THEATERheute
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Inhaltsverzeichnis
Inhalt
FOYER
Das geschenkte Haus
Ein Gespräch mit Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele,
über sein neues Festspielhaus, das Theatertreffen und andere Pläne


AUFFÜHRUNGEN
Henning Rischbieter Leichen pflastern seinen Weg
Frank Castorf bringt Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» nach Zürich
Franz Wille Klassik nach Noten
Thomas Ostermeier inszeniert an der Berliner Schaubühne «Dantons Tod», Jan Lauwers am Hamburger Schauspielhaus einen «Sturm nach Shakespeare»
Wolfgang Kralicek Let’s go crazy
Wedekinds immergrünes «Frühlings Erwachen» und ein neuer Wolfgang Bauer, «Café Tamagotchi», in Wien
Eva Behrendt Arbeit am Überdruss
Karin Henkel und Michael Thalheimer zeigen Gorki und Büchner in Leipzig


DEBATTE
Identität der Parolen
Ein Gespräch mit Omri Nitzan, Regisseur des Cameri Theaters Tel Aviv
Eckhard Franke Todesslapstick
Das Cameri Theater gastiert mit «Die Rebellen» von Edna Mazya in Frankfurt


AUSLAND ITALIEN
Peter Iden In einem anderen Land
Das Schauspielerpaar Franca Nuti und Giancarlo Dettori und Aufführungen von Luca Ronconi, Claudio Beccari und Cesare Lievi in Mailand und Brescia


PROJEKT STADTTHEATER
Renate Klett Hinter jeder Tür lauert eine Bühne
Ein Broadway in Estland - das Linnatheater in Tallinn


AUSLAND NEW YORK
Robin Detje In der Gute-Laune-Maschine
Edward Albee und Tom Stoppard off Broadway


SERIE THEATERGESCHICHTE
Günther Rühle Aufstand der Provinz
Carl Zuckmayers «Der Fröhliche Weinberg» vertreibt den Expressionismus


CHRONIK
Berlin Yasmina Reza «Drei Mal Leben»
Bonn/Düsseldorf Tschechow «Drei Schwestern» und «Die Möwe»
Esslingen Dacia Maraini «Mela»
Frankfurt Richard Wagner «Ring des Nibelungen»
Göttingen Alexa Hennig von Lange «Faster Pussycat! Kill! ... Kill!»
Hamburg Molière «Der eingebildete Kranke», Harold Pinter «Celebration»
Mannheim Marc Becker «U.S.-Amok», «Systemfehler» (Ensembleprojekt)


NEUE STÜCKE
Sibylle Wirsing: Totentanz auf Nummer sicher
Matthias Hartmann zeigt in Bochum Botho Strauß’ Hotelpanorama «Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia»
Andreas Wilink über Theresia Walser «So wild ist es in unseren Wäldern...»
Susanne Finken über Michael Rheinheimer «Eingewiesen» in Dortmund
Andreas Jüttner über Anna Langhoff «Unsterblich und reich» in Heilbronn
Wolfgang Kralicek über Oliver Ceslik «Cravan» im Grazer Schauspielhaus


DAS STÜCK
Dea Loher: Der dritte Sektor (Stückabdruck)


DATEN
Premieren im Mai
Festivalkalender
TV-Theater


MAGAZIN
Neues von Improbable und Deborah Warner in London ··
Pirandello und Wedekind komplett ·· Ein Film über Klaus und Erika Mann ·· Körpersprache im 18. Jahrhundert ·· Notizen


Vorschau/Impressum
Auf dem Titel
Worum geht’s den jungen und nicht mehr ganz so jungen Regisseuren in ihren aktuellen Inszenierungen? Kann Thomas Ostermeier mit «Dantons Tod» die Zweifel an der neuen Schaubühne ausräumen? Ist Jan Lauwers’ «Sturm» im Hamburger Schauspielhaus eine Lärmattacke auf geduldige Bühnenfreunde? Was fällt dem Theatertreffen-Wunderkind Michael Thalheimer zu «Leonce und Lena» ein? Und schließlich: Wie erklärt Frank Castorf den Zürchern «Berlin Alexanderplatz» (auf dem Titel mit Max Hopp und Bibiana Beglau)?
Alles und noch mehr in der aktuellen Ausgabe.

Titelfoto Sebastian Hoppe
Foyer
Das geschenkte Haus

Joachim Sartorius,
Intendant der Berliner Festspiele,
über sein neues Festspielhaus,
den Fortbestand des Theatertreffens und viele Pläne



Theater heute Wir sitzen hier in diesem frisch geweißelten Haus, der lange unbenutzten Freien Volksbühne, die Ihnen der ehemalige Staatsminister Naumann zum Antrittsgeschenk für die Berliner Festspiele gemacht hat. Ist das jetzt ein Glück, dass die Festspiele endlich ein eigenes Haus haben – oder doch eher eine Bürde?
Joachim Sartorius Mein vorherrschendes Gefühl ist Ungeduld. Ich laufe jeden Tag durch dieses noch leere Theater und denke: Wann geht es endlich los?
TH Wie heißt das Kind denn jetzt?
Sartorius Ich habe letztes Jahr mit so wortmächtigen Leuten wie Enzensberger, Grünbein und Volker Braun lange über einen Namen nachgedacht. Wir haben dann festgestellt, dass die wirklich guten Namen schon vergeben sind – selbst Kinos haben eine große Vorliebe für griechische Namen. Enzensberger schlug dann, halb im Spaß, Fasanerie vor, das haben wir verworfen. Jetzt heißt es ganz sachlich «Haus der Berliner Festspiele».
TH Was soll in dem großen Haus mit über 1000 Plätzen künftig passieren?
Sartorius Man würde heute sicher nicht mehr so ein riesiges Haus bauen, das dazu noch so ein starres Gefüge hat. Ich schaue schon mit einem gewissen Neid auf unsere Nachbarin, die Schaubühne, wo man sich variabel mal für 300, mal für 500, mal für 700 Zuschauer einrichten kann. Das geht hier nicht. Dafür ist es für große Tanzgastspiele, auch für zeitgenössisches Musiktheater sicher die schönste Bühne Berlins. Die Größe des Hauses zwingt zu einem Spagat: Man braucht relativ populäre Dinge, um das Haus wirklich zu füllen, ohne dass man seine ästhetischen Überzeugungen ganz über Bord werfen möchte. Meine insgeheime Passion gilt doch eher den avancierteren künstlerischen Projekten, für die man nicht so leicht 1000 Leute zusammen bekommt. Natürlich kann ich auch hinter dem Eisernen Vorhang auf der Bühne spielen lassen mit mobiler Bestuhlung, das ist eine Möglichkeit. Dann gibt es eine große Seitenbühne, und ich überlege, ob man da einen zweiten Eisernen Vorhang einbaut und einen zweiten Eingangs- und Ausgangsbereich. Das würde mich aber in eine verschärfte Konkurrenz zu Hebbeltheater, Sophiensälen, Hallesches Ufer bringen. Da muss man vorsichtig sein.
TH Welche Abgrenzungen zu oder Kooperationen mit diesen Häusern sind denn überhaupt vorgesehen, und wie weit gibt es da Gespräche?
Sartorius Ich rede mit allen, insbesondere mit Nele Hertling vom Hebbeltheater, denn natürlich sind die Programme ähnlich. Wir haben Bühnen – und da veranstaltet man keine Chemiekongresse. Ich glaube, dass wir schon einen Modus vivendi gefunden haben. Der hat zum einen mit der Größe zu tun. Viele Künstler, die das Hebbel-Theater gezeigt hat, haben aus Liebe zu Nele Hertling ihre Produktionen quasi zusammengeschoben für diese doch enge Bühne; die könnte man künftig besser bei uns zeigen. Umgekehrt ist es durchaus denkbar, dass wir etwa während eines thematischen Schwerpunkts bei den Festwochen ein Werk, das besser ins Hebbel-Theater passt, dorthin abgeben. Diese thematischen Setzungen, die auch künftig die Festwochen auszeichnen, machen Konkurrenz und Abgrenzung einfacher. 2003 wird es den Schwerpunkt «Moskau – Berlin in der 2. Jahrhunderthälfte» geben; für 2004 plane ich «Die Erfindung (oder die Neuerfindung) des Ich», ein Thema, das nicht nur mit der grassierenden Genom-Diskussion zu tun hat und die Festspiele als Ort der Erkenntnis und der Selbsterkenntnis definieren soll.
TH Wie sieht denn Ihr Etat in dieser Situation aus? Die von Dieter Kosslick geleitete Berlinale verschlingt ja schon einmal einen Löwenanteil des Festspielbudgets. Was bleibt Ihnen denn eigentlich übrig zur Bespielung dieses Hauses?
Sartorius Eine gute Frage. Wir bekommen seit Januar dieses Jahres 25 Millionen Mark von Herrn Nida-Rümelin – für diese Planungssicherheit bin ich dankbar –, dazu haben wir, worauf man stolz sein kann, rund zehn Millionen Mark Eigeneinnahmen. Ohne Drittmittel und Sponsoren sind das also rund 35 Millionen, von denen aber alleine fast 12 Millionen an die Berlinale gehen, die von großer nationaler und übernationaler Bedeutung ist. Ich habe 5 Millionen Mark Personalkosten, eigentlich wenig; vom Goethe-Institut bis zu den Opernhäusern bewegen sich die Personalkosten normalerweise um die 60, 70, 80 Prozent. Wir haben also noch Projektmittel, aber wir wissen auch: Internationale Gastspiele sind außerordentlich teuer. Wenn ich im übernächsten Jahr eine Forsythe-Retrospektive plane, dann weiß ich, was das kostet. Also: Das öffentliche Geld reicht nicht annähernd, um dieses Haus kontinuierlich zu bespielen. Wir werden das Haus zwischen den Blöcken, in denen wir es bespielen, offen halten für andere, sofern keine völlige Profilverwässerung eintritt. Da gibt es viele gute Gruppen, die Geld vom Hauptstadtkulturfonds bekommen und die ehemalige Volksbühne für den allergeeignetsten Ort für ihr Vorhaben halten – dann machen wir das, wenn es unsere eigenen Belegungspläne nicht tangiert. Dann gibt es den internationalen Aspekt, ein großes Interesse der Botschaften zum Beispiel, sich hier in Berlin kulturell zu präsentieren; vor allem die Länder, die die EU-Präsidentschaft innehaben, dieses Jahr Schweden, im nächsten Jahr Spanien, sind interessiert, ihr kulturelles Profil in der deutschen Hauptstadt zu zeigen.
TH Da kommen also Ihre alten Verbindungen aus dem DAAD und dem Goethe-Institut hilfreich ins Spiel.
Sartorius Ja. Obwohl ich mich gegen das Wort vom Old-Boys-Club wirklich wehre.
TH Die Idee, dass Joachim Schlömer das Haus mit einer Compagnie vier, fünf Monate im Jahr fest bespielen könnte, ist vom Tisch?
Sartorius Verglichen mit den Wiener Festwochen, die kein Jahrespensum zu bestreiten haben, sondern einen ganz präzise definierten Zeitraum von ein paar Wochen, ist unser Budget sehr begrenzt. Ich hatte mir gewünscht, drei bis vier Monate im Block abzugeben, zum Beispiel an die geplante zeitgenössische Tanzcompagnie, die hier auch eine Produktionsstätte errichtet. Ein reiner Gastspielbetrieb hat ja auch etwas Steriles. Die Vorstellung, dass es dann hier 18 Tänzer und Tänzerinnen gibt, die auch Stücke erarbeiten und in einem größeren Block pro Jahr drei bis vier Uraufführungen präsentieren, die hat mir sehr gefallen. Diese Idee war leider stark verbunden mit dem Opernreformkonzept, das mittlerweile moribund, wenn nicht schon tot ist.
TH Aber ist, dies alles mal zusammengenommen, dieses Haus nicht doch ein Danaergeschenk?
Sartorius Es ist in erster Linie ein wunderbares Geschenk. Die Festspiele haben erstmalig ein Gravitationszentrum für Theater, Tanz, Performance. Problematisch sind nur die Musikprogramme. Hier gehen wegen der akustischen Verhältnisse nur zeitgenössische Kammeroper oder Formen elektronischer Musik. Alles andere muss in die Philharmonie, in den Kammermusiksaal oder ins Konzerthaus.
TH Müssen denn alle Berlinale-Filme am Potsdamer Platz gezeigt werden? Für Filme kann man sich die Volksbühne ja durchaus vorstellen.
Sartorius Kosslick und ich haben Pläne, die Volksbühne im nächsten Jahr so auszustatten, dass es eine große Leinwand gibt. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass wir zum thematischen Schwerpunkt Moskau-Berlin hier sowjetische Propagandafilme zeigen. Das fände ich sehr spannend.
TH Womit wir bei den Inhalten wären. Wie wollen Sie denn, hier im Haus und über das Haus hinaus, die Festspiele neu positionieren? Oder ist das gar nicht nötig?
Sartorius Es gibt drei Hauptaufgaben. Die erste hat einfach mit der Metropole Berlin zu tun. Metropole sein, das ist auch eine Haltung: dass das Spannende, ästhetisch Neue, das irgendwo auf der Welt entsteht, nach Berlin eingeladen wird. Das sind die Impulse von außen. Das zweite ist, dass ich die Festspiele, die in der Vergangenheit oft etwas Retrospektives hatten, mehr auf das 21. Jahrhundert und die Zukunft ausrichten möchte. Es soll ein Laboratorium geben, wo neue ästhetische Formen, neue Sprachen gezeigt werden. Und das Dritte ist, dass wir die Beziehungen zu Mitteleuropa, auch zu Skandinavien und zum Baltikum, mit einer gewissen Stetigkeit in den nächsten fünf bis zehn Jahren verfolgen wollen.
TH Sie wollen das Theatertreffen beibehalten. Mit Ihrem Antritt ging eine dreijährige Jury-Periode zu Ende, Sie haben also die Chance, alles neu zu machen. Oder bleibt es doch beim Alten?
Sartorius Für mich ist eine Einladung zum Theatertreffen der deutsche Theaterpreis. Selbst sehr arrivierte Regisseure wie Luc Bondy und Claus Peymann freuen sich wie die Kinder darüber. Aber es ist auch eine Institution, für die man das Einladungskriterium «bemerkenswert» neu definieren müsste. Das geht vor allem durch eine Neubesetzung der Jury, mit der es sich vielleicht erreichen lässt, eher Inszenierungen einzuladen, die in die Zukunft weisen, die auf Entdeckungen setzen. Die nächste Jury wird jünger sein und einen anderen Blick auf das Theater haben.

Neue Jury-Konstellationen

TH Ihr neuer Mann fürs Theaterprogramm, Marcus Luchsinger, hat lange das Zürcher Theaterspektakel geleitet und ist eher mit der Freien Szene verbandelt. Ist das eine programmatische Wahl?
Sartorius Ja, das ist es. Ich habe mir in den letzten vier Jahren das Zürcher Festival angeschaut und finde es spannend, wie Luchsinger da Theater, Diskussion und auch Literatur miteinander verbunden hat. Er bringt ein ganzes Netz von internationalen Kontakten mit.
TH Wird sich etwas ändern an dem Modus, wie die Jury berufen wird? Bleibt es bei fünf Juroren für drei Jahre Amtszeit?
Sartorius Nein, das wird sich ändern. In der Bildenden Kunst ist eine Ein-Personen-Jury mit ihrer radikalen Subjektivität sehr spannend. Beim Theatertreffen geht das sicher nicht. Ich kann nicht Herrn Stadelmaier bitten, ein Jahr lang ausschließlich fürs Theatertreffen zu reisen. Ich denke, die ideale Zahl für die Jury ist sieben, damit man flächendeckend von Gera bis Graz, von Hamburg bis Luzern das deutschsprachige Theater sichten kann. Das lässt sich vielleicht noch nicht im ersten Jahr durchsetzen, weil es ja auch etwas mehr kostet, aber ab übernächstem Jahr hätte ich gerne sieben Juroren. Ich bin auch nicht der Meinung, dass eine Jury en bloc an- und abtreten sollte. Es scheint mir sinnvoller, dass etwa jedes Jahr zwei neue Mitglieder zwei alte ersetzen.
TH Sie sind ja unter Rahmenbedingungen berufen worden, die für Sie sehr glückhaft waren – und die sich sehr verändert haben. Berufen hat Sie Ihr Freund Michael Naumann, jetzt ist Julian Nida- Rümelin ihr oberster Dienstherr...
Sartorius Ich hätte mir gewünscht, dass Herr Naumann diese Legislaturperiode noch zu Ende macht. Der Staatsminister für Kultur ist nun der einzige Finanzier dieser Festspiele, also eine sehr wichtige Bezugsperson. Ich kenne Herrn Nida-Rümelin aus München, wir hatten dort zwei gemeinsame Jahre, es gab Projekte zwischen dem Goethe-Institut und der Stadt München. Ich denke, dass Herr Nida-Rümelin mit seinem Interesse an zeitgenössischen Kunstformen ein guter Partner ist. Er hat auch erkennen lassen, dass unser Projektmittel-Etat im nächsten Jahr angehoben wird. Darüber bin ich sehr froh.
TH Gerard Mortier, der auch zeitweise als Intendant der Berliner Festspiele im Gespräch war, leitet jetzt die Triennale in Nordrhein-Westfalen, eine Konkurrenzveranstaltung. Was bedeutet das für Sie?
Sartorius Es ist gut, dass Naumann mit seiner Fokussierung auf Berlin einen enormen Wettbewerb ausgelöst hat. Es ist ja nicht nur Herr Mortier, der das Ruhrgebiet aufpolieren soll, Hessen hat Hilmar Hoffmann ernannt, auch dort werden sozusagen gegen Berlin wunderbare föderale Projekte auf Landesebene geschehen, und Herr Zehetmaier wird ebenfalls nicht ruhen. In einem Land wie der Bundesrepublik muss es diesen Wettbewerb geben.
TH Aber innerhalb dieses Wettbewerbs, in dem das Föderale jetzt wieder betont wird, sind Sie es, dem es obliegt, die Hauptstadt zu repräsentieren. Die erstmals auch wieder eine echte Kapitale ist.
Sartorius Sie wollen mir jetzt die ästhetische Geschichtsschreibung der Berliner Republik ans Herz legen? Das ist natürlich eine spannende Aufgabe. Ich denke, mit den anfangs angerissenen drei Gebieten – Impulse von außen, ein Scharnier sein nach Osten und die Orientierung auf Zukunft – können wir ihr gerecht werden. Dazu müsste die Debatte kommen – das machen mittlerweile wirklich alle, vom Roten Salon bis zum Einstein-Forum. Was wir versuchen müssen, sind große thematische Setzungen, für die man Aufträge vergeben kann, an Komponisten, Theaterautoren, bildende Künstler. Die Überlegungen gehen bereits bis 2005, bedürfen aber noch der Konkretisierung.
TH Sie sind ja auch äußerst knapp berufen worden.
Sartorius Das ist richtig. Jeder normale Opernintendant hat zwei Jahre Vorbereitungszeit, und mein künstlerisches Team fängt überhaupt erst in diesen Monaten an, Herr Luchsinger erst im September. Ich will auch nicht alles bereits entschieden haben, wenn diese wichtigen Mitarbeiter antreten.
TH Diese Ruhe ist ja ganz legitim für jemanden, der einen Fünfjahresvertrag hat und mit jetzt 54 auch noch ein zweites Mal wollen darf. Reizen kann einen eine solche Aufgabe doch eigentlich nur unter einer langfristigen Perspektive, die Zeit lässt zum Aufbau und auch noch zur Ernte.
Sartorius Natürlich. Der Reiz liegt in dieser Perspektive.
TH Aber wie sieht das auf der anderen Seite aus? Denkt Ihr Partner, der ja an Wahlperioden gebunden ist, genauso? Wie sieht es denn mit der finanziellen Sicherheit für diese mittel- bis langfristige Perspektive aus?
Sartorius Mir ist eine progressive Aufstockung des Etats von Herrn Nida-Rümelin versprochen worden. Ich glaube, er hat verstanden, dass der Bund nicht einfach ein Haus übernehmen kann, sei es dieses hier, sei es das Jüdische Museum, ohne die Dynamik zu sehen, die ein erfolgreiches Haus entfalten wird. Und die kostet Geld. Dafür muss der Bund da sein. Und dafür scheint es ein Bewusstsein zu geben. Natürlich, nächstes Jahr gibt es Wahlen...
TH ... und versprochen wird viel. Aber Sie lassen sich nicht verdrießen.
Sartorius Im Gegenteil. Jede Anfangsphase hat etwas Leichtes und Beglückendes. Der Kopf schwirrt von Projekten.
Das Stück
Dea Loher
DER DRITTE SEKTOR

© Verlag der Autoren, Frankfurt/Main 2001

Dea Lohers «Der dritte Sektor» spielt nicht im outer space, sondern in einer anderen Art Zukunft. Die Beschäftigungs-Perspektiven der postindustriellen Gesellschaften liegen im Dienstleistungsbereich, heißt es. Dass der Arbeitsmarkt von morgen auch eine Vergangenheit hat, weiß niemand besser als die Anna, die Martha und der Meier Ludwig.

Dimiter Gotscheff wird das Drama der Lebensarbeitszeit am Hamburger Thalia Theater inszenieren mit Almut Zilcher, Hildegard Schmahl, Victoria von Trautmannsdorff und Markus Graf.

Premiere ist am 16. Mai.

Personen
Anna, genannt Nani; Schneiderin; klein, korpulent, stark kurzsichtig.
Martha, Köchin; ehemals groß und stattlich; aufgrund eines Hüftleidens bewegt sie sich entweder mit Stock oder im Rollstuhl vorwärts.
Xana, sprich Schana; Putzfrau; kommt aus einem Ausland; sehr bleich und stumm.
Meier Ludwig, dargestellt von seinem Hund; Chauffeur.

Anna und Martha sind etwa gleichaltrig und befinden sich weit jenseits einer Rentengrenze, ebenso Meier Ludwig.
Xana ist deutlicher jünger als die vorgenannten, vermutlich um die 40.
Die Rollen von Anna und Martha können auch von jungen Frauen übernommen werden, die das Alter spielen können, oder von Männern.

Ort
Kahler Raum. Schäbig und spärlich möbliert. Auf einer Seite eine Tiefkühltruhe. Im Hintergrund das Karosserie-Skelett eines Autos, anfangs mit einer Plane zugedeckt.

Zeit
Das Stück spielt in den letzten Jahren der Gegenwart.


Eine Hommage an die Steiner Anna †
und die Kraus Martha †.
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