KinderStückePreis 2014 für Milena Baisch: Die Jurydebatte

Milena Baisch – Foto: Max BüchHeute vergab die dreiköpfige Jury, zu der die Autorin Suzanne van Lohuizen, der Dramaturg und Autor Thomas Irmer und der Kulturjournalist Patrick Wildermann gehören, den fünften KinderStückePreis (dotiert mit 10 000 Euro) an Milena Baisch und ihr Debütstück «Die Prinzessin und der Pjär». Hier die Zusammenfassung der Jurydebatte.


«Wir sind zerrissen, aber wir dürfen den Preis nicht teilen!», fasste Thomas Irmer, der Sprecher des Auswahlgremiums und somit Teil der Preisjury, die Stimmung auf dem Podium zusammen, als es für jeden Juror daran ging, ein Plädoyer auf den Favoriten aus dem Wettbewerb um den KinderStückePreis 2014 zu halten. Aufgeteilt werden an mehrere Autoren, das hatte die Festivalleiterin Stephanie Steinberg zuvor klar gesagt, darf der KinderStückePreis und das Preisgeld von 10 000 Euro nicht.

Während sich Irmer und der Berliner Kulturjournalist Patrick Wildermann es eher schwierig fanden, sich direkt für eines der Stücke zu entscheiden, hatte die niederländische Autorin Susanne van Lohuizen Probleme, den Preis überhaupt zu vergeben: «Kein Stück ist so neuartig, dass ich einem holländischen Kollegen sagen würde: Das musst du lesen!» Immer wieder holte sie zu wichtigen Grundsatzfragen des Kindertheaters aus und gab den Autoren den Rat: «Probiert mehr aus in den Formen! Kinder sind für die Magie des Theaters total zugänglich, auf der Bühne ist alles möglich!»

Van Lohuizen entschied sich dann als Erste für Milena Baischs «Die Prinzessin und der Pjär», weil das Stück sie «am meisten überrascht» und die Figuren sie überzeugt haben. Wildermann sprach sich für Thilo Refferts «Mein Jahr in Trallalabad» aus: Reffert sei sehr nah dran an der Realität der Kinder, erzähle deren Probleme «leicht, schnell, witzig» und habe ihn «am meisten mitgenommen». Somit durfte Thomas Irmer das Zünglein an der Waage sein und entschied sich, schweren Herzens, für «Die Prinzessin und der Pjär», da ihn der Text in der Genderthematik und schlicht «als Ganzes» noch etwas mehr überzeugte als Thilo Refferts Stück. Und somit stand nach anderthalb Stunden textnaher, sachlicher und spannender Diskussion um die fünf Stücke fest: Milena Baisch gewinnt mit ihrem ersten Kinderstück als erste Autorin den Mülheimer KinderStückePreis.

Das Gastspiel vom Berliner Grips-Theater hatte direkt vor der öffentlichen Jurydebatte stattgefunden: Lisasophie wird in «Die Prinzessin und der Pjär» nach dem Unterricht versehentlich in der Schultoilette eingeschlossen – ausgerechnet mit Pierre, «Pjär der Bär», wie ihn alle nennen, weil er so tapsig ist und so große Füße hat. Aber Pierre hat sich nicht aufs Mädchenklo verirrt, weil er hinter Lisasophie «her ist», wie die ganze Klasse schon lange vermutet. Nein, er will seine «mangelhafte» Mathearbeit im Klo versenken. Sie gehen in dieselbe Klasse, doch ansonsten gibt es auf den ersten Blick nichts, was sie verbindet: den Schulversager Pierre, der zweimal pro Woche zur Nachhilfe, zur Ergotherapie und zur Logopädie muss, und die Einserschülerin Lisasophie, die gerade «die wichtigste Geigenstunde ihres Lebens» verpasst, weil die Studioaufnahme der CD für Oma und Opa naht. Beide aber stehen unter enormem Druck – Lisasophie dient ihren Eltern als Vorzeige-Leistungskind, Pierre leidet darunter, seine Eltern nicht mit einer guten Note stolz machen zu können. Nach und nach entdecken sie, dass sie so verschieden gar nicht sind – ohne, dass Milena Baisch sie mit einer simplen Lösung à la «lass uns doch zusammen büffeln» abspeisen würde. Die Regisseurin Grete Pagan hat den Text leicht gekürzt und das Tempo angezogen; die Grips-Schauspieler Roland Wolf und Alessa Kordeck zeigen wunderbar witzig, wie vielschichtig Baischs Figuren angelegt sind.

Die Jury hatte das Stück schon vor der finalen Entscheidungsrunde viel gelobt: «Eine schlichte, schöne Boy-meets-Girl-Geschichte» sei das, fand Wildermann, die Dialoge hätten «Screwball-Qualität». Sie zeige außerdem, wie sehr sich Kinder selbst schon kategorisieren und unter Druck setzen. Van Lohuizen lobte das Stück als «ein Geschenk für das junge Publikum», weil die Figuren zeigten, «dass man das Spiel der Erwachsenen nicht mitspielen muss».

«Mein Jahr in Trallalabad» von Thilo Reffert, sozusagen Gewinner der Silbermedaille, ging ebenfalls ohne kritischen Einwand aus der Diskussion. Die Geschichte um Emilia, die mit ihren Eltern ein Jahr ins Ausland zieht und damit die enge Freundschaft zu Renzo und Linus auf die Probe stellt, sei, so Patrick Wildermann, «konsequent aus der Kinderperspektive und mit ganz eigenem Humor erzählt». Susanne van Lohuizen gefiel es, wie «leicht und unbekümmert» die Problematik dargestellt werde. Vergangenes Jahr hatte Thilo Refferts «Nina und Paul» den KinderStückePreis erhalten.

In die Endrunde hatte es neben Baisch und Reffert auch Michael Müller geschafft, Gewinner des KinderStückePreises 2011. Stephanie Steinberg, Moderatorin der Debatte, versicherte vorsichtshalber, es sei tatsächlich Zufall, dass ausgerechnet diese drei Autoren nun auch im Publikum säßen. Nein, nach Absprache sah es bei der lockeren und sich oft spontan entwickelnden Diskussion wirklich nicht aus. Müllers «Draußen bleiben» erzählt eine sozialrealistische Geschichte, in der ein Junge einen ganz anderen Traum träumt, als man es in seiner von Armut und Hoffnungslosigkeit geprägten Familie vermuten würde. Irmer gefiel die Idee eines Ausreißers, der im Thomanerchor singen möchte. Man merke: «Wenn diese Seite sich bei ihm jetzt nicht entwickeln darf, geht sie für immer verloren.» Wildermann verabschiedete sich dann von «Draußen bleiben» mit «blutendem Herzen»: Refferts und Baischs Texte seien sprachlich einfach noch besser.

In der ersten Runde waren schon Andreas Schertenleibs «Der Bär, der ein Bär bleiben wollte» und Rudolf Herfurtners «Mensch Karnickel» verabschiedet worden. Van Lohuizen hatte, sagte sie, beim Thema der im Krieg landverschickten Kinder, das Herfurtner behandelt, zahlreiche Möglichkeiten gesehen, es dramatisch umzusetzen – doch Herfurtner habe es sich «zu leicht gemacht». «Es ist schwieriger, mich vom Potential der Geschichte zu verabschieden als von dem Stück selbst.» Auch Wildermann nannte das Ende der Geschichte zu simpel, außerdem war ihm etwas unwohl dabei, Kindern, die noch kaum etwas von deutscher Geschichte wissen, «den Zweiten Weltkrieg als deutsche Opfergeschichte» zu erzählen. Irmer lobte hingegen, «dass dieses Thema überhaupt fürs Kindertheater erschlossen wurde».

Von Schertenleibs «Der Bär, der ein Bär bleiben wollte» trennte man sich am schnellsten. In der Geschichte von der Identitätskrise eines Bären, die auf einem Kinderbuch beruht, sah van Lohuizen eine «fabelhafte Leistung eines Performers, nicht eines Autors», während Wildermann es geradezu «fatal» nannte, wenn ein Performer während der Aufführung (so wohl geschehen) «die Kinder angeht, dass sie still sein müssen». Dann sei die Geschichte eben schlecht gebaut.

Der grundsätzlichen Kritik von Susanne van Lohuizen, das deutsche Kindertheater produziere derzeit zu viele sozialrealistische Stücke, widersprachen Patrick Wildermann und Thomas Irmer deutlich: «Im Erwachsenen-Theater war eine Zeit lang alles, was in Richtung Erzählung ging, als well-made-play verpönt», so Wildermann. «Geschichten, die mich so mitnehmen wie die von Thilo Reffert und Milena Baisch, finde ich absolut wichtig fürs Kinder- und Jugendtheater.» Auch eine Weiterung des Autorenbegriffes, wie sie der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens gerade proklamiert habe, sei im Kindertheater überhaupt nicht relevant. Und Irmer ergänzte: «Auch von einer Überförderung, wie sie beim Theatertreffen beim Thema Autorschaft verhandelt wurde, kann im Kindertheater nicht die Rede sein. Wir sind hier immer noch Pioniere der Aufbauarbeit.»

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