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Theater des Jahres, Jahrbuch 2009
Theater des Jahres 2009 «Ich glaube an die produktiven Nester»

Frank Baumbauer kommt es inzwischen ganz einfach vor, ein Stadttheater erfolgreich zu leiten. Das ist es vielleicht auch – wenn man weiß, wie es geht: die wichtigsten Berufsgeheimnisse

FRANZ WILLE Herr Baumbauer, Sie haben sich 2000 in Hamburg nach sieben Jahren vom Deutschen Schauspielhaus verabschiedet, als das Theater auf der Höhe seines Erfolgs war. Danach in München 2001 war der Start nicht einfach; es hat gedauert, bis sich die Kammerspiele in der Außenwahrnehmung und beim Publikum durch gesetzt haben. Jetzt verabschiedet sich Herr Baumbauer wieder. Warum hören Sie eigentlich immer auf, wenn’s am schönsten ist?
FRANK BAUMBAUER Ich habe Sorge vor der Routine, derman im Erfolg nicht entgehen kann. Ich jedenfalls nicht. Wenn man keinen Erfolg hat, stellt sich die Frage anders. Ich weiß, wie schnell die Erotik verblassen kann. Man denkt immer noch, man sei der tollste Typ im Lande, und keiner traut sichzusagen, dass es langsam Zeit wird, aufzuhören. Um dem zuvorzukommen und als Flucht vor der eigenen Befürchtung, höre ich lieber selbst auf. Der Wechsel eines Hauses oder einer Stadt ist einfacher, als im eigenen Haus mit demähnlichen Personal etwas Neues zu beginnen. Deshalb haben wir Intendanten auch das Privileg, die Theater und Städte wechseln zu dürfen. Das Problem meines Berufes ist, dass man es zwei Jahre vorher wissen und ankündigen muss. Wenn die ersten Anzeichen von Ermüdung auftreten,wäre es scho nzu spät. Außerdem habe ich Kraft, Lust und Motivation, immer wieder etwas aufzubauen, aber ich bin wahrscheinlich kein Langstreckenläufer.

FW Wenn ich mich nicht verrechnet habe, sind Sie 23 Jahre Intendant gewesen: erst drei Jahre am Münchner Residenztheater, dann fünf Jahre Basel, dann sieben Jahre Hamburg, dann wieder acht Jahre an den Münchner Kammerspielen. Und jedes Mal gehörten die jeweiligen Bühnen bald zu den ersten, wichtigsten Orten im Land. Wie macht man das? Wie entwickeln Sie ein Theater so, dass es in der Stadttheater- Landschaft, in der es sich messen muss, nach oben durchschlägt?
BAUMBAUER Das ist erstmal nicht die Ambition, wirklich nicht. Im ersten Moment liegt die Aufgabe vor Ort. Wenn die Arbeit in einem neuen Theater wie ein Berg vor mir steht, kann ich mich voll und ganz verausgaben und daran abarbeiten. Dass es dann eine Außenstrahlung bekommt, ist natürlich schön, aber nicht das Kalkül. Die Aufgabe, nach meinem Vorgänger Dieter Dorn in einem Theater, das geliebt wird, das ausverkauft ist, das ein tolles Ensemble hatte, eine neue Baustelle zu eröffnen, diewar riesig – da habe ich an nichts anderes gedacht. Wie man das Theater aus seiner Hermetik herausführen und in eine neue Zeit führen kann. Von Hamburg davor haben mir auch viele abgeraten – das Schauspielhaus galt als unregierbares Himmelfahrtskommando. Und das Glück von Basel ...

FW ... wo Christoph Marthaler seine allerersten Inszenierungengemacht hat, Frank Castorf «WilhelmTell » inszeniert hat, Jossi Wieler regelmäßig arbeitete ...
BAUMBAUER ... war gar nicht so einfach zu vermitteln. Da ist doch damals kaum einer hingefahren. Da reiste doch nur an, wer weiter nach Italien wollte, so sehr wir uns angestrengt haben, Leute anzulocken. Der Erfolg hatte immer nur mit einer hochkonzentrierten Arbeit vor Ort zu tun.

FW Wäre so ein Aufbruch wie in Basel von 1988 bis 1993 an einem vergleichbar «mittleren» Theater heute noch möglich?
BAUMBAUER Glaube schon. Obwohl zu unserer Zeit die finanziellen Spielräume noch gut waren. Als ich dorthin kam, konnte ich die Ensembles vergrößern, habe den Ausgleich der Tariferhöhungen ebenso wie der allgemeinen Kostensteigerungen für die Dauer meines Vertrags zugesagt bekommen.

FW Danach ging es allerdings finanziell bergab.
BAUMBAUER In der Tat, die verschiedenen Sparstufen danach waren vernichtend. In Hamburg hatte ich dann den gleichen Vertrag wie in Basel gefordert, und der Kultursenator hat ihn auch so unterschrieben, nicht wissend, dass er dies nach Hamburger Haushaltsrecht gar nicht zusagen kann. Danach wurde nur noch gespart und konsolidiert. Natürlich ist es heute unter diesen Bedingungen in der Provinz schwieriger. Ich sehe, wie Barbara Mundel in Freiburg hyperventilieren muss, um voranzukommen! Da hatten wir es leichter. Trotzdem finde ich beim Durchblättern der Spielzeithefte die Starts in der nächsten Spielzeit am sympathischsten, die tatsächlich neu anfangen und nicht nur bewährte Teams an einen anderen Ort transferieren. Und das ist im Prinzip überall möglich. Ich glaube an die produktiven Nester. Man muss nicht auf dem Rialto einkaufen gehen. Es gibt genügend Künstler, die das Feuer in sich tragen.

FW Stichwort Teambildung. Wie funktioniert das mit 300 Mitarbeitern, einem großen Ensemble?
BAUMBAUER Wichtig ist die Vorbereitung einer Intendanz, die Auswahl und Zusammenstellung der richtigen Leute.Dafür braucht man Zeit. Zu knapp einen Vertrag einzugehen, kann ins Dilemma führen. Dabei geht es ja nicht nur um die künstlerischen Verabredungen, es geht um den Technischen Direktor, den Kaufmännischen Direktor, die entscheidenden Stabstellen. Da muss man sich immer wieder fragen: Sind die das? Kann ich sie für das gemeinsame Ziel genügend öffnen und motivieren? Jetzt im Nachhinein kommt es mir ganz einfach vor, obwohl ich in jeder Stadt meine Fehler gemacht habe. Man muss allen vermitteln können, dass SIE gemeint sind.Und dann die Verantwortung weitergeben. Ich verdanke die Erfolge meinen Mitarbeitern – und ich habe ihnen dann auch den Erfolg gelassen.Wenn das gelingt, wird es ganz leicht, in eine Gemeinsamkeit zu kommen.

FW Und beim Ensemble?
BAUMBAUER Nicht anders. Man muss sehr, sehr genau wissen, wen man engagiert. Auch den Mut haben, sich zu trennen. Auch wenn es sich umscheinbare Unkündbarkeiten handelt; wenn man mit jemandem partout nicht arbeiten kann, wird man eine Lösung finden. Und was man da am Anfang einer Intendanz nicht schafft, dem hinkt man dann ewig hinterher.

FW Wer trifft diese Entscheidungen?
BAUMBAUER Ich alleine. Die Dramaturgie beziehe ich dabei ein. Ich sage ja nicht im Vorfeld: Lieber Luk Perceval, ich habe da einen ganz tollen Schauspieler gesehen, fahr doch da bittemal hin und schau ihn dir an. Das fange ich gar nicht erst an, weil ich sonst nur in Teufels Küche komme. Denn dann findet ihn Jossi Wieler so, und Johan Simons findet ihn wieder anders und so weiter. Ich muss da an mich selbst glauben, dass ich weiß, wer für diese Konstellationen und für dieses Haus richtig ist, und dann das Vertrauen der anderen haben, dass sie mir folgen.

FW Ein dominierender regieführender Intendant hat es da leichter. Er trifft solche Entscheidungen für seine eigene künstlerische Arbeit.
BAUMBAUER Sicher, aber ins feste Engagement habe ich noch niemanden von heute auf morgen geholt. Davor gab es Flirtkaskaden, die sich manchmal über Jahre erstreckten. Sandra Hüller zum Beispiel ist noch nicht fest, wird jetzt aber ins Ensemble kommen. Oder etwa Nina Kunzendorf in Hamburg, in der Schule gesehen, beim Abschluss. Ich habe ihr damals gesagt: «Ich würde Sie gerne engagieren, kann es aber nicht, weil es junge Schauspielerinnen am Schauspielhaus gibt, und aus zweien drei zumachen, hilft keinem.» Dann ist sie nach Mannheim gegangen, ich habe sie zwei Jahre in ihren dortigen Rollen gesehen, und als eine Position im Ensemble des Schauspielhauses frei war, wechselte sie nach Hamburg. Das gleiche gilt für viele, auch für Regisseure. Ein langer Anlauf ist wichtig, so dass derjenige,welcher dann kommt, nicht mehr fremd ist. Dann beginnt die gemeinsame Arbeit am Ensemble.
Ich erinnere mich noch gut,wie ich zu Johan Simons sagte, kümmere dich bitte mal um diesen Schauspieler, er ist seit zwei Jahren hier, aber wir kriegen bei ihm den Knopf nicht auf. Irgendwas funktioniert nicht, wir haben es schon in verschiedensten Konstellationen versucht, könntest du bitte mal mit ihm arbeiten? Und siehe da! Ähnliche Geschichten könnte ich von Kriegenburg erzählen oder früher noch von Ingmar Bergman. Von Marthaler gar nicht zu reden, von dem ich sehr ernsthaft für jede Inszenierung zwei neue Schauspieler in der Besetzung erbeten habe. Und am Ende von sieben Jahren Hamburg ist dann alles ein gewachsenes Ensemble. Es hat viel mit Vertrauen zu tun, und ich rede da nicht von einer kitschigen Insel der Seligen! Es ist so einfach. Das ist unsere gelebte Realität, keine Utopie.

FW Vertrauen ist das eine, Autorität das andere. Wenn man mit Ihren Mitarbeitern über Sie spricht, dann spürt man großen Respekt, aber auch eine starke Forderung. Ein Ex-Baumbauer- Dramaturg hat mir mal gesagt, die Entscheidungen an Ihrem Theater fallen morgens um halb zehn. Das war ihm auf die Dauer doch etwas zu früh.
BAUMBAUER Ja, den kenn ich. Klar, der eine ist eben nachts ein bisschen wacher, der andere tagsüber. Stimmt schon.Wir versammeln unsmorgens, um über die täglichen Abläufe, die Vorschau auf Wochen und Monate zu sprechen, über sehr Aktuelles wie auch über künftige Planungen und Verabredungen, über Projekte und Gastspiele und vieles mehr. Da kann man viel vorantreiben oder auch stoppen. Und da wünsche ich mir viele Kolleginnen und Kollegen am Tisch. Inzwischen ist es ja so, dass unsere kinderreiche Dramaturgie morgens um sechs aufstehen muss, und wenn sie dann die Kinder in Schule, Hort und Kindergarten gebracht haben, so gegen neun, sind sie alle schon sehr wach ... Aber: Es kommt, wer kommen will.

FW Und wer nicht dabei war, hat Pech gehabt.
BAUMBAUER Lacht zustimmend

FW Barbara Ehnes schreibt im Abschiedsbuch nach acht Jahren Intendanz Baumbauer: «Alle Energien sind auf die Bühne gerichtet, der Intendant ist im Hintergrund immer präsent.» Wann sind Sie im Haus?
BAUMBAUER Normal von viertel vor neun bis Vorstellungsbeginn, manchmal logischerweise länger, je nach Anlass und Verabredung. Das durchgehend, es lohnt sich nicht, zwischendurch nach Hause zu gehen. Der Rhythmus hat sich eingefahren. Bei 15 oder 16 Premieren in der Spielzeit sind auch immer Endproben, ist ja nicht so, dass mal 14 Tage nichts Neues rauskommt. Ich muss das Theater in die Hand nehmen, muss es spüren,muss es drehen, kneten, fühlen. Vielleicht muss ich mit Anstrengung etwas wettmachen, was anderen viel leichter fällt. Oder die es leichter nehmen. Aber Indentant-Sein ist inzwischen wirklich ein Beruf. Früher gabs Schauspieler, die haben das nebenher gemacht, oder es gab kluge Dramaturgen, die konnten ein Theater leiten, oder ein Regisseur mit ein paar Erfolgen wurde sofort Direktor. Mittlerweile ist es schon komplizierter geworden.

FW Was hat sich da geändert?
BAUMBAUER Wenn mich etwas drückt von morgens bis abends, dann die Verantwortung. Wenn man sie hat für ein Theater in unserer Zeit, das immer gefährdet, angeschossen und in Frage gestelltwird, für 300 Mitarbeiter, für die Schauspieler, für ein Riesenpublikum, dann wird daraus eine ziemlich umfassende Tätigkeit. Künstlerisch sowieso, dann muss man das Haus führen können, nach außen vertreten, es gegenüber der Politik, den Finanzen, den Baureferaten, den Dienststellen verorten. Außerdem kommen automatisch verschiedene Aufgaben dazu, die man übernimmt – entweder fürs eigene Haus oder für den öffentlichen Stellenwert von Theater. Dann beteiligt man sich eben etwa im Rundfunkrat, ist in Ausschüssen, Seminaren, Symposien und Gremien. Alles ist sehr umfassend, und obwohl ich für die einzelnen Bereiche exzellente Fachleute im Haus habe, muss doch der Intendant in beinahe allen Bereichen Präsenz zeigen, beispielsweise vor den Kulturausschuss treten und fachkundig über Inhalte oder Finanzen und anderes referieren, sonst nehmen die Politiker das Theater nicht genügend ernst oder fühlen sich nicht ernst genommen.

FW Verantwortung klingt so gesichert, kann man auch Angst sagen?
BAUMBAUER Angst wäre das falscheWort: Es ist die Sorge,nicht zu genügen. Mir fliegen die Dinge nicht zu; ich bin zwar gut ausgebildet, weil ich in vielen Theaterbereichen gearbeitet habe, von allem so viel verstehe, dass ich ernst genommen werde, und ich respektiere genauso die Arbeit der anderen: die des Schreiners wie der Öffentlichkeitsarbeit wie der tollen Planung des Betriebsbüros. Und ich möchte mit dem Schauspieler nach der Probe so reden können, dass er etwas von dem Gespräch hat. Ich will da nicht bluffen. Und noch zu Barbara Ehnes: Natürlich sehe ich mir mit ihr zusammen jede einzelne Mappe der Ausstattungsassistenten-Bewerber an und überlege mit ihr, wie man sie dann fördern kann und wie man sie nach zwei Jahren Ausbildung in die Selbständigkeit bringt.

FW Wie gut kennen Sie Ihre Mitarbeiter?
BAUMBAUER Wenn ich irgendwo auf dem Gang, beim Pförtner, auf der Treppe jemandem begegne, dann weiß ich, wies ihm geht, ich weiß, ob da ein Problem ist, und ich weiß es dadurch manchmal, bevor das Problem zum Blühen kommt. Ich glaube fest daran, dass dieses Mitleben, Mitatmen im Theater einen Mehrwert hat. Man kann da eine ganze Menge auffangen, nicht nur in der Besänftigung, auch in kritischer Klarheit und Hilfe.

FW Sitzen Sie in den Endproben?
BAUMBAUER In der Regel ja. Die meiste Arbeit liegt natürlich in dem Jahr der Vorbereitung einer Produktion, dann kommt der Probenbeginn, dann kümmern sich die zuständigen Teams in den Proben um die konkrete Arbeit, aber ich bin immer auf dem Laufenden, also im ständigen Gespräch mit dem Dramaturgen, dem Regisseur, den Schauspielern. Auf die Probebühne gehe ich nie, das bringt nichts, aber die Endproben besuche ich sehr häufig und zwar möglichst von einem frühen Beginn der Bühnenproben an, damit die Schauspieler meine Anwesenheit wieder vergessen und es nichts Besonderes mehr ist, wenn ich teilnehme. Dann richte ich meinen positiven oder kritischen Kommentar zunächst ausschließlich an die Regie und Dramaturgie und beschreibe meinen Eindruck. Dann sehe ich schon, ob das Regieteam mit meiner Meinung etwas anfangen kann. Die guten Regisseure nehmen sich davon, was sie brauchen, und was sie nicht brauchen, lassen sie weg. Nur wenn eine Sache wirklich quer läuft, rege ich mich charmant auf. Dann bohre ich nach.

FW Wie sieht das aus?
BAUMBAUER Ich muss dann eben beharrlich bleiben und sagen: Die Bilder, die ihr in euren Köpfen seht, Leute, die sehe ich überhaupt nicht. Und versuche zu beschreiben, was ich sehe, damit sie wieder rauskommen aus ihrem Tunnel. Dann spreche ich mit den Schauspielern. Sie müssen dann entscheiden, ob meine kritischen Anmerkungen bei ihnen etwas auslösen oder nicht. Es sind alles mündige Kolleginnen und Kollegen, die das annehmen oder auchweglassen können. Mit den Schauspielern habe ich da nur die besten Erfahrungen gemacht. Mit den Regisseuren unterschiedliche, so unterschiedlich sie eben sind. Man kennt ja auch seine Kandidaten. Am kompliziertesten ist da vielleicht Thomas Ostermeier: Der hört sich das mittlerweile alles ganz freundlich an, aber es rauscht sowas von an ihm vorbei! Bei Jossi Wieler muss man manchmal ein Gewicht setzen, damit er sich um einen Millimeter bewegt, bei Johan Simons genügt eine Bemerkung, dann denkt er sofort drüber nach, bei Luk Perceval muss man aufpassen, dass er Kritik nicht auf sich bezieht ... wie in einer guten, großen Familie eben.

FW Schon mal vorgekommen, dass eine Produktion nicht rausgelassen wurde?
BAUMBAUER In München nicht. In Hamburg und Basel jeweils eine. Wenn etwas total missglücken wird, muss man eingreifen. Aber wenn man nur sein Ziel nicht ganz erreicht hat und in weiteren Proben auch nicht mehr erreichen wird, dann zeigt man das Ergebnis vor: Mehr haben wir nicht geschafft. Das muss man aushalten, so schmerzlich es ist. Diese Situation kenne ich noch gut aus Hamburg, gruselig, wenn man die Premierenbesucher hereinströmen sieht und denkt: Schaumal, wie sie kommen, wie sie sich noch freuen, guter Laune sind, wie ihr alle noch nicht wisst, was jetzt gleich auf euch zukommt. Und es ist nichts mehr zu ändern. (Leicht gequältes Lachen) Das ist der Alptraum. Aber manchmal oder sogar öfter fliegt ja auch ein Engel drüber, und es wird trotzdem großartig oder sogar zum Theatertreffen eingeladen. Es gibt immer mal wieder solche Überraschungen, die man mit all seinem Wissen, mit aller Erfahrung im Kreuz nicht erklären kann. Es wäre nur peinigend und höchst alarmierend, wenn man oft auf diese Hoffnung setzen müsste.

FW Als Sie Intendant am Hamburger Schauspielhaus wurden 1993, lag das Theater am Boden, und der Neubeginn galt als Himmelfahrtskommando; als sie die Münchner Kammerspiele 2001 von Dieter Dorn übernahmen, kamen sie als Sieger von Hamburg in eins der bestlaufenden, ein vor Selbstbewusstsein strotzendes Theater. Was war schwieriger?
BAUMBAUER München, weil im Bewusstsein der Öffentlichkeit niemand realisiert hatte, dass wir hier völlig neu beginnen und nicht einfach eine Erfolgsstrecke fortsetzen. Dass sich hier alles neu zusammenschüttelt und solche Prozesse dauern. Das war schwer! Vor allem, weil wir ja in der ersten Phase wussten, dass wir noch nicht so gut sein konnten. Und als dann nach zwei Jahren die Messer gewetzt wurden von allen Seiten und die Abonnenten gekündigt haben, da nicht windelweich zu werden, nicht auf Schmusekurs zu gehen, aber auch nicht trotzig zu reagieren, war nicht leicht. Es gibt auch zunehmend weniger eine normale Kritik im Sinne einer beurteilenden Auseinandersetzung, es gibt entweder einen absoluten Hymnus oder den Totalverriss. In München ist das eklatant, es gibt nur noch die Extreme, die Temperierung fehlt. Was für ein Glück damals, dass die Politik ruhig geblieben ist.

FW Einer der gängigsten Gemeinplätze im deutschsprachigen Stadttheater ist, man mache «Theater für die Stadt». Gibt ja keinen, der das nicht von sich behauptet.Wie löstman den Einspruch heute glaubhaft ein?
BAUMBAUER Ich denke, München ist dafür ein gutes Beispiel, weil die Stadt gerade noch übersichtlich genug ist für diesen Anspruch.Wir haben in den letzten Jahren festgestellt, dass sich die Leute verstärkt dafür interessieren, wenn wir in die Stadt Themen setzen und damit dem Spielplan eine Folie geben, Sonderveranstaltungen dazu programmieren ...

FW ... also die berüchtigten Spielplanmotti,mit denen ein roter Faden durchs Programm gezogen wird.
BAUMBAUER Ich bin schon so lange Intendant und hatte es nie zuvor geplant. Natürlich ist eine inhaltliche Leitplanke für die eigenen Überlegungen gut, damit man nicht überall herumkurvt, aber das ist mehr ein interner Konzentrationsvorgang, damit müsste man die Stadt nicht belästigen. Dochwirmerkten, als wir etwa mit «Die zeh nGebote», Claudels «Mittagswende» und anderen Stücken und Projekten das Thema Religion fokussierten, was da zurückkam: Wir wurden in theologische Seminare eingeladen, Menschen aus den Kirchen und aus verschiedenen Glaubensrichtungen kamen auf uns zu, plötzlich fanden wir ins Gespräch. Das hat uns den Mut gegeben, ein paar Jahre mit einem frechen Leitmotiv Schwerpunkte zu setzen. Es hat zwei, drei Jahre richtig Spaß gemacht, die Themen kamen reingeschneit, ob Migration oder Illegalität usw. Ich persönlich glaube allerdings, es ist inzwischen wieder vorbei. Man merkt jetzt schon bei den Spielplangesprächen,wie alles ein bisschen ähnlich klingt, angestrengter wird ...

FW ... das andere Standbein der Stadterforschung sind zum Teil sehr aufwendige, eher sozio-kulturelle und pädagogische Projekte von «Bunnyhill » über «Illegal» zur «Hauptschule der Freiheit ».
BAUMBAUER Wir haben diese Projekte Stadtprojekte genannt, weil sie wirklich mit der Stadt zu tun haben, sie sind auch nicht ohne weiteres nach Hamburg übertragbar oder anderswohin. Der Erfolg von «Bunnyhill»war sehr animierend und ist ja oft beschrieben worden, und es hat Spaß gemacht, mit unserer Kapazität und unserem Können auf Bevölkerungsgruppen zuzugehen, die von sich aus eher nicht ins Theater kommen. Diese Projekte sind natürlich sehr aufwendig und anstrengend, aber sie sind auch immer so getimet, dass sie die laufenden Inszenierungen nicht beeinträchtigen. Beim Finanziellen haben uns auch Kofinanzierungen von der Bundeskulturstiftung und anderen geholfen. Außerdem: Für ein Theater ist nur eins noch belastender als Überforderung und Überanstrengung – nämlich der Leerlauf. Das darf überhaupt nicht sein.

FW Im Abschiedsbuch ihrer Intendanz schreibt der Bühnenbildner Michael Graessner von «Baumbauers berühmter Erzählung von seinem Theater, seinem Weg und seinen Vorhaben. Ich war geplättet».Was erzählen Sie denn da immer den Leuten?
BAUMBAUER Einmal, nicht immer. Einmal kriegts ein jeder ab. Wenn man jemanden kennenlernt und die ersten Gespräche führt, will man von dem anderen doch etwas mehr erfahren, als nur gleich ganz schnell über Termine, Konditionen und Verabredungen zu reden. Um den Beginn einer künstlerischen Beziehung herzustellen, ist es für mich eine Frage des Respekts, sich vorzustellen und künstlerisch zu erklären: Warum man jetzt gerade hier in dieser Stadt und an diesem Theater sein muss. Da habe ich ein bisschen ausgeholt, warum ich nach München gekommen bin und das Angebot gerne annahm.

FW Und warum München? Sie hätten auch nach Berlin gehen können.
BAUMBAUER Es gab in der Tat drei Anläufe von Berlin, mich ans Deutsche Theater einzuladen. Das war zu unterschiedlichen Zeitpunkten von unterschiedlichen Senatoren, aber alle drei meinten nicht wirklich mich. Sie wollten den erfolgreichen Intendanten aus Hamburg bzw. München, aber sie haben sich nicht inhaltlich mit mir beschäftigt: Welche Ideen ich für Berlin habe, welche Rolle das Theater im Konzert der verschiedenen Berliner Bühnen spielen soll etc. Und wenn ich nicht gemeint bin, dann mache ich’s nicht.

FW Und München?
BAUMBAUER Als ich in der Überlegungsphase damals wieder intensiver Münchner Theater ansah, habe ich bemerkt, dass sich in den dazwischen liegenden 15 Jahren dort nichts wirklich verändert bzw. sich nichts wirklich Neues entwickelt hatte – gerade in einer Zeit, in der sich für mich und in anderen Städten so viel verändert hat. Das zu ändern bzw. in Gang zu setzen, hat mich gereizt. Und was bis heute daraus geworden ist, finde ich gut – so selbstbewusst bin ich. Aber es ist das Ergebnis der täglichen Arbeit von allen, die jeden Tag wieder neu geleistet werden muss. So zufrieden ich über alles bin, was wir geschafft haben – es kann ganz schnell wieder ein Rollback geben. Ich bin aber sehr froh über die Entscheidung für meinen Nachfolger Johan Simons.Was immer daraus wird, es wird auf jeden Fall ein Abenteuer mit offenem Ausgang – und das finde ich schon mal sehr gut.
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