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Wer sich zur Vorbereitung auf die Saison durch eine Kiste Spielzeitprospekte blättert, findet viele wahre, warme Intendantenvorworte voller schönster Versprechungen. Nichts dagegen, aber es geht auch anders. Im Heft des Maxim Gorki Theaters findet sich ein kleiner Originalbeitrag von Wolfgang Engler, dem Soziologen, Autor und Rektor der Ernst-Busch-Schule. Eine Denkpause:

Sekunde durch Hirn

Einer sehr pessimistischen Philosophie zufolge ist die Entfremdung in Gesellschaften der bei uns vertrauten Art so weit vorangeschritten, dass kein Rest bleibt, keine Regung, kein Wunsch und kein Begehren, die nicht die Imperative der vermarkteten und verwalteten Welt vollstrecken.
Das Bestechende an dieser düsteren Interpretation ist ihre Unwiderlegbarkeit. Wer widerspricht und dabei auf seine Freiheit pocht, verrät nur seine Naivität. Er (oder sie) hat einfach noch nicht gemerkt, dass das «System» längst die innersten Bezirke des Selbst erobert und seinen Sinn genormt, geformt hat. Was immer sich die Individuen vorstellen, was sie denken, wollen, wählen – es fügt sich, wie von höherer Hand geleitet, in die bestehende Ordnung ein. Die «Multioptionsgesellschaft» ist ein grandioses Ablenkungsmanöver, Teil des Plans einer Vorsehung, die ihr Werk – fundamentale Alternativen aus den Köpfen und dem Streben der Menschen zu verbannen – mit rein irdischen Mitteln vollbringt. Dem Anschein nach kontrastreich, vielfältig, individualistisch wird das Leben in Wahrheit von Monotonie und Konformismus beherrscht und verströmt im festen Griff des falschen Insgesamt. Ich halte diese schwarze Utopie für übertrieben, werde mich aus den angedeuteten Gründen aber nicht aufs Glatteis einer Beweisführung begeben.
Ich werde hier folglich weder von meiner Freiheit sprechen noch von der Freiheit im Allgemeinen. Auch nicht vom Denken und vom Zweifeln, den rationalen Schirmherren des untrüglichen, unverfälschten Daseins, Adieu (für dieses Mal) René Descartes.
Ich rede, der Hoffnung zuliebe, von der Verletzbarkeit und vom Leiden, vom sozial bedingten Leiden, so alltäglich wie verstörend. Wenn irgendetwas imstande ist, den «glücklichen Positivismus» der Jetztzeit in die Schranken zu weisen, dann sie. In ihnen findet der große Betrug seine Meister, weil dessen Komplize, der Selbstbetrug, aus dem Gleichschritt gerät, urplötzlich. Wie aus heiterem Himmel wird das noch eben funktionsgewisse, dienstbereite Individuum von einer tief sitzenden Müdigkeit erfasst, von unbestimmter Trauer überfallen, in «Seinsverlegenheit» gestürzt. Etwas stimmt nicht, «draußen» nicht und nicht in mir, ahnt das dämmernde Gemüt und findet nicht die Zeit, dem, was in ihm aufsteigt, nachzusinnen. Schon schlägt der nächste Blitz ein und reißt eine niemals wieder zu schließende Lücke in den Bewusstseinsstrom. Infinitesimale Unterbrechungen der Kontinuität, Momente unbewusster Helligkeit: Die Zuckungen der menschlichen Natur bieten jeglicher Exploration des gegenwärtigen Weltzustandes, sei sie philosophischer, künstlerischer oder wissenschaftlicher Natur, einen Ariadnefaden dar.
«Sekunde durch Hirn», so hieß eine Sammlung expressionistischer Prosa, die noch zu DDR-Zeiten erschien.
Sie ist mir ebenso abhanden gekommen wie die Erinnerung an die einzelnen Stücke; geblieben ist der Titel, und der passt heute, mitten im Crash einer Frivolitätsepoche, ganz vorzüglich.
Ein großer Gelehrter des zwanzigsten Jahrhunderts, Norbert Elias, hat einmal etwa Folgendes gesagt: Die soziale Welt, wie Menschen sie zumeist erleben, entspricht nur selten ihren Wünschen. Aber es liegt im Bereich dermenschlichen Kraft, sie diesen Wünschen entsprechender zu machen.
Dazu muss man die Wünsche aufspüren (bei sich, bei anderen), ehe sie sich ängstlich verpuppen – oder hernach, während ihres Ausbruchs aus dem Kokon. Ein jähes Augenzucken, ein sprachlicher Aussetzer, der ringsum Peinlichkeit erzeugt, eine Handbewegung, die sich in der Welt verliert, ein Augenaufschlag, freigiebig, verschwenderisch, fern jeder Berechnung ... lauter Sekundenwachzustände des Individuums, derweil es sich abwesend dünkt; unschätzbares Material für eine Phänomenologie der Gegenwart, die sich den Nerv nicht ziehen lässt.

VON WOLFGANG ENGLER
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