
... zum Abschied Frank Baumbauers und ein Dankeschön für seine bemerkenswerte letzte Spielzeit als Intendant der Münchner Kammerspiele sind die 16 Stimmen, die das Haus an der Maximilianstraße zum Theater des Jahres machen! Weit abgeschlagen mit 5 Stimmen auf dem 2. Platz in dieser Kategorie Matthias Lilienthals Berliner HAU. 41 Kritiker haben in diesem Jahr ihr Liebstes, Schönstes, Bestes benannt, und fast so einig wie im Fall der Kammerspiele waren sie sich beim Bühnenbild des Jahres, das, belohnt mit 15 Stimmen,AndreasKriegenburg als rotierendes, gekipptesAuge für seine eigene Inszenierung von Kafkas «Prozess» an eben jenem Münchner Siegerhaus entwarf. Zweiter wurde mit fünf Voten Martin Zehetgruber mit seinen bühnenfüllenden Baumästen für Martin Kusejs Inszenierung des Schönherrschen «Weibsteufels» an der Wiener Burg. Ebenfalls 15 Kritiker riss als Nachwuchsschauspielerin des Jahres Kathleen Morgeneyer mit ihrer sperrig entrückten Nina hin, ein Spiel, ermöglicht vom verstorbenen Jürgen Gosch, der mit der «Möwe» am Deutschen Theater zum vierten Mal seit 2004 mit 13 Stimmen die Inszenierung des Jahres geschaffen hat. Vier Kritiker gaben ihre Stimme Christoph Schlingensief für die Ruhr- Triennale-Inszenierung «Eine Kirche der Angst vor demFremden in mir», zwei weitere für die «ReadyMadeOper» «Mea Culpa» an der Wiener Burg.
Das deutschsprachige Stück des Jahres schrieb zum vierten Mal seit 1994 Elfriede Jelinekmit «Rechnitz (DerWürgeengel)», derwortmächtigen Erinnerung an ein NS-Massaker an 180 Juden (13 Voten), ergänzt um drei weitere Voten für ihr Finanzkrisen-Stück «Die Kontrakte des Kaufmanns». Christoph Schlingensiefs Fluxus- «Kirche der Angst» galt fünf Kritikern als bemerkenswertestes deutsches Stück. Ausländisches Stück des Jahres ist Dennis Kellys Polit-Farce «Taking care of baby» (Kindersorgen) (TH-Stückabdruck 03/09), das sechs Kritiker zum Sieger kürten (plus eine Stimme für Kellys «Geld und Liebe»). Auf Rang 2 mit vier Stimmen Tracy Letts’ «Osage County/Eine Familie», je drei Kritiker konnten Simon Stephens’«Harper Regan» und Yael Ronens «Dritte Generation» für sich einnehmen.
Ein eindeutiger Fall ist 2009 die Schauspielerin des Jahres: Elf Stimmen brachte «Weibsteufel» Birgit Minichmayr hinter sich, mit je drei Voten folgen Corinna Harfouchs Arkadina in Goschs DT- «Möwe» und Sophie Rois in René Polleschs Wiener «Fantasma». Nicht ganz so eindeutig die Voten bei den Herren: Mit fünf Stimmen tänzelte Alexander Scheer als Kean in Frank Castorfs gleichnamiger Volksbühnen-Boulevardeske nach Alexandre Dumas nur knapp an Joachim Meyerhoff vorbei, dem vier Kritiker begeistert bei der Lesung seiner biografischen Erinnerungen an der Wiener Burg lauschten, wenn sie ihn nicht als Schlingensief-Alter-Ego in «Mea Culpa» bestaunten.
Bleibt noch das Ärgernis. Auch das fiel dieses Jahr bemerkenswert eindeutig aus: Ein knappes Viertel unserer Stimmberechtigten, nämlich 10, versammelten sich in der Erregung über das populistische Fernsehformat, das sich 3sat zur Verleihung seines mit 10.000 Euro dotierten Preises beim Berliner Theatertreffen hat einfallen lassen: Vier Juroren streiten sich öffentlich im «Preiskampf», den Dieter-Bohlen-Macho gab erfolgreich Claus Peymann. Gegen den alten Provokateur hatte der neue keine Chance: Abgeschlagen landete Volker Lösch, der Volkes Stimme einen wütenden «Marat»-Chor gab, mit 5 Nennungen auf dem zweiten Platz. Und da hatten sich sogar seine Verteidiger mitgeärgert: nämlich über seine Gegner. So dialektisch macht sogar Ärgern Spaß.