenossen wie ihre Mutter auch ganz schnöde ein «Nonsenshirnchen», ist auch die Heldin von Potsdam, allerdings mit einem schwerwiegenden Unterschied. Sie hat ihren Interpretationsspielraum reichlich ausgedehnt, die Grenze zum Betrug eindeutig überschritten. Doch weil Theresia Walsers Überlebensredner ihr Talent zwar gelegentlich ein bisschen übertreiben, aber deshalb noch lange keine karriereversessenen Hochstapler sind, lässt sie dann selbst die Luft aus ihrem Erfindungsballon und gesteht. (Vielleicht dürfen Theresia Walser-Menschen auch in diesem Leben nicht gewinnen und führen ihr Unglück, wenn es nicht von selber kommt, halt selbst herbei.) Natürlich nicht ohne mit einem rhetorischen Taschenspielertrick noch eine moralische Paradoxie aus dem Ärmel zu ziehen: «Wäre meine Lüge in Wirklichkeit eine Wahrheit gewesen, so wäre es besser gewesen, wenn auch schlimmer.» Katharina Thalbach in der Titelrolle beißt in die Sätze wie in einen knackigen Apfel, ist aber sichtlich bestrebt, ihr übliches Rollenklischee der dauerpatenten Berliner Stehaufgöre für diesmal nicht überzustrapazieren. Erstaunlicherweise bleibt dann nicht mehr viel. Außer jener Sorte von versiertem «Schauspielerhandwerk», das für jeden Satz einen Gestus sucht, sich eine handliche Portion Sinn aus einer Geschichte nimmt, in einen fetten Schneeball formt und abwirft. Ihr Pech nur, dass die «Heldin von Potsdam» ihren Betrachtern ausgerechnet diesen ausweglos folgerichtigen Geschichten-Blick abgewöhnen will, der für alles einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. Und «Bild» 5000 Mark wert war. Aufschläge ins Aus Neben der wurfbereit leeren Mitte will das Ensemble nicht zurückstehen. Mit einer Nachdrucks-Sicherheit, die alle Zweifel an der Wirklichkeit in den Boden der Tatsachen stampft, nehmen sie sich ihrer Texte an: Wer gerade dran ist, holt unhörbar Luft, stützt ab und donnert dann eine Wortsalve nach der anderen im Vollbesitz seiner schauspielerischen Kraft Richtung Parkett. Jeder Satz ein Aufschlag – begleitet von der Erwartung, dass er unten mit Schallgeschwindigkeit einschlägt und der überrumpelte Zuschauer wehrlos lachen muss. Aus tausend punktlosen Walser-Sätzen machen die Schauspieler im Maxim Gorki Theater tausend Pointen-Services. Leider wird so ein punktloser Walser-Satz natürlich niemals im boulevardtechnisch abgezirkelten Lachfeld landen, sondern derart abgeschossen nur den ernüchternden Eindruck von Doppelfehler hinterlassen. Kein Tennisspieler kann sich das mehr als ein Dutzend Mal erlauben, wenn er eine Partie gewinnen will. Wie ein Zweieinhalb-Stunden-Match aus lauter Doppelfehlern aussieht, zeigt die Inszenierung von Volker Hesse. Dass die Welt für Paula Wündrich und ihre Freundinnen ein dehnbares Gebilde ist, das sich mal nach der einen, mal nach der anderen Seite bauscht und bäumt und zwischendurch wieder unfehlbar raschelnd in sich zusammenfällt, lässt Kazuko Watanabe ahnen. Ihr Bühnenbild ist ein schäbig zerknautschtes Etwas aus knittrig papierartigem Tuch, ein Fetzen-Kosmos aus der Mülltonne, sehr zählebig und hoch wandlungsfähig. Wer da auftritt, muss auf beweglichem Grund Stand halten. Und wer sich auf sicherem Grund fühlt, hat schon verloren. Je selbstgewisser einer da hinausgeht, umso verlogener kommt er zurück. Die beste Bühne für die «Heldin» – aufregender Treibsand. Diesmal hat er alle verschluckt. Franz Wille
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